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Eindrücke aus der bunten Zapatista-Gemeinde

Wiederum fühlten sich 3000 Menschen – mehrheitlich aus Italien, Frankreich und Deutschland – von dem überaus offenen und einladenden (um nicht zu sagen, schwammigen) Titel angesprochen und waren zudem in der Situation und Laune, sich einen Trip nach Spanien (meist mit daran anschließender Weiterreise…) zu gönnen.
Zunächst war die Hürde einer bemerkenswert schnell konstruierten und rigide funktionierenden Akkreditierungsbürokratie zu überwinden: Wer nicht in irgendeiner Weise auf irgendeiner Liste stand, hatte erstmal – auch mit Zahlungsnachweis – Pech! Angemeldet wurde nach Nationalitäten. Dies führte zu kleinen Verwirrungen am Rande…
Die Auftaktveranstaltung in Madrid (Stierkampfarena!) bot dann aber genügend Raum, sich endlich auf das kollektive Wir einzustellen und sich in einem größeren Zusammenhang, nämlich der zapatistischen Bewegung, zu begreifen (was immer das auch sein mag, gilt es zu ergründen).
Wie beim 1. Treffen in Chiapas wurden die Teilnehmenden auf fünf Städte in Spanien verteilt, die allesamt durch soziale Widerstände geprägt sind und wo sich Gruppen bereiterklärten, die Verantwortung für die Infrastruktur wie Unterkunft, Verpflegung, Tagesablauf etc. zu übernehmen: Almuñécar (in Andalusien), Barcelona, El Indiano (in Andalusien, bei Cádiz), Madrid und Ruesta (in Aragón). Diese dezentrale Organisierung bedeutete zwar, daß Massen von Menschen quer durch Spanien gekarrt wurden, was viel Zeit und Energie kostete, sie bot den Reisenden aber die Möglichkeit, Kontakt und Einblick in verschiedene Formen des Kampfes und Widerstandes in Spanien zu bekommen: In Barcelona zum Beispiel fanden die Diskussionen in besetzten Häusern, sozialen Zentren und autonomen Räumen statt, in El Indiano standen die Landfrage und das Thema der Ökologie auf der Tagesordnung.
Die Arbeitsgruppen beschäftigten sich in Anlehnung an das 1. Treffen mit ökonomischen und politischen Analysen des Neoliberalismus, Landkämpfen und ökologischen Fragen, Auseinandersetzungen um Kultur, Bildung und Information. Kritisiert wurde jegliche Form von Marginalisierung sowie die patriarchalen Strukturen.
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Alle Jahre wieder…

Extrem wurde die Abschlußveranstaltung für diejenigen, diesien besuchen wollten: Die fand nämlich am äußersten Zipfel des spanischen Territoriums in El Indiano bei Cadiz statt…

Kleiner Nebeneffekt: Eines der Häuser sollte just in dieser Woche geräumt werden, was jedoch durch die kurzzeitig in die Höhe geschnellte Anzahl der BesetzerInnen verschoben wurde…

Auch dieses Jahr stand zur Debatte, ob das “Geschlechterproblem der Frau” in einer gesonderten oder – wie immer – oder auch nicht – in allen Arbeitsgruppen diskutiert werden sollte…

Zapata vive, la lucha sigue.

… wer jedoch – wie üblich – gut vorbereitet war, das waren vor allem die Selbstdarsteller, die einen großen Teil der Veranstaltung zum Jahrmarkt der Eitelkeiten mutieren ließen…
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Das Thema “Frauen” war auf dem 1. Treffen innerhalb der Zivilgesellschaft unter “Ausgeschlossene” subsumiert worden…
Die Themen der Arbeitsgruppen selbst waren so unterschiedlich wie ihre TeilnehmerInnen: Von deren Vorbereitung und Eigenverantwortung für die Inhalte hing der Verlauf der Diskussionen ab. Der Raum war – im Gegensatz zum 1. Treffen, wo stundenlang Referate verlesen wurden – offen für Auseinandersetzungen, die aber aus verschiedenen Gründen doch nicht stattfanden: Bei einigen Gruppen wurden zwei der vier für die Diskussion zur Verfügung stehenden Tage dazu genutzt, den Diskussionsmodus, die Moderation und die Übersetzung zu klären. Denn eine inhaltliche Vorbereitung war bei den wenigsten Gruppen vorhanden, hatten sie doch – wie im Fall der an den Vorbereitungen beteiligten europäischen Gruppen – ihre gesamten Energie- und Zeitressourcen in die formale Organisation des Treffens gesteckt. Entsprechend fatal war die Situation für die spanischen Gruppen, die an Diskussionen größtenteils nicht teilnehmen konnten. Insgesamt wurde aber die Zeit zum gegenseitigen Kennenlernen und für inhaltliche Auseinandersetzungen schon im Vorfeld zu kurz bemessen.
Ein weiterer Kritikpunkt war die geringe Präsenz von TeilnehmerInnen aus außereuropäischen Ländern, während Länder wie Italien, Frankreich und Deutschland überrepräsentiert waren. Von einem interkontinentalen Austausch kann da wohl kaum gesprochen werden. Dabei waren nicht einmal nur die finanziellen Mittel entscheidend. Oft fehlte bloß das Visum, und die Reise endete vor der europäischen Grenze. Darüber hinaus wurden Vorschläge besprochen, “Quoten” einzuführen und jedem Einzelnen beziehungsweise jeder Gruppe bei der Realisierung eines Treffens, das den Anspruch eines Interkontinentalen erfüllt, Mitverantwortung zu übertragen.
Damit ist der Bogen zurückgeschlagen zu einem erklärten Ziel des Treffens, nämlich ein Netz alternativer Kommunikation und spezifischer Formen von Kampf und Widerstand zu schaffen. Immer noch ist allerdings weitgehend unklar, wer sich denn alles mit welchen Gedanken und “Kämpfen” auf “zapatistische Ideen” bezieht. Begriffe wie Freiheit, Demokratie, Gerechtigkeit, Nation und so weiter, werden meist unhinterfragt
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… die Alternative heißt: “The same procedure as every year?” bis zum Abwinken…

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übernommen und als Interpretationsraster für die unterschiedlichsten Situationen verwendet. Wichtig wäre an dieser Stelle, mögliche Projektionsfelder wie Basisdemokratie in den indigenen Gemeinden, den Bezug zur Natur, Begriffe wie Würde oder Macht (im zapatistischen Sinne) in ihrer Anziehungskraft auf uns zu reflektieren und für die hiesige Situation nutzbar zu machen. Hier zeigt sich aber auch, daß es nicht darum gehen kann, eine einheitliche politisch-ideologische Linie zu entwickeln.
In den Diskussionen der Frauen zu einem internationalistischen autonomen feministischen Netz kristallisierte sich heraus, daß es nicht darum gehen kann, sich für ein solches Treffen in neue, global-abstrakte Themen einzuarbeiten, da dies eine enorme personelle und zeitliche Überforderung darstellt (schließlich gibt es für die meisten vor Ort doch wichtigere Dinge…). Hierfür waren fehlende Referate bezeichnend. Vernetzung, so die Erfahrung von TeilnehmerInnen, hatte Sinn und wurde konkret in spezifischen Arbeitsgruppen wie zu den Themen Ökologie, Kaffee oder Hausbesetzung. Das allgemeine Netz gegen Neoliberalismus bleibt jedoch nebulös.
Warum sind diese Treffen trotzdem noch interessant? Ganz klar: Sie schaffen Räume für persönliche Kontakte, sie ermöglichen, für ein paar Tage in ganz verschiedene politische Praxen, Verständnisse und Orientierungen hineinzuschauen und eventuell Anstöße zu bekommen. Das reicht zwar nicht, ist aber eine Reise wert.
Die politische Bedeutung wird sich auf den regionalen Nachbereitungstreffen auch darin zeigen, inwieweit eine lokale Vernetzung und Diskussion stattgefunden hat und weiter voranschreitet. Im vergangenen Jahr haben sich unter dem Stichwort “gegen das internationale Neoliberal” doch vor allem Leute vernetzt, für die “Chiapas” immer wieder ein Leitmotiv ist. Grundsätzlich scheint die “große Bewegung” nicht wesentlich von der Stelle gekommen zu sein.
Damit das nächste Treffen weniger von Organisation und mehr von Austausch und inhaltlichen Überlegungen getragen wird, sollte eine größere Denk- und Schaffenspause eingelegt werden!

Die internationalistische Gruppe “Penumbra” ist Mitglied im Dritte-Welt-Haus Frankfurt/M.

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