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Der Wu-Tang-Clan lernt Spanisch

Medellín: Eine idyllisch gelegene, modern und geordnet anmutende Großstadt im Nordwesten Kolumbiens, umgeben von einer grünen Berglandschaft, die Stadt der Blumen und des ewigen Frühlings.
Medellín: Stadt der Drogenkartelle, der Bandenkriminalität und der sicarios, der inzwischen in ganz Kolumbien berühmt-berüchtigten Auftragsmörder aus den armen barrios der nördlichen Gemeinden der Metropole Antioquias.
Medellín: Stadt der Musik und neben Cali das Salsa-Zentrum des Landes, bemerkbar an den vielen salsatecas, aber auch an der starken Präsenz dieser Musik bei fast allen Radiosendern, wo höchstens noch Vallenatos, eine eher ländlich-populäre Musik, und Mainstream-Pop und Rock, vor allem aus den USA, eine ähnliche Bedeutung besitzen. Aber auch Tango ist hier und da zu hören, schließlich starb die argentinische Tangolegende Carlos Gardel 1935 unter mysteriösen Umständen hier auf dem Flughafen.
Eine ganz andere Musikgattung dagegen ist nicht ganz so leicht aufzuspüren, eine Musik, die aber dennoch seit etwa 10 Jahren die Hörgewohnheiten, die Mode und manchmal auch die Weltsicht vieler Jugendlicher in Medellín und anderen kolumbianischen Städten verändert hat: der HipHop. Über Filme, mitgebrachte Kassetten und später das Fernsehen verbreitete sich diese kulturelle Ausdrucks- und Widerstandsform schwarzer marginalisierter Jugendlicher der US-amerikanischen Städte langsam aber beständig auch in Kolumbien. Vor allem bei den Jugendlichen der unteren Schichten – nicht aber bei den ganz armen, die weiterhin vorzugsweise Salsa hören – stieß der HipHop auf große Resonanz. In der HipHop-Kultur, bestehend aus der Musik (dem Rap), der Tanzform (dem Breakdance) und ihrer graphischen Expression (dem Graffiti), fanden sie eine für sie verständliche, leicht adaptierbare Möglichkeit der künstlerischen, sozialen und politischen Selbstdarstellung. Doch während der Mainstream-HipHop in den Vereinigten Staaten und Europa aus den Medien längst nicht mehr wegzudenken ist und zu einem Vehikel von riesigen Umsätzen in der Kommunikations- und Freizeitindustrie geworden ist, geschah dies in Kolumbien bisher nicht.

Mehr Publikum bedeutet auch Zensur

„Das Image von HipHop ist hier nach wie vor verrufen, und den Anhängern der HipHop-Kultur, seien sie nun Rapper, Tänzer, Sprayer oder bloß Fans, haftet noch immer der Ruf von kriminellen, drogennehmenden Bandenmitgliedern an, auch wenn dies die absolute Ausnahme ist“, sagt David Medina, der junge Rapper und Mitorganisator der einzigen HipHop-Sendung in der medelliner Radiolandschaft. Sie senden wöchentlich zwei Stunden Musik und Gespräche, eine Möglichkeit, die ihnen der lokale Sender „Ciudad en estereo“ in Kennedy, einem armen und verrufenen Stadtteil im Nordwesten Medellíns, geboten hat.
Sie und die meisten Rapper der Stadt sehen sich vornehmlich als Künstler, die mit friedlichen Mitteln auf soziale und politische Mißstände, die ihr Leben betreffen, aufmerksam machen wollen, ohne sich von irgendeiner Seite politisch vereinnahmen zu lassen. Genau das geschieht aber seit einigen Jahren in Kolumbien. Verschiedene NGOs versuchen zusammen mit staatlichen oder kommunalen Kultureinrichtungen die Jugendlichen von der Straße zu holen und ihnen im Rahmen von Festivals Auftrittsmöglichkeiten zu geben. Da dies in der Regel mit einer gewissen Zensur verbunden ist (nicht alles Inhaltliche darf gesagt/gerappt werden, anstößige Formulierungen müssen draußen bleiben), und viele Rapper sehr wohl erkennen, daß sie in geordnete und kontrollierbare Bahnen gelenkt und vor den Karren eines illusorischen Friedens, der auch nicht der ihre wäre, gespannt werden sollen, stößt diese wohlmeinende Vereinnahmung nicht nur auf Zustimmung. „Dort nehmen nur die weichen, korrupten und falschen Rapper – caspas (Schuppen) werden sie genannt – teil, meinen Anderson und Yasmin von Alianza Hip-Hop, der wahrscheinlich ältesten und wohl auch politischsten Gruppe Medellíns. Andere beharren nicht ganz so ideologisch auf einem „wahren“ Rap und sehen in den Festivals, die immer nachmittags und unter erheblichen Sicherheitskontrollen stattfinden, eine der seltenen Möglichkeiten, zumindest hin und wieder vor größerem Publikum auftreten zu können – schließlich wollen sie ja auch gehört werden. Auch wenn neben den ohnehin schon sehr jungen HipHop-Fans noch Kinder aus der Nachbarschaft zu den Veranstaltungen kommen und den Mythos von den harten, coolen Rappern aus dem Underground, mit dem sie selbst ganz gerne kokettieren, doch empfindlich stören…

