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Die ohne Land bauen mit dem Land

Pedro Baecker spricht kaum Brasilianisch und nur ein holpriges Spanisch. Am besten kann er sich noch in Deutsch verständigen, allerdings spricht er einen Dialekt, der vor mehr als 100 Jahren im Südwesten Deutschlands gesprochen wurde. Seine Vorfahren emigrierten Ende des 19. Jahrhunderts aus dem Hunsrück nach Paraguay und seitdem hat niemand aus seiner Familie das Land mehr verlassen. Bis Pedro vor über einem Jahr mit AktivistInnen der MST (Movimento dos Trabalhadores Rurais Sem Terra) aus Brasilien in Kontakt kam und sich entschloss, in der Bewegung der Landlosen mitzumachen und nach Brasilien zu gehen. Später will er Hof und Land verkaufen, seine Familie, die jetzt noch in Alto Paraná in Paraguay lebt, nachholen und sich einem acampamento, einer Landbesetzung, anschließen.
Aus Paraguay möchte Peter Baecker weg, weil sich die wirtschaftliche Situation auf dem Land immer mehr verschlechtert, er von den Erlösen seiner Arbeit nicht mehr leben kann und vor allem, weil es keine sozialen politischen Bewegungen, keine gemeinsame Vision gibt. Diese Gemeinschaft hat er bei der Landlosenbewegung gefunden und so arbeitet er jetzt als Freiwilliger für drei Monate in einer Brigade von rund 60 Männern aus allen Teilen Brasiliens untentgeltlich daran mit, das neue nationale Schulungszentrum Florestan Fernandes bei Guarulhos im Bundesstaat São Paulo aufzubauen.
Das Ausbildungszentrum, mit dessen Bau vor zwei Jahren begonnen wurde, ist ein ehrgeiziges, großes Projekt, das circa zwei Millionen Euro kosten wird. Im Juni 2002 soll die Schule eingeweiht werden, Hauptgebäude und Schlafsäle sollen dann fertig gestellt sein und der Lehrbetrieb wird beginnen.
Alle Arbeiter der Brigade leben in acampamentos oder asentamentos der MST. Die meisten stammen aus dem Nordosten und lebten die letzten Jahre in den Metropolen des Südens. Der Urbanisierungsprozess der letzten Jahrzehnte in Lateinamerika ist auch am riesigen Flächenstaat Brasilien nicht vorbeigegangen. 82 Prozent der BrasilianerInnen leben heute in Städten, 1960 waren es noch 45 Prozent. Viele derjenigen, die sich in den Städten eine Verbesserung ihrer Lebenssituation erwartet hatten, wurden bitter enttäuscht. Einerseits versucht die MST diese Menschen für das Land zurückzugewinnen, andererseits will die Bewegung so auch die Städte erobern.

Keine Landreform unter Cardoso…

Die MST bewegt sich mit ihren Landbesetzungen sowohl politisch als auch rechtlich auf einem extrem schwierigen und auch gefährlichen Terrain. Seit der Gründung der Bewegung im Jahre 1981 wurden, ausgehend von den südlichen Bundesstaaten Rio Grande do Sul, Santa Catarina und Paraná, im ganzen Land nach eigenen Angaben mehr als 3.000 Besetzungen durchgeführt. Indem insgesamt über vier Millionen Hektar Land besetzt wurden, konnte über 200.000 Familien zu einer eigenen Anbaufläche verholfen werden. Aber solange es keine wirkliche Landreform gibt, werden zu den auf fünf Millionen geschätzten Landlosen immer mehr dazukommen. Von einer Lösung des Landproblems ist Brasilien aber weit entfernt. Denn trotz gegenteiliger Versprechen hat es während der Präsidentschaft von Fernando Henrique Cardoso, die im Oktober 2002 zu Ende geht, keine wirkliche Reform gegeben.

… ein einziges Desaster

„Brasiliens großer Fehlschlag: Die Landreform in Lateinamerikas größtem Staat war von Beginn bis zum Ende ein Desaster“, so titelte das US-Magazin Newsweek im Januar 2002. Die Regierung in Brasília fördert die Exportlandwirtschaft und damit die großen Latifundien, um durch die Deviseneinnahmen den Real, die Landeswährung, zu stabilisieren. Auf der anderen Seite mussten in den letzten vier Jahren 400.000 kleine und mittlere Betriebe aufgeben. Nach wie vor haben über zehn Millionen Bauernfamilien nicht ausreichend viel Land, 53 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe verfügen über drei Prozent der bebaubaren Fläche, während einem Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe 44 Prozent der Betriebsfläche gehört.
Landbesitz allein bedeutet allerdings noch keine ausreichende Verbesserung für die Familien. Nachdem die AktivistInnen das Land in Besitz genommen haben, müssen sie sich beraten und die Vermarktung der landwirtschaftlichen Produkte organisieren. Dazu braucht es neben den notwendigen Strukturen – die MST hat landesweit schon über 80 eigene Produktions- und Vermarktungskooperativen – vor allem entsprechendes Know-how.
Rund zehn Prozent der Familien, die sich mit Hilfe der MST ein eigenes Stück Land erkämpft haben, geben dieses Land nach Informationen der staatlichen Landwirtschaftsbehörde wieder auf. Die Dunkelziffer wird mit 30 Prozent noch höher geschätzt. Obwohl diese Zahlen sicher mit Vorsicht zu genießen sind, weil auch eine politische Absicht hinter ihrer Veröffentlichung steht, wird das Problem auch innerhalb der MST nicht bestritten. Die meisten Familien kommen nicht direkt vom Land, sondern werden von der MST in den großen Städten „rekrutiert“. Sie erkämpfen sich ein Stück Land und wissen oftmals nicht, wie es zu bearbeiten ist, wie sie ihre Produkte vermarkten können. Und gerade für dieses (Wieder)Erlernen von landwirtschaftlichen Kenntnissen ist eine fundierte Ausbildung elementar. Dieses Ziel soll in Guarulhos erreicht werden. Neben einer Grundausbildung sollen unter anderem Fächer wie Agrartechnik und Agrarökologie, Betriebswirtschaft, Administration, Genossenschaftswesen und Kooperativenleitung sowie Recht gelehrt werden, EDV-Kenntnisse sollen vermittelt werden.
Seit Jahren schon verfolgt die MST das Konzept, eigene Ausbildungsgänge zu entwickeln und staatlich anerkennen zu lassen, so zum Beispiel zum Agrartechniker. Mit der Nationalen Schule will sie das bereits bestehende Ausbildungssystem innerhalb der Bewegung effektiver machen und erweitern, ein eigenständiges und anerkanntes Schul- und Ausbildungssystem soll durchgesetzt werden. Als Initiator einer eigenen Ausbildung innerhalb der MST wird Florestan Fernandes, ein 1995 verstorbener Soziologieprofessor aus São Paulo, angesehen. Nur folgerichtig, dass die Schule seinen Namen trägt. Der Aktivist und Politiker, ein international bekannter Wissenschaftler der Dependenztheorie, setzte sich schon früh für das Recht auf Bildung ein, ein Engagement, wegen dem er während der Militärdiktatur die Universität verlassen musste.

