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Ich bin nicht unsichtbar

„Es können nicht zwei Sonnen am selben Himmel scheinen.“ Dieser Satz, den Cayetana im Geschichtsunterricht lernt, bleibt der neunjährigen nachhaltig im Gedächtnis. Bolívar soll ihn zu San Martín gesagt haben, als die beiden sich auf ihren Befreiungsfeldzügen durch Südamerika in Peru trafen. Am Himmel von Cayetanas Leben droht plötzlich aber eine zweite Sonne aufzugehen: Ihre Mutter teilt ihr nach der Rückkehr von einem längeren Auslandsaufenthalt mit, dass sie einen kleinen Bruder bekommen wird. Für Cayetana (Fátima Buntinx) bricht eine Welt zusammen. Warum nur, fragt sie sich, brauchen die Mutter und der Stiefvater noch ein zweites Kind?
Die kleine, resolute Heldin in Rosario García-Monteros Erstlingswerk Las malas intenciones („Böse Absichten“) lebt in ihrer eigenen Phantasiewelt. Am liebsten beschäftigt sich Cayetana mit den großen Helden der Vergangenheit und den blutigen Schlachten um die Unabhängigkeit Perus. Sie ist fasziniert von allem was mit Tod, sterbenden Tieren, Krankheit, Vampiren oder Terroristen zu tun hat. Und sie wünscht sich sehnlich, auch eines Tages als glorreiche Heldin zu sterben. Am Tag der Geburt ihres Bruders wird es soweit sein, beschließt sie.
García-Montero siedelt Cayetanas Geschichte im Peru der frühen 1980er Jahre an. Doch wie auch in anderen Filmen der diesjährigen Berlinale, spielt der politische Konflikt des Landes, nur die Hintergrundmusik. Im Vordergrund steht das Ringen Cayetanas um Beachtung in der Erwachsenenwelt. Ihre Mutter (Katerina D‘Onofrio), scheint zwar traurig über die Entfremdung zwischen ihr und ihrer Tochter zu sein, sie bleibt aber seltsam apathisch und unternimmt nicht wirklich etwas, um ihr wieder näher zu kommen. Und dann ist da noch Cayetanas leiblicher Vater, den sie jeden Sonntag sehnsüchtig, aber meist vergeblich erwartet. Der Rest der Familie freut sich derweil auf die Geburt des Neuzuwachses. Niemand, so erscheint es zumindest Cayetana, kann sie wirklich verstehen. Nicht einmal ihre Lieblingscousine Jimena (Kani Hart).
Nach einem durchaus unterhaltsamen und bisweilen komischen Einstieg verliert sich Rosario García-Montero nach einer knappen Stunde leider in ihrem eigenen Spannungsbogen. Die Erzählung wird etwas langatmig und die eingestreuten magisch-realistischen Szenen, in denen Cayetana Bolívar & Co. erscheinen, sind zudem nicht besonders originell. Es ist einer dieser Filme, dem eine halbe Stunde weniger mehr als gut getan hätte.

Las malas intenciones („Böse Absichten“) // Rosario García-Montero // 107 Min. // Peru / Deutschland / Argentinien 2011 // Auf der 61. Berlinale zu sehen bei Generation 14plus

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