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Globalisierungskritik on Air

Sie steht um vier Uhr früh auf, macht Essen für die Familie, arbeitet von sechs Uhr morgens bis acht oder neun Uhr abends – und das mindestens sechs Tage die Woche. Aide Silva pflückt Blumen auf den Plantagen Kolumbiens, Blumen für den Export: für die KundInnen in den USA, Japan, der EU. „Schuften in der globalisierten Ökonomie“, heißt der Beitrag, der Aide Silva zu Wort kommen lässt. Ihre Stimme ist neben vielen anderen auf der CD „Wandel statt Almosen“, die das Radioprojektes Onda nach dem EU-Lateinamerika-Gegengipfel im Mai dieses Jahres herausgegeben hat, zu hören.
Dem Radio wurde vor wenigen Jahren noch eine düstere Zukunft prophezeit: Fernsehen und Internet schienen zu mächtige Konkurrenten für ein Medium, das ganz ohne Bilder, allein mit dem Ton auskommen muss. Doch es kam anders als zunächst gedacht: denn gerade das Internet entpuppte sich als das perfekte Medium für das Radio – die Produktion von Hörbeiträgen und der LiveStream übers Netz ist selbst mit geringer technischer Ausstattung möglich.
In Lateinamerika haben Community Radios und unabhängige Sender eine lange Tradition. Sie spielen nach wie vor eine wichtige Rolle als Kommunikationsmedium. In den großen Radio-Netzwerken wie ALER oder AMARC haben sich weit über hundert Radios aus dem gesamten Kontinent zusammengeschlossen. Die Radio-Szene ist lebendig und hat in den letzten Jahren zahlreiche neue Formen hervorgebracht – wie das Radioforum als eine neue, interkulturelle Form der Berichterstattung über die großen Treffen sozialer Bewegungen. Ein solches fand anlässlich des EU-Lateinamerika-Gipfels vom 10.–13.Mai in Wien statt. Während die Staatschefs ihre „strategische Partnerschaft“ zelebrierten, trafen sich zur gleichen Zeit Teile der sozialen Bewegungen beider Kontinente zum Alternativgipfel Enlazando Alternativas II. Das Radio RMR aus Uruguay hatte das erste Radioforum Europas angeregt, und so trafen sich in Wien RadiomacherInnen aus ganz Europa und Lateinamerika und produzierten gemeinsam über neun Stunden Programm jeden Tag.
Mit dabei war auch das Radioprojekt Onda vom Nachrichtenpool Lateinamerika. Aus der Vielzahl der Interviews, Mitschnitte und Diskussionen, die auf dem Alternativgipfel aufgenommen wurden, hat Onda nun eine CD zusammengestellt. Acht Beiträge behandeln je einen thematischen Schwerpunkt des Gipfels, von Biopiraterie bis Militarisierung, Wasserprivatisierung bis Ernährungssicherheit. Zu Beginn wird der aktuelle Stand der Beziehungen EU-Lateinamerika analysiert. Anschließend wird gezeigt, wie diese sich in verschiedenen Bereichen auf die Betroffenen auswirken. Die Landfrage, die Arbeitsbedingungen von Frauen in den Maquilas, Wasserprivatisierung oder der Goldabbau werden in kurzen, prägnanten Beiträgen auch themenfernen HörerInnen verständlich gemacht. Und sie lassen dabei auch viele zu Wort kommen, die sonst wenig Gelegenheit haben, ihre Sicht der Dinge zu schildern. Wie Aide Silva.

Radio Onda: Wandel statt Almosen, CD, 75 min. gegen eine Schutzgebühr von 3 € zu erwerben bei Nachrichtenpool Lateinamerika, Köpenicker Str.187/188, 10997 Berlin, www.npla.de

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