Die Regierung bleibt draußen

Finanziert wird das Projekt, dessen Träger ITERRA, ein von der MST gegründetes Ausbildungsinstitut sein wird, durch Mittel internationaler Organisationen wie Caritas International, durch Zuschüsse von nationalen Nichtregierungsorganisationen und durch den Verkauf der Bücher des brasilianischen Fotografen Sebastião Salgado, der die Rechte an seinen Katalogen und Veröffentlichungen der MST gestiftet hat. Ebenso durch Spenden, die von StudentInnen in Brasilien auf der Straße gesammelt werden sowie durch Spenden von europäischen Solidaritätsgruppen. So spendeten etwa italienische Gruppen mehrere 10.000 Real. Auch der Bundesstaat São Paulo wollte sich an der Finanzierung beteiligen, allerdings forderte die Regierung als Gegenleistung ein Mitspracherecht. Ein Angebot, das die MST ablehnte.
Lilian A. Lubochinski, eine in São Paulo lehrende und arbeitende Architektin hat bei ihrem Entwurf versucht, das Motto „Die ohne Land bauen mit dem Land“ auf dem insgesamt fünf Hektar großen Gelände konsequent umzusetzen. „In Brasilien haben wir die Architektur der Ungerechtigkeit als Tradition. Also große Gebäude aus Stahl und Beton und dann Hütten für die Arbeiter. Es gibt in Brasilien für öffentliche Gebäude keine eigene architektonische Sprache des Volkes. Die Herausforderung war hier, die MST als politische Bewegung auch nach außen hin sichtbar werden zu lassen, ihr politisches Konzept zu bauen.“ Dieses Konzept wird bei der Escola Nacional Florestan Fernandes in zweifacher Hinsicht realisiert.
Erstens werden die Materialien für fast alle elementaren Bauteile „aus dem Boden geholt“. So werden die tijoles genannten Lehmziegel, der Hauptbaustoff, direkt vor Ort hergestellt. Die Technologie, mit der Erde zu bauen, ist dabei auch die Verbindung zum politischen Konzept der MST. Und es ist der Versuch, eine Einfacharchitektur zu begründen. Eine Tradition, die es in Brasilien bisher kaum gibt. „Die einzige autonome Tradition in Brasilien Häuser, also keine provisorischen Hütten zu konstruieren, war eine indianische. Die industrielle Produktion und die billige Kopien vor allem der US-amerikanischen Bauweise haben bisher verhindert, dass eine eigene Bauweise von Einfacharchitektur entstehen konnte“, so die Architektin.
Zweitens soll durch die Beteiligung der Aktivisten aus den einzelnen Camps, die für jeweils drei Monate am Bauprozess mitarbeiten, den MST-Mitgliedern Kenntnisse verschafft werden, damit sie später ihre Häuser nach erfolgreichen Besetzungen ohne großen finanziellen Aufwand selbst bauen können. „Wir müssen weg von den schwarzen Plastikplanen“, so die Hoffnung von Lilian Lubochinski. Und das Konzept des Learning-by-Doing wird auch schon während der Bauphase durch Unterricht für die Brigaden ergänzt. Nach dem Arbeitstag, der um 5.30 Uhr beginnt und um 18.00 Uhr endet, stehen Kurse in Bautechnik und Geschichte auf dem Programm. Auch hier arbeiten Freiwillige, wie Roberta, eine Universitätsdozentin für Geschichte aus São Paulo. Für sie ist es ihr Beitrag im Kampf gegen die ungerechte Landverteilung in ihrem Land.
Bis die ganze Anlage, deren Energieversorgung durch Solarzellen und Gas gewährleistet wird, fertig ist, wird es noch drei bis vier Jahre dauern. Neben dem Haupthaus, in dem sich Schulungsräume, eine Bibliothek, die Lehrerräume, aber auch ein Tanzsaal befindet und den acht Wohnhäusern (davon ist eines behindertengerecht und mit Einzelzimmern ausgestaltet), sollen weitere Nebengebäude entstehen. Auch ein Schwimmbad und ein Freilufttheater für 500 Personen ist geplant. Zum Gesamtareal gehören auch Flächen für den Anbau zur Selbstversorgung und als Lehrflächen. Bislang sind dafür fünf Hektar erworben worden, weitere sieben sollen dazu kommen.

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