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Doña Quijota oder: Die Liebe in den Zeiten der Revolution

Managua, 1972: In einem Park steht ein Auto, von der Mittagssonne geschützt durch den Schatten eines riesigen Chilamate-Baums. Darin sitzen zwei schwangere Frauen; eine davon ist bereits Angehörige der damals noch im Untergrund agierenden Frente Sandinista (FSLN), die andere will in die Widerstandsbewegung aufgenommen werden. Die Kandidatin, eine junge Werbetexterin, schwört, bis zum letzten Atemzug für die Freiheit und für das Volk zu kämpfen.
Mit dieser etwas pathetischen Szene beginnt das Engagement Gioconda Bellis für die Sandinistische Revolution und somit ein Leben voller Widersprüche und Gegensätze.
Belli, als Kind wohlhabender Eltern italienischer Abstammung in Managua aufgewachsen, heiratet früh einen eher farblosen Ingenieur, der zwar derselben sozialen Schicht angehört, dessen ständiger Pessimismus jedoch mit ihrem leidenschaftlichen Temperament nicht vereinbar ist. Um dem tristen Hausfrauenalltag zu entkommen, beginnt sie kurz nach der Geburt ihrer ersten Tochter bei einer Werbefirma als Texterin zu arbeiten.

Produktionsbedingungen weiblicher Autonomie

Dort kommt sie bald in Kontakt mit der 68er Bewegung, mit KünstlerInnen und DichterInnen, denen sie sich anschließt. Nach kurzer Zeit beginnt sie, selbst Gedichte zu schreiben, in denen sie vor allem das Recht auf eine eigene, selbstbestimmte weibliche Erotik jenseits der patriarchalen Madonna-Hure-Dichotomie reklamiert, zu der auch das Recht auf außereheliche Liebesbeziehungen gehört. Obwohl es im Nicaragua der späten sechziger Jahre keinen einzigen Verlag gibt, kann sie ihren ersten Gedichtband dank ihrer beruflichen Kontakte zu einer Druckerei herausgeben.
Neben der sexuellen Befreiung der Frau beginnt sich Belli bald auch für die politische Befreiung ihres Landes einzusetzen und tritt der FSLN bei. Zu Beginn besteht ihre Aufgabe darin, weiterhin in den gehobenen Kreisen ihrer Herkunft zu verkehren, um Informationen über die politische Stimmung in dieser Gesellschaftsschicht zu sammeln. An dieser Stelle werden bereits die wichtigsten Gegensätze sichtbar, die ihr Leben prägen: der Gegensatz zwischen Weiblichkeit und Selbstverwirklichung durch Erwerbstätigkeit und Kunst, zwischen Mutterschaft und Engagement im Untergrund sowie zwischen ihrer sozialen Herkunft als Frau aus dem Großbürgertum und ihrem Kampf für soziale Gerechtigkeit.
Außerdem werden die „Produktionsbedingungen“ weiblichen Schreibens sowie weiblicher Selbstentfaltung überhaupt klar gezeigt: ohne ausgezeichnete Schulbildung, wichtige Kontakte und eine finanzielle Lage, die die Anstellung (weiblichen) Hauspersonals erlaubt, wären weder qualifizierte Berufstätigkeit noch Buchpublikation möglich gewesen.