Zwischen Stigma und Idealisierung

Doch die Frage um Teilnahme und Nichtteilnahme an diesen nicht selbstorganisierten Events – eigene Konzerte zu veranstalten ist schwierig und teuer, und von der Polizei nicht gerade erwünscht – ist nur eine der herrschenden Spannungen innerhalb der HipHop-Szene Medellíns. Längst hat sich der kolumbianische Rap, hierin der US-amerikanischen Entwicklung folgend, in verschiedene Stile geteilt, und die „Anhänger“ der verschiedenen Richtungen halten natürlich die ihre für die „wahrere“ und bessere. Und neben der vor allem nach Außen geäußerten Beteuerung einer solidarischen Einheit der HipHop-Gemeinschaft hört man doch immer häufiger und deutlicher Stimmen des Neides und berechtigter oder unberechtigter Kritik.

Politischer Rap und ‘Lado oscuro’

Aber alle, egal ob sie wie Alianza Hip-Hop einem „politischen“ Rap angehören, sich eher dem „Underground“ des Rap zurechnen, wie beispielsweise FB-7, Caos, Cerebros und Holocausto oder dem „Lado Oscuro“, der „dunklen Seite“, wie die Gruppen Monk Darkness und Sexta Inkamista, oder ob sie einen eher „kommerziellen“ und mit anderen musikalischen Einflüssen vermischten Stil wie etwa Cool Young vertreten, sie alle befinden sich in einem Spannungsfeld zwischen Stigmatisierung und Idealisierung. Stigmatisierung wegen ihrer angeblichen Nähe zu kriminellen Banden und ihres Rufes als drogennehmende „Vagabundos“; Idealisierung aufgrund ihres Status als modebewußte, junge Konsumenten. Aber vielleicht ist dies ja ein vielen marginalisierten Jugendlichen in aller Welt gemeinsames Problem.
In den cultural studies spricht man schon seit längerer Zeit von sogenannten urbanen Stämmen und transnationalen, klassenübergreifenden Gemeinschaften, die bei den globalen Jugendkulturen häufig als gemeinsamer Nenner nicht mehr vereint als eine Vorliebe für die selbe Musik, die gleiche Mode und das Aufsuchen ähnlicher urbaner Orte, seien es nun Jugendliche in New York, Mexico-Stadt, London, Johannisburg, Berlin oder Medellín. Bei der HipHop-Gemeinschaft Medellíns scheint es sich um einen solchen urbanen Stamm zu handeln, aber welches ist sein eigentliches Territorium? Etwa das lokale barrio, in dem sie leben und Musik machen? Die Stadt als Ganzes, mit der sie sich identifizieren, und in der sie Verbindungen zu den anderen Rappern haben? Ist es Kolumbien – sie nennen ihre Musik „kolumbianischen Rap“ – oder ist ihr Territorium nicht vielmehr ein globales, in dem sie mit anderen Rappern in der ganzen Welt über einen globalisierten Markt der Freizeitindustrie mit seiner internationalen Musikindustrie, seiner Mode und seinen Bildern und über die globalen Massenmedien wie die Musik-Kanäle und die internationalen TV- und Kinofilme vernetzt sind? Schließlich erfahren die Rapper Medellíns schneller von der Veröffentlichung des neuesten Wu-Tang Clan Albums in den USA als von einem großen Rap-Konzert in Bogotá.

Anderer Kontext, Anderer HipHop

Das soll aber nicht heißen, daß der kolumbianische Rap nur eine Nachahmung des US-amerikanischen ist, oder mit diesem abgesehen von der Sprache identisch sei. Die Globalisierung des Kulturkonsums führt eher zu wichtigen Bedeutungswechseln im Laufe des Prozesses des kulturellen Übersetzens von einem speziellen Kontext in einen neuen. Der „ursprüngliche“ Kontext wird zuerst dekontextualisiert und deterritorialisiert. Von dem Ausgangskontext, dem US-amerikanischen Rap mit seiner ethnisch-sozialen Komponente, verwenden und transformieren die kolumbianischen Rapper nur die Elemente, die in ihren eigenen Kontext passen. Neben dieser Transformation kommen aber auch ganz neue Elemente – sowohl musikalischer wie inhaltlicher Art – hinzu, denn die Formen von Marginalisierung und Gewalt, denen die Jugendlichen in Medellín ausgesetzt sind, sind nicht mit denen in Brooklyn identisch, und die Armut in Kolumbien beruht zum Teil auf anderen Strukturen und Ursachen als in den USA.
So berufen sich beispielsweise Sexta Inkamista auf die präkolumbinischen Kulturen und indianischen Traditionen Lateinamerikas und bringen dies auch symbolisch durch den Einsatz von gesampelten indianischen Flöten zum Ausdruck. Hier wird aus einer schwarzen Musik-Geschichte eine indianische, aus dem Bemühen nordamerikanischer Marginalisierter um ein Gehört- und Beachtetwerden wird das der lateinamerikanischen. Die neuen Elemente vermischen sich mit den „übernommenen“ und in diesem Prozeß entsteht eine hybride Kultur, die niemals frei von produktiven Mißverständnissen und Fehlinterpretationen bleibt.
Die HipHop-Gemeinschaft Medellíns ist also genauso Teil einer globalen HipHop-Kultur wie sie Teil des nationalen und lokalen HipHop ist. Je nach Anlaß und Kontext, in dem sie gerade agieren, betonen die Rapper mal diese, mal jenes mehr und besitzen folglich, bewußt oder unbewußt, eine multiple, bewegliche und hybride Identität. Doch daran denken die Teilnehmer der HipHop-Party in Aranjuez, einer Gemeinde im nordöstlichen Medellín, derzeit nicht. In dem kleinen Raum, der zu verschiedenen kommunalen Veranstaltungen genutzt wird – wovon Kinderzeichnungen an den Wänden künden – stehen für einige Stunden Spaß und gute Musik im Mittelpunkt. Schon früh ist die Party überfüllt, die Luft stickig und klebrig, und auch ohne zu tanzen schwitzen die sehr jungen Besucher. Dennoch drängen immer mehr Rapper Richtung Tanzfläche. Der DJ und Rapper El Gringo ist hochzufrieden. Er spielt hauptsächlich US-amerikanischen Rap, die Leute kennen die Lieder und rappen vereinzelt mit. Später, draußen in der etwas kühlenden Nachtluft, erzählen einige Rapper, daß sie sogar aus Envigado bis hierher gekommen sind und zeigen in die Richtung, wo sie wohnen, irgendwo in einem Meer von funkelnden Lichtern.

KASTEN:
Generaciones Perdidas
(von Alianza HipHop)

En las ciudades milliones de entes / buscando soluciones
encadenados a un sistema / que tiene sus propias razones
tienen ojos pero no ven / tienen oídos pero no escuchan
tienen mucho que decir / tienen su guerra pero no luchan
aprovechando su posición / como el sistema los educó
no entienden argumentos ni razón / sus principios, su moral
son una tradición / sus pensamientos, sus palabras
son imposición / no enseñan proncipios
educan a gritos / nuevas generaciones
creciendo en conflicto / sólo señalan critican
a los jóvenes complican / mediocridad justifican
no son lo que predican.

Generaciones perdidas / que pasa con sus vidas
urgente A encontrar una salida.
Cuando era pelao / aprendió el respeto su primera regla
guerdar silencio / nunca opinar en conversaciones
siempre acatar / órdenes de mayores
la escuela lo sigue / la historia se repite
empiezan a dirigirte / comportamiento exigirte
con la idea de instruirte / para adulto convertirte
tercer paso ingreso al bachillerato / allí te preparan como soldado razo
imposición es el método / para enseñar el respeto
no exijas tus derechos / sé soldado correcto
jóvenes pensando en progresar / adultos obligándolos a matar
en Colombia es obligación / vivir bajo presión.

Generaciónes perdidas / que pasa con sus vidas
urgente A encontrar una salida.

El matrimonio es el último paso / para llegar directo al fracaso
ya en este punto / eres adulto
formarás parte / del falso mundo
no recuerdas / el punto de partida
los jóvenes ahora / significan rebeldía.

Generaciones perdidas / que pasa con sus vidas
urgente a encontrar una salida.

Parcero del barrio / no arriesgues la vida
siguiendo los pasos / de generación perdida.

Verlorene Generationen
(von Alianza Hip-Hop)

In den Städten suchen Millionen von Leuten nach Lösungen,
an ein System gekettet, das seine eigenen Regeln hat,
sie haben Augen aber sehen nicht, haben Ohren aber hören nicht,
sie haben viel zu sagen, haben ihren Krieg aber kämpfen nicht,
sie verharren in ihrer Position, wie das System es sie gelehrt hat,
sie verstehen keine Argumente, keine Logik; ihre Prinzipien, ihre Moral
sind Tradition; ihre Denkart, ihre Worte
sind Befehl ; sie lehren keine Prinzipien,
erziehen mit Schreien; die neuen Generationen
wachsen im Konflikt auf; sie lehren nur zu schimpfen,
den Jugendlichen machen sie es schwer; sie rechtfertigen Mittelmäßigkeit,
sie sind nicht was sie predigen.

Verlorene Generationen, was passiert mit ihren Leben;
es ist dringend eine Lösung zu finden.
Als er jung war lernte er als erste Regel den Respekt,
zu schweigen, niemals an Gespräche denken,
immer die Befehle der Älteren zu befolgen;
in der Schule, die folgte, wiederholte sich dieselbe Geschichte;
sie beginnen dich zu dirigieren, Verhalten zu fordern
mit der Idee dich zu instruieren, dich in einen Erwachsenen zu verwandeln;
dann der dritte Schritt, das Abitur; dort bereiten sie dich auf das Soldatenleben vor;
Auferlegung ist die Methode um Respekt zu lehren;
fordere nicht deine Rechte, sei ein korrekter Soldat;
Jugendliche, die sich entwickeln wollen; Erwachsene, die ihnen auftragen zu töten;
in Kolumbien ist es Pflicht unter Druck zu leben.

Verlorene Generationen, was passiert mit ihren Leben;
es ist dringend eine Lösung zu finden.

Die Ehe ist der letzte Schritt, um direkt zu verlieren;
jetzt, an diesem Punkt, bist du schon erwachsen.
bildest einen Teil dieser falschen Welt;
du kannst dich nicht mehr an den Ausgangspunkt erinnern:
die Jugendlichen heute bedeuten Rebellion.
Verlorene Generationen, was passiert mit ihren Leben;
es ist dringend eine Lösung zu finden.

Kumpel aus dem barrio, riskier nicht dein Leben
indem du den Spuren der verlorenen Generation folgst.

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