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Eine schöne Geschichte über den Machismo

Das MST hat seit 1984 150 000 Familien mit eigenen Parzellen versorgt, von deren Ertrag sie heute leben können. Diese ehemaligen Landlosen wohnen in Siedlungen, die mittlerweile von der Regierung anerkannt wurden. Weitere 50 000 Familien warten in provisorischen Lagern auf die Legalisierung ihres besetzten Stücks Großgrundbesitz.
In der letzten Zeit habt Ihr starken Zuwachs aus den Städten erhalten: Viele Menschen, darunter auch zahlreiche alleinerziehende Mütter mit ihren Kindern, flüchten aus der Hoffnungslosigkeit der Elendsviertel in den relativen Schutz der Landlosenbewegung, wo zumindest eine Grundversorgung gewährleistet ist. Wie bewältigt das MST diesen Ansturm, und welche Probleme bringt der Alltag in den Lagern und Siedlungen mit sich?

Das Zusammenleben dieser Gruppen im Alltag zu organisieren, ist im Grunde eine viel größere Herausforderung als die Landbesetzungen selbst. Schließlich setzt sich unsere Bewegung zum weitaus größten Teil aus AnalphabetInnen zusammen. Wir haben keinerlei politische Vorbildung und kommen aus Verhältnissen, wo jeder bloß um das eigene Überleben kämpft. Um überhaupt einen gemeinsamen Alltag möglich zu machen und Messerstechereien, Alkoholismus, Gewalt gegen Frauen, Drogen und Prostitution zu verhindern, hat jedes Lager ganz klare Verhaltensnormen aufgestellt. Es gibt eine gewählte Disziplinarkommission, die sich mit den Verstößen dagegen beschäftigt. Beim ersten Mal wird meistens eine Art pädagogische Strafe verhängt, zum Beispiel Extra-Arbeit für die Gemeinschaft. Bei wiederholten Verstößen gegen die Verhaltensregeln muß die betreffende Person das Lager und auch das MST verlassen.

Womit habt ihr am meisten zu kämpfen?

Unser größtes Problem ist der Individualismus, den die Leute draußen gelernt haben. Es ist für sie sehr schwierig, zu lernen, daß es plötzlich nicht mehr jeder gegen jeden gehen soll, sondern alles für die Gemeinschaft. Ein paar unserer ältesten Siedlungen haben sich mittlerweile in Kooperativen umgewandelt, das heißt, sie wirtschaften kollektiv und erzielen dabei auch ökonomisch sehr gute Ergebnisse. Manche sind richtige Kommunen, wo alles allen gehört – jede Siedlung entscheidet das für sich. Aber in den meisten bewirtschaftet jede Familie ihr eigenes Land. Umdenken ist ein langwieriger Prozeß.

Wie ist der genaue Weg, um einen Konflikt zu lösen?

Jeden Morgen vor der Feldarbeit gibt es eine Versammlung, wo alle Probleme angesprochen werden können. Kleinere Angelegenheiten werden in Gruppen von mehreren Familien eigenständig gelöst. Wenn das nicht klappt, wird das Thema auf der Versammlung angesprochen: die beauftragt dann eventuell die Disziplinarkommission.

Wie schlägt sich der hohe Frauenanteil in der Bewegung nieder? Ist die Geschlechterfrage bei Euch ein Thema?

In der nationalen Leitung des MST gibt es schon länger einen Frauensektor. Aber das heißt nicht, daß die Diskussion unter den Frauen an der Basis besonders weit fortgeschritten wäre. Ich würde sogar sagen, die Diskriminierung geht zunächst einmal von den Frauen selbst aus: Sie diskriminieren sich, indem sie sich nichts zutrauen. Wenn es in den Lagern ans Wählen geht, melden die Frauen sich ganz automatisch nur für die Koch- oder Gesundheitskommission, und für Finanzen oder Disziplin schlagen sie Männer vor. Wir versuchen, dieser traditionellen Aufteilung kontinuierlich entgegenzuwirken. Das fängt schon damit an, die Frauen zu ermutigen, überhaupt an den Versammlungen teilzunehmen und nicht ihre Männer hinzuschicken. Hier in Bahia, auf Bundesstaatsebene, hatten wir in diesem Jahr am 8. März das erste reine Frauentreffen. Es ging vor allem um den Erfahrungsaustausch mit anderen Frauenorganisationen. Zum Beispiel waren Vertreterinnen aus der Bewegung schwarzer Frauen anwesend, die uns von ihren Kämpfen erzählt haben. Es war ein Anfang, würde ich sagen, wenn auch noch nicht viel passiert ist außer Zuhören.

Was passiert denn, wenn eine Frau in einer Siedlung des MST abtreiben will? Wird sie darin unterstützt?

Meistens kommen Abtreibungen erst im Nachhinein oder überhaupt nicht heraus. Die Frauen machen sie einfach, ohne jemandem etwas zu sagen. Das Thema ist gerade bei unseren Leuten, wie auch überhaupt in den unteren Gesellschaftsschichten, noch sehr tabuisiert – auch bei den Frauen selbst.

Wie war Dein eigener Weg als Frau bis in die nationale Leitung des MST?

Das ist eine schöne Geschichte über den machismo. Mein Vater verließ meine Mutter, als ich 15 Jahre alt war, weil er sich der Bewegung der Landlosen anschließen wollte und sie nicht einverstanden war. Damals wählte er mich unter den 13 Kindern einfach aus, um ihn zu begleiten und für ihn zu kochen. So kam ich 1987 zum MST, völlig gegen meinen Willen. Ich hatte keine Ahnung von Landwirtschaft, denn wir hatten bis dahin in der Stadt gelebt. Aber meine Meinung interessierte niemanden.

Wie hast Du Dich gefühlt, als Du dann im Lager ankamst?

Es war alles völlig neuartig für mich. Auf der ersten Versammlung, an der ich teilgenommen habe, bin ich aufgefallen, weil ich gut singen konnte. Deshalb bin ich in die Freizeitkommission gewählt worden. Als Mitglied dieser Kommission sollte ich dann später an Seminaren und Kursen der MST teilnehmen, was mein Vater mir aber verbot. Er glaubte, was alle brasilianischen Männer wie er glauben: daß ein junges Mädchen unweigerlich in der Prostitution landet, wenn sie einmal ohne Aufsicht ist. Die Verantwortlichen des MST haben mit ihm geredet, und ich habe einen Pakt mit ihm geschlossen: Er läßt mich gehen, und ich verpflichte mich, mich moralisch einwandfrei zu verhalten. Dann ging alles sehr schnell, und ich war sechzehn, als ich die erste Landbesetzung mit 500 Leuten leitete. Ich konnte ihnen den nötigen Impuls geben, in einer gefährlichen Situation im richtigen Augenblick zu handeln. Bei uns ist es leicht, in der Hierarchie aufzusteigen, wenn du Fähigkeiten mitbringst, die gebraucht werden. Formale Qualifikationen hat sowieso kaum jemand, also kommt es darauf an, wie du dich im Ernstfall bewährst.

Interview: Miriam Lang

KASTEN:
„Die besten Landstücke bleiben unantastbar“

Seit April ist die brasilianische Bewegung der Landlosen wieder auf den Straßen. In 23 Bundesstaaten nehmen insgesamt über 60 000 Personen an den Protesten des Movimento dos Trabalhadores Rurais Sem Terra (MST) teil. Die Ursache der diesjährigen Protestmärsche ist ein Schachzug der Regierung Cardoso, die anstelle der bisher üblichen nachträglichen Legalisierung von Landbesetzungen ein neues Procedere eingeführt hat: Eine Banco da Terra soll nunmehr im Einverständnis mit den Großgrundbesitzern Land aufkaufen und dann quasi als Kredit an die Landlosen weitergeben. „Das Problem dabei ist, daß die Großgrundbesitzer nur solches Land zum Verkauf freigeben, das ohnehin nicht zu gebrauchen ist: Es ist entweder unfruchtbar oder sehr ungünstig gelegen“, erklärt Ademar Bogo von der nationalen Leitung des MST. „Unterm Strich profitieren also nur sie von der neuen Regelung, da die besten Landstücke unantastbar bleiben. Bisher haben wir uns das Brachland für die Besetzungen selbst ausgesucht“.
Ein weiterer Hintergrund der aktuellen Aktionsphase ist die Forderung nach Gerechtigