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Der verbotene Zungenkuss

Zeca (Erom Cordeiro) schaut Júnior (Bruno Gagliasso) tief in die Augen. Und auch Júnior schaut Zeca ganz tief in die Augen. Die beiden gutaussehenden jungen Männer stehen hinter einem Vorhang und sind wie hypnotisiert voneinander, die Stimmung ist romantisch knisternd, das Einzige was fehlt ist der Kuss. Doch bevor geküsst wird, erfolgt ein scharfer Schnitt, die Kamera schwenkt und zeigt in einer neuen Einstellung Júniors Mutter mit ihrem neuen, mehrere Jahre jüngeren Freund. Die beiden geben sich intensiv dem ersten Kuss hin, im Hintergrund der Abendhimmel und ein riesiges Feuerwerk. Boiaderos, das Caipira-Dorf im Hinterland von São Paulo, in dem die Telenovela spielt, feiert ein berauschendes Fest und beendet damit América, nach acht Monaten und mehr als 200 Folgen. Auf den Kuss von Zeca und Júnior wartet man vergeblich.
Die beschriebene Szene ist nicht etwa einer Telenovela aus der Zeit der Militärdiktatur entnommen, nein, sie ist im November 2005 im brasilianischen Fernsehen von dem Sender Globo zur Hauptsendezeit ausgestrahlt worden. Ist es also heutzutage im 21. Jahrhundert, wo in ganz Lateinamerika Gay Parades mit Millionen von Zuschauern gefeiert werden, möglich, dass ein harmloser Zungenkuss von zwei Schwulen zensiert wird? Und inwieweit entspricht dieser „verbotene Kuss“ der allgemeinen medialen Repräsentation von Homosexualität in lateinamerikanischen Telenovelas?
Telenovelas, welche sich von Soap Operas darin unterscheiden, dass sie eine klare narrative Struktur und ein absehbares Ende nach fünf bis acht Monaten besitzen, haben einen besonderen Stellenwert in Lateinamerika. Entstanden aus kubanischen und argentinischen Radionovelas Anfang der 1940er Jahre und zurückgehend auf den französischen Fortsetzungsroman des 19. Jahrhunderts, stellen sie die massenmediale Neuaufbereitung der oralen populären Kultur in Lateinamerika dar. Zurückgehend auf eine in den meisten Ländern hohe Zahl von Analphabeten und eine sehr ausgeprägte Fernsehkultur nehmen die Telenovelas oder Teleseries einen zentralen Platz im täglichen Leben vieler LateinamerikanerInnen ein. So übertreffen die Einschaltquoten der letzten Folge mancher Serie die Einschaltquoten eines Endspiels der Fußballweltmeisterschaft.

Kaum gesellschaftskritisches Potenzial

Brasilien und Mexiko sind führend in der Produktion lateinamerikanischer Telenovelas und expor­tieren in mehr als 100 ver­­schiedene Länder, darunter Russland, Rumänien, der Jemen und China. In China wurde in den 1990er Jahren sogar eine brasilianische Telenovela-Schauspielerin zur Schauspielerin des Jahres gewählt.
Das Format greift hochaktuelle Themen auf, welche die jeweilige Gesellschaft gerade in Atem hält. Aber auch anders herum funktioniert der Einfluss: „Die Telenovela besitzt die Macht, ein bestimmtes Thema aufzugreifen, so dass es in ganz Brasilien diskutiert wird,“ meint Brasiliens Telenovela-Autorin Nummer 1 Gloria Pérez. Telenovelas verfügen durch die starke mediale Präsenz über eine unglaubliche Reichweite. Drogenmissbrauch, Frauenrechte, Migration und eben Homosexualität sind einige der am häufigsten verarbeiteten Themen.
Anders als im Kino oder im Theater verfügen Telenovelas aber über kaum gesellschaftskritisches Potenzial. Es wird vielmehr das gezeigt, was innerhalb eines Produkts der Kulturindustrie möglich ist, eingebettet in eine melodramatische Erzählstruktur. Nur, dass darüber sowohl auf dem Schulhof, dem Arbeitsplatz als auch in der Disco diskutiert wird.
Für die Darstellung von Schwulen bedeutete dies über viele Jahrzehnte hinweg eine sehr stereotypisierte Art der Beschreibung, die ihren Anfang in den ersten zaghaften Versuchen in den 1970er Jahren nahm. Der in ganz Lateinamerika dominante Machismo und die offene Homophobie insbesondere der Militärdiktaturen in Südamerika trugen damals dazu bei, dass Homosexuelle vor allem übertrieben gestikulierend und in unsäglich bunten Glitzerkleidern gezeigt wurden – hauptsächlich als Friseure oder Modedesigner. Schwule wurden als „feminisiert“ dargestellt, häufig im Gegensatz zum starken Macho.
Erst in den 1980er Jahren, und parallel zu den ersten aufkommenden Gay Pride Bewegungen, wur­den zum ersten Mal nicht über­zogen stereotypisch dargestellte Schwule in Telenovela-Haupt­rollen gezeigt (Omar Omana 1984 in La Dueña, Venezuela; im konservativen Mexiko erst 1997 mit Desencuentros). Und es sollte bis in die 1990er Jahre dauern, bis sich in einer argentinischen Telenovela (Zona de Riesgo, 1992) zwei Schwule, Rodolfo Ranni und Gerardo Romano, einen Zungenkuss geben durften.
Argentinien ist auch das einzige lateinamerikanische Land, in dem vermehrt explizit homosexuelle Sze­nen in Telenovelas gezeigt wur­den und werden. Dies geht wohl darauf zurück, dass das Land stärker als die meisten anderen Länder auf dem Kontinent europäisch geprägt ist. Mittlerweile scheint in Argentinien eine Zensur wie von Júnior und Zecas beijo undenkbar. Stereotypische und karikie­rende Darstellungen von Schwulen bestanden und bestehen in Argentinien jedoch weiterhin fort.
In Chile wurde ähnlich wie in Brasilien unlängst eine homosexuelle Szene einer Telenovela vom Sender zensiert. Es sollte jedoch nicht zwangsläufig von der Freizügigkeit oder Zensur in der Darstellung auf die (Un-)Beliebtheit von Schwulen beim Hetero-Publikum geschlossen werden. So hat zum Beispiel in Brasilien 2005 ein offen über sein Sexualleben redender Homosexueller die brasilianische Ausgabe von Big Brother (BBB) für sich entscheiden können – und dies auf Kanal Globo, der den „ver­botenen Kuss“ zensiert hatte.

Lesben als „Störenfriede“

Die Geschichte der medialen Darstellung von Lesben in lateinamerikanischen Telenovelas unterscheidet sich von der von Schwulen. Argentinien hat hier keine innovative Vorreiterrolle inne. Ganz im Gegenteil, in diesem Land gab es bereits in den 1960ern eine eigene Richtung der Telenovelas mit dem Titel Mujeres en la cárcel, die auf einer machohaften Sichtweise gründete, welche lesbische Frauen als hetzerisch darstellte.
In anderen Ländern in Lateinamerika wurden Lesben in den
Telenovelas häufig als „Störenfriede“, und „Unruhestifterinnen“ charakterisiert. Die kolumbianische Telenovela Los Pecados de Inés de Hinojosa, in der lesbische Frauen dar­­­­gestellt wurden, wurde aufgrund von Zuschauerprotesten 1986 eingestellt. Zu einem Wan­del kam es erst in den 1990er Jahren.
Die realistischsten Darstellungen von Lesben entstammen heute dem Land, in dem Júniors und Zecas Kuss zensiert wurde. Meist sind es elegante Frauen aus der brasi­lianischen Mittelklasse, welche ein unabhängiges Leben führen. Dabei ist eine interessante Veränderung festzustellen: Wurde 1998 in A Torre de Babel ein lesbisches Pärchen noch aufgrund von Zuschauerprotesten in der Telenovela in die Luft gesprengt, so fanden 2003 Clara (Aline de Moraaes) und Rafaela (Paula Picarelli) in Mulheres Apaixonadas glücklich zueinander und wurden im gleichen Bett schlafend gezeigt. Schließ­lich adoptierten die beiden Frauen ein Baby, was sowohl innerhalb der Telenovela als auch in der Öffentlichkeit von allen Seiten positiv aufgenommen wurde.

Protestküsse gegen Zensur

Zwei Beispiele aus der jüngsten Zeit geben Anlass zur Hoffnung auf realistischere und differenzierte Darstellungen von Schwulen und Lesben. Zum einen ist das Machos (2003) aus dem konservativen Chile, wo zum ersten Mal eine homosexuelle Konstellation gezeigt wurde, die fernab von Klischees angesiedelt war: Felipe Braun stellt als Dr. Ariel Mercader einen brillanten Kardiologen dar, weit ab von dem karikierenden Bild des tuntigen Friseurs. Schließlich war dies 2006 auch in Kuba (El lado oscuro de la luna) der Fall, wo Homosexualität bis dahin nicht im Fernsehen thematisiert wurde – beispielsweise wurde der vielfach ausgezeichnete kubanische Gay-Film Erdbeer und Schokolade (1993) noch nie im kubanischen Fernsehen ausgestrahlt.
Ein letzter Rückblick auf Júnior und Zeca: Der in den brasilianischen Medien bereits Wochen zuvor angekündigte Kuss der beiden männlichen Schauspieler hatte heftige Diskussionen ausgelöst. Globo ließ daraufhin Meinungsumfragen durchführen. Eine hauchdünne Mehr­heit sprach sich gegen den Kuss aus.
Dies genügte der konservativen Chefabteilung des Senders, sich gegen die Ausstrahlung der Szene auszusprechen und sie zu zensieren, ohne die Autorin Gloria Pérez darüber zu informieren. Es kam zu heftigen Proteststürmen sowohl von der Gay Community als auch von sich solidarisierenden Heteros in ganz Brasilien. In Brasilia versammelten sich mehrere hunderte Schwule und Lesben vor dem Palast der Republik, um dort als Antwort auf die Zensur einen Massen beijo gay (schwulen Kuss) zu zelebrieren.

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