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Die vergessenen Bauern

Die HerausgeberInnen dieser Ausgabe resümieren in ihrem Editorial die veränderten Bedingungen für die Landbevölkerung Lateinamerikas: Es gelang vielen Staaten durch Agrarreformen die Einbindung großer Teile der Landbevölkerung in das politische System, auch wenn die Lebensbedingungen nur sehr begrenzt verbessert wurden. Das Zentrum sozialer Auseinandersetzungen verlagerte sich dadurch in andere Bereiche. Die Rahmenbedingungen politischen Handelns haben sich wesentlich verändert, nicht nur durch die Ausdehnung der Schulbildung, den massiven Ausbau von Verkehrs- und Kommunikationswegen und den Einfluß der Massenkommunikationsmittel. Die überall zu beobachtende Dezentralisierung der Verwaltung – eine Auswirkung der neoliberalen Bestrebungen – bietet neue Handlungs- und Organisationsräume für die Landbevölkerung.

“Trade based food security”

Doch die Probleme der Landbevölkerung bestehen nach wie vor und wurden durch die Entwicklung der letzten Jahre noch verschärft. Die Zahl der unterhalb des Existenzminimums lebenden Menschen wuchs zwischen 1970 und 1990 von 54 auf 93 Millionen, und die Landbevölkerung macht noch immer mit Abstand den größten Prozentsatz der Armen in Lateinamerika aus. Durch das Konzept der Weltbank „trade based food security“ hat die Abhängigkeit lateinamerikanischer Staaten von Grundnahrungsmittelimporten aus Industriestaaten zugenommen. Die vergrößerte Konkurrenz durch die Liberalisierung der Agrarmärkte verschlechtert zudem die Situation der Kleinbauern, so daß der Zugang zu Nahrung für große Teile der Bevölkerung immer schwieriger wird. So untersucht der erste Analysebeitrag von Michael Windfuhr die politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen von Ernährungssicherheit und die Rolle des Agrarsektors hierbei.
An dem Beispiel der Agrarpolitik Mexikos zeigt Ute Schüren, welch zentrale Bedeutung Faktoren wie der Zugang zu Infrastruktur, Kapital, Absatzmärkten etc. für die Bauern haben.

Indigene Spiritualität

In einem sehr lesenswerten Beitrag von Gerrit Huizer wird nicht nur durch sein persönliches Beispiel die Geschichte der Entwicklungshilfe und ihrer Ideologie analysiert. Er zeigt uns, welch große Rolle die indigene Spiritualität in der Geschichte des Volkswiderstands gerade der Landbevölkerung in Lateinamerika spielte und spielt (Chiapas). Mit Recht merkt er an, daß dieses Thema noch kaum systematisch untersucht worden ist.
Natürlich bleibt auch die Neuordnung der kubanischen Landwirtschaft nicht unerwähnt, ebensowenig wird vergessen, die Zukunftsfähigkeit des so oft als modellhaft gelobten Chiles in Frage zu stellen, und auch die schwierige Rückkehr peruanischer Bauern in ihre ehemalige Heimat, aus der sie durch den Sendero luminoso vertrieben worden waren, wird durch einen Beitrag beschrieben. Jedem, der sich umfassend informieren will, sei die 21. Ausgabe der Analysen und Berichte wieder einmal empfohlen.

Lateinamerika – Analysen und Berichte 21: Land und Freiheit, Horlemann-Verlag 1997; ISBN-3-89502-070-2

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