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Die Realisierung einer alten Idee

Alle haben hier schön gesprochen, aber mich wundert es, dass noch niemand darauf gekommen ist, ein lateinamerikanisches CNN zu entwickeln, ein CNN des Volkes.“ 2001 sprach Kubas Staatschef Fidel Castro bei einem Kongress lateinamerikanischer JournalistInnen erstmals konkret von einem Fernsehsender für Lateinamerika. So richtig ernst nahm diese Idee damals niemand. Im Grunde war es aber keine neue Idee. Schon in den 60er Jahren gab es Versuche, über neue lateinamerikanische Medien die regionale Integration voranzutreiben und so zur Schaffung einer lateinamerikanischen Identität beizutragen. Aber erst durch die finanzielle Unterstützung vor allem Venezuelas nahm die Idee konkrete Gestalt an, und 2002 begann eine Gruppe von JournalistInnen mit der ernsthaften Umsetzung.
Jetzt ist es so weit. Für Ende Mai diesen Jahres sind erste Probesendungen von Telesur geplant. Der neue Fernsehkanal wird von Venezuela mit 70, Argentinien mit 20 und Uruguay mit zehn Prozent des Startkapitals von insgesamt 2,5 Millionen US-Dollar finanziert. Es ist damit ein neues, auf einer regionalen Verteilung basierendes Finanzierungsmodell. Die Aktiengesellschaft Telesur ist offen für weitere Beteiligungen. Als erster Staat hat Kuba 19 Prozent des Aktienpakets erworben. Brasilien, finanziell in der Anfangsphase nicht beteiligt, leistet institutionelle Hilfe und stellt Sendekapazitäten zur Verfügung. Kooperationen mit unterschiedlichen, vorrangig im Staatsbesitz befindlichen Unternehmen sind abgeschlossen, so mit der staatlichen venezolanischen Erdölgesellschaft PDVSA und der brasilianischen Erdölgesellschaft PetroBras. Zudem soll sich Petrosur, der von Chávez, Lula und Kirchner Mitte Mai diesen Jahres beschlossene Zusammenschluss staatlicher Energieunternehmen beteiligen. Des weiteren laufen Kooperationsverhandlungen mit verschiedenen Fluglinien und nationalen Tourismusagenturen. Auf politischer Ebene unterstützt der Mercosur das Projekt.
In Bezug auf die Finanzierung also sicher kein „alternatives Projekt“. Nach Ansicht der Projektbeteiligten kann jedoch nur mit einem großen Wurf den kommerziellen Medienmonopolen in Lateinamerika etwas entgegengesetzt werden.

Ein strategisches Integrationsprojekt

Der Sender ist Teil eines politischen und strategischen Integrationsprojektes in einer Region, die dabei ist, ein gemeinsames politisches Bewusstsein zu entwickeln. Es geht um eine Alternative zu den markt- und meinungsbeherrschenden Sendern wie CNN oder Univisión des venezolanischen Magnaten Gustavo Cisneros. Die MacherInnen von Telesur betonen immer wieder, es gehe nicht darum, Telesur in eine Art „Telechávez“ zu verwandeln, wie von KritikerInnen befürchtet wird. Der venezolanische Staat hat mit Venezolana de Televisión bereits einen eigenen Fernsehsender und ist außerdem nicht der einzige Kapitalgeber von Telesur. Unabhängigkeit bedeutet für die FernsehmacherInnen nicht Neutralität: Telesur versteht sich als Teil einer progressiven Politik in Lateinamerika und insofern auch als Teil des progressiven bolivarianischen Venezuelas.
Das wichtigste ist aber der internationale Charakter der Leitungsgremien: Als Generaldirektor fungiert der Uruguayer Aram Aharoniam (siehe folgenden Artikel).
Im Direktorium sind außerdem noch Ana de Skalom vom argentinischen Fernsehsender Canal Siete, Beto Alemeida von der Mediengewerkschaft Brasiliens, Jorge Enrique Botero, Journalist und Dokumentarfilmer aus Kolumbien und Ovidio Cabrera, ehemaliger Vizepräsident von Radio TV Cuba vertreten.
Es ist jedoch Andrés Izarra, der Präsident des Direktoriums, der am meisten Aufmerksamkeit erregt. Izarra lebte lange Jahre in Deutschland als auch in Frankreich und arbeitete für CNN und verschiedene gegen Chávez eingestellte Medien Venezuelas. Heute ist er Minister für Information und Kommunikation und einer der prominentesten Figuren des Chavismus.
Die Berufung Izarras ist zwar einerseits umstritten, weil um die Unabhängigkeit des neuen Mediums gefürchtet wird, auf der anderen Seite ist er aber mit seinem internationalen Renommee das Aushängeschild des Senders.

Ausstrahlung weltweit

Der Fernsehsender hat seinen Sitz in Caracas in einem Gebäude des venezolanischen Staatsfernsehens. Telesur wird rund um die Uhr ausstrahlen und in den Nachrichtenblöcken zweisprachig (spanisch/portugiesisch) senden. In den ersten Monaten soll ein achtstündiges Programm erstellt werden, das täglich zweimal wiederholt wird. Die Nachrichten werden jeweils aktualisiert. Mehr als 30 Prozent des Programms sollen Informationen sein. Darüber hinaus sollen lateinamerikanische Dokumentationen und Filme aus und über den Kontinent gezeigt werden. Jeden Morgen wird ein kulturelles Magazin ausgestrahlt. Für das Nachrichtenprogramm werden ab Sendestart KorrespondentInnen in Buenos Aires, Brasilia, La Paz, Montevideo, Caracas, Bogotá, Havanna, Mexiko-Stadt und Washington arbeiten. Abkommen mit unabhängigen Medien und Nachrichtenagenturen in verschiedenen Ländern Lateinamerikas wurden abgeschlossen. Ausgestrahlt wird Telesur über Satellit. Das Satellitensignal wird auch in den USA (Zielgruppe sind hier die über 45 Millionen Menschen lateinamerikanischer Abstammung), Westeuropa und Nordafrika zu empfangen sein.
Um sich allerdings dauerhaft als Alternative in Lateinamerika zu etablieren, muss Telesur es erreichen, dass die ZuschauerInnen im ganzen Kontinent das Programm annehmen, sich angesprochen und umworben fühlen. Die gegenwärtig das lateinamerikanische Fernsehen bestimmenden Medienmonopole haben den Vorteil, dass sie nicht auf Ressourcen von Staaten angewiesen sind, sondern sich durch Werbeeinnahmen und über Gebühren finanzieren. Mit dem Auftritt von Telesur auf dem lateinamerikanischen Fernsehmarkt beginnt ein spannendes Experiment mit offenem Ausgang. Der Meinungsvielfalt wird es in jedem Fall gut tun.

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