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DIE VERGESSENEN HELDEN DER REVOLUTION

© José Alayón

Der Gebirgszug der Sierra Maestra im Osten der Karibikinsel gilt als Wiege der kubanischen Revolution. Nicht verwunderlich also, dass diese Landschaft ebenfalls zur Protagonistin des Films Entre Perro y Lobo wird. Der vierte Film der spanischen Regisseurin Irene Gutiérrez läuft in der Sektion Forum. Bereits 2014 gelang ihr mit dem Dokumentarfilm Hotel Nueva Isla ein Überraschungserfolg auf der Berlinale.

In langsam dahinplätschernden Monumentalaufnahmen des Gebirges und des Regenwalds zeigt Gutiérrez’ die militärischen Übungen der Angolaveteranen Miguel Soto, Juan Bautista López und Alberto Santana. Sie befinden sich im undurchdringlichen Dschungel der kubanischen Berge, um ihre Erinnerungen an den Kriegseinsatz im angolanischen Bruderstaat am Leben zu erhalten. Aufgrund seiner internationalistischen Ausrichtung entsandte Kuba zwischen 1975 und 1990 Soldat*innen zur Unterstützung der angolanischen Befreiungsbewegung MPLA (Movimento Popular de Libertação de Angola).

Neben den regulären Kampfübungen, die von den drei Veteranen mal mit stoischem Ernst durchgeführt werden, mal den Eindruck von kindlichem Raufen erwecken, sind die Guerilleros auf der Suche nach Landminen und robben durch den schlammigen Untergrund der Sierra Maestra. Sie müssen Entbehrungen in Kauf nehmen, wälzen sich im Dreck und sind weit entfernt von medizinischer Versorgung oder Dingen des täglichen Gebrauchs. Ihre Vorräte werden von Maultieren getragen, die neben einem Hund die einzigen Begleiter der Truppe sind. Als einer der Protagonisten eine schlimme Verletzung am Bein erleidet, eröffnet das die Problematik ihres gesamten Unterfangens. Nach und nach schleichen sich Momente der Schwäche und Zweifel an ihrem Tun bei den Soldaten ein. Vergangenheit und Gegenwart begegnen sich: Ihr scheinbar zielloses Umherschweifen im Dschungel wird überblendet mit Footage aus Dokumentarfilmen über den Angolaeinsatz und den Durchhalteparolen, in denen sie sich gegenseitig als revolutionäre Kämpfer preisen, die niemals aufgeben werden: „Manche kämpfen einen Tag und sind gut, andere kämpfen 20 Tage und sind besser, aber einige von uns kämpfen das ganze Leben und sind die Unentbehrlichen.“

Dieses Beschwören der eigenen Kraft erscheint absurd angesichts der aktuellen Situation Kubas. Der Film kreist um die Frage, welchen Zweck das Unternehmen der drei Soldaten in der Gegenwart eigentlich verfolgt. Als der Kämpfer Miguel Soto in einer Rückschau auf seinen Einsatz in Angola sein persönliches Versagen thematisiert, erzeugt das Mitgefühl und gleichzeitig Erstaunen über das Selbstbild des Soldaten, der Jahre nach einem Zwischenfall im Gefecht ein wenig nachvollziehbares Problem mit seiner eigenen Männlichkeit beschreibt. Er musste sich damals zwischen einer gefährlichen Situation mit Sterberisiko und der Chance auf ein Kennenlernen mit seinem Erstgeborenen entscheiden. Schließlich hat er Angola verlassen, um seinen Sohn auf Kuba kennenzulernen.

Irene Gutiérrez gelingt es diese Selbstzweifel einzufangen, wodurch ihr Film eine sehr nahe, beinahe dokumentarische Atmosphäre erzeugt, obwohl die Szenen alle auf der Improvisation der Schauspieler beruhen. Als Frau sei es mitunter schwierig gewesen, „die Schwäche dieser Machoalphas aufzudecken und hinter die Fassade zu blicken“, beschreibt die Regisseurin ihre Schwierigkeiten bei der Produktion. Zudem sei ihr wichtig gewesen, das bedingungslose Einstehen der Soldaten für eine gemeinsame Sache, unserem Verständnis von individueller Freiheit entgegenzusetzen.

Als Anstoß für ihren Film dienten Verse des kubanischen Dichters José Martí über die Sierra Maestra. Gutiérrez gelingt in Ente Perro y Lobo eine überzeugende Verbindung zwischen den monotonen Kampfhandlungen der Gegenwart, den phrasenhaften Beteuerungen der Guerrilla-Kämpfer und dem allgegenwärtigen Vermächtnis der kubanischen Revolution auf der Insel. Ein Höhepunkt des Films, in dem Fidel Castro aus dem Off den Abschiedsbrief des Che Guevarra liest (Fidel Castro Lee la Carta de Despedida del Che), spiegelt den gesamten Anachronismus des heutigen Kubas wider. Diese Reflektion verweist auf die Tragik der ewigen Revolution, die längst zu ihrer eigenen Institution geworden ist.

 

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