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Sünden in der heiligen Zeit

Plötzlich taucht die Jungfrau Maria auf. Im weißen Kleid, mit bunter Schürze und goldener Krone prächtig herausgeputzt, sieht sie undurchdringlich den jungen Mann an, der verloren die Straße entlang schlendert.
Dies ist die erste Begegnung zwischen dem Mädchen Madeinusa aus dem peruanischen Andendorf Manayaycuna und dem Fotografen Salvador aus der Hauptstadt Lima. Er reist per Anhalter und ist in Manayaycuna gestrandet, weil der Fluss zu viel Wasser führt, um ihn zu überqueren. Für Madeinusa ist sein Name Programm, ihr Salvador, ihr Retter soll er sein. Denn sie will dem beengten Leben entfliehen, das sie mit ihrem Vater und ihrer Schwester Chale führt. Ihrer Mutter will sie folgen, die nach Lima gegangen ist und deshalb von Chale gehasst und von dem Vater vermisst wird. Madeinusa versucht sich in der komplizierten Kleinfamilie zu arrangieren. Ihre kleine Schwester ist eifersüchtig, weil Madeinusa die Hübschere ist, der Liebling des Vaters. Der Vater sieht seine Töchter als Ersatz für die verlorene Ehefrau, in jeder Hinsicht. Für Madeinusa ist das eine Sünde – außer in der heiligen Zeit.

Eine kleine Welt und ihre Werte

Diese „heilige Zeit“ ist die Osterwoche. In Madeinusas Dorf werden die Tage zwischen Karfreitag und Ostersonntag ekstatisch gefeiert. Denn am Freitag schließt Jesus die Augen und stirbt, das heißt: Gott ist tot. Bis zum Sonntag kann er keine Sünden sehen. Die DorfbewohnerInnen nutzen die gottlose Zeit aus. Auch Madeinusa, die bei der Prozession die heilige Jungfrau sein darf, holt sich, was sie will. Auch, wenn es dem despotischen Vater nicht passt.
Minutenlang folgt die Kamera den Menschen und ihren Ritualen, die eine Mischung aus christlichem und indigenem Glauben sind. Sie zeigt die ernsten Gesichter und getragenen Gesänge, die den Tod Jesu begleiten. Das Lachen, als danach der Bürgermeister endlich die erste symbolische Schüssel zu Boden wirft und alle beginnen, zu feiern. Den alten Mann, der mit der Sonne auf dem runzligen Gesicht seinen Hut zieht, als Madeinusa als Jungfrau verkleidet zur Kirche getragen wird.
Claudia Llosa, die Nichte des bekannten peruanischen Schriftstellers Mario Vargas Llosa, wollte laut eigener Aussage mit ihrem ersten Spielfilm nichts bewerten, sondern die Realität zeigen. Das ist ihr hervorragend gelungen. Streckenweise wirkt der Film wie eine ethnologische Dokumentation, ohne dabei langweilig zu werden. Das liegt auch daran, dass Llosa fast nur LaiendarstellerInnen engagierte und das ganze Dorf Manayaycuna, das in Wirklichkeit Ancash heißt, in den Film einbezog. Dass die Menschen in Manayaycuna ein eigenes Wertesystem haben, zeigt sich schon an der Institution der Karwoche, in der Sünden keine Sünden sind. Auch die Zeit machen sie selbst: Ihre Uhr ist der alte Mann mit Hut, der in der Mitte des Dorfplatzes sitzt und auf Papptafeln, die er umklappt, Stunden, Minuten und Sekunden zählt. Wenn er einschläft, weckt ihn jemand: „Hey, wach auf, die Stunde hat geschlagen!“
Auch Madeinusas kleine Welt hat ihre eigenen Werte. Da ist ein übergriffiger Vater weniger schlimm als der Verlust zweier Ohrringe. Denn die erinnern sie an ihre Mutter und an ihr Ziel: Nach Lima zu kommen.

Als Gott tot ist

Ihr Retter Salvador ist ein Fremdkörper in dem Dorf. Madeinusas Vater sperrt ihn Kraft seines Amtes als Bürgermeister zunächst ein – „zu seiner eigenen Sicherheit“. Die EinwohnerInnen sind misstrauisch, und auch das scheint völlig normal. Sieht doch der schlacksige Mann mit der Lederjacke und der Polaroidkamera zwischen den kleinen Hütten und festlich gekleideten Menschen aus wie ein Außerirdischer. Er sitzt im Gras und kifft, während Madeinusa neben ihm ein betörendes Lied singt. Dessen letzte Zeilen sind auf Quetchua. Das macht gar nichts, denn die beiden verstehen sich im Grunde sowieso nicht – auch, wenn sie Spanisch sprechen. Madeinusa ist empört, als Salvador behauptet, ihr Name existiere gar nicht. Innerhalb ihrer Welt verständlich: Madeinusa ist tatsächlich ein gängiger Name in manchen Teilen Perus, ebenso wie JohnFKennedy oder Darling. Das Mädchen und der Hauptstädter haben eben keine gemeinsame Kommunikationsebene. Zumindest keine Verbale. Die nonverbale Kommunikation vollzieht sich schnell und leidenschaftlich, als Gott gerade tot ist. Madeinusa glaubt sich am Ziel. Doch Salvador spricht mit ihr, als sei sie eine Bekanntschaft aus der Großstadt: „Nur, weil ich mit dir geschlafen habe, soll ich dich mit nach Lima nehmen?“ Die unterschiedliche Bewertung der kurzen Sünde zum Osterfest könnte größer nicht sein. Dadurch zeigt Claudia Llosa in dem Mikrokosmos Dorf zwei Seiten Perus, die nicht zusammenkommen. Das große Verdienst des Films ist es, dass er nicht ins Klischeehafte abrutscht. Dies liegt zum einen an den authentischen LaiendarstellerInnen, zum anderen aber an Llosas Drehbuch. Denn Madeinusa ist eben nicht ein Charakter aus einem Hollywoodfilm Made in USA. Und Salvador ist auch kein strahlender Retter. So können sich die beiden so unterschiedlichen Seiten Perus in den ZuschauerInnen wieder vereinen. Denn sie verstehen die sehnsüchtige Madeinusa ebenso wie Salvador, der sich in der fremden Welt des Dorfes verloren fühlt.

Madeinusa. Peru/Spanien 2005, Buch und Regie: Claudia Llosa, 100 Min.

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