Liebe und das Streben nach Macht

Trotz ihres politischen und literarischen Engagements und ihrer privilegierten sozialen Stellung gelingt Belli jedoch der Ausbruch aus traditionellen Rollenmustern nicht vollständig: Die meisten der zahlreichen Männer, in die sie sich verliebt, sind ihr in irgendeiner Weise überlegen und geben auch in der Beziehung den Ton an. Stets sind sie der Fels in der Brandung, der Stabilität in ihr stürmisches Leben bringt. Immer ist ihr Leben von einem Mann und dessen Liebe erfüllt.
Erst im Rückblick gelingt es ihr, diese Abhängigkeit zu durchschauen und sich nach einem langen Prozess als autonomes Subjekt zu begreifen, das nicht mehr aus Angst vor Liebesentzug agiert. Doch vorher gibt sie ihre Arbeit als Chefredakteurin des ersten postrevolutionären sandinistischen Fernsehsenders auf, um als Sekretärin eines führenden Politikers, den sie liebt, eine typisch weibliche Rolle einzunehmen. Während sie ihren Geliebten auf Auslandreisen rund um den Globus begleitet, flickt sie ihm brav die Hosen und lässt sich für ihre fehlenden Kompetenzen in diesem Bereich auch noch anschnauzen.
Eine Emanzipation, die über die Selbstbestimmung über den eigenen Körper und über eine eingeschränkte Teilnahme am öffentlichen Leben hinausgeht, wird ihr somit nicht nur durch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen unmöglich, sondern vor allem auch durch ihre eigenen Denkmuster. Dazu gehört auch ein ziemlich ärgerlicher Biologismus. So wird etwa der Umgang mit Waffen und das Streben nach Macht qua natürlicher Veranlagung dem Mann zugeschrieben, und Belli bewundert eine Kollegin, die müde Helden mit kulinarischen Köstlichkeiten verwöhnt und umsorgt. Zentrales Motiv für ihren Einstieg in den revolutionären Kampf ist denn auch die Schaffung einer besseren Welt für ihre Kinder, mit Verweis auf den Mutterinstinkt.

Aufbruchstimmung und Ernüchterung

Neben den persönlichen Erfahrungen der Autorin werden auch gesellschaftliche und politische Prozesse einer kritischen Analyse unterzogen. Ausführlich widmet sich Belli der Geschichte des revolutionären Nicaragua und dessen internationalem Umfeld: Macht- und Richtungskämpfe innerhalb der sandinistischen Bewegung und undemokratisches, eigensinniges Verhalten einiger Führungsmitglieder sowie Fehleinschätzungen der geopolitischen Lage tragen wesentlich dazu bei, dass die eigentlichen Ziele der Revolution immer mehr aus dem Blickfeld geraten und das Land sich international isoliert. Die Aufbruchstimmung, die während der siebziger Jahre die gesamte Blockfreienbewegung geprägt hatte, verflüchtigt sich in den späten Achtzigern allmählich und findet in Nicaragua spätestens mit der sandinistischen Wahlniederlage 1990 ein Ende.

Das Leben kapituliert nie

Doch unbeirrt von diesen Ernüchterungen kämpft Belli, einer Doña Quijota gleich, heute noch für das Glück und die Gerechtigkeit und gegen die Hoffnungslosigkeit. Denn das Leben kapituliert nie, wie ein von der Autorin gerne zitiertes vietnamesisches Sprichwort sagt. Inzwischen wohnt sie – ein weiterer Widerspruch im Leben der ehemaligen sandinistischen Kämpferin – mit dem Vater ihrer jüngsten Tochter in den Vereinigten Staaten. Doch das Leben besteht, wie sie selbst schreibt, aus Veränderungen und lässt sich nie vorhersagen…
Trotz des gelegentlichen Abgleitens in den Kitsch und des erwähnten Biologismus ist das Buch spannend zu lesen und gibt einen interessanten Einblick in die Geschichte der Autorin und ihres Landes sowie in die Zeitgeschichte überhaupt. Bei der Lektüre der Autobiografie wird auch sichtbar, dass die Autorin in ihrem übrigen Prosawerk sehr oft autobiografische Elemente verwendet hat, was bei einem derart ereignisreichen Leben nicht erstaunt. Durch die Struktur des Werks – es ist in kurze, meist in sich abgeschlossene Kapitel eingeteilt –sowie durch den süffigen Stil eignet es sich auch sehr gut als Ferien- oder Nachtlektüre.

Giaconda Belli: Die Verteidigung des Glücks. Hanser Verlag, München, 2001, 413 Seiten, 46,-DM (ca. 24 Euro)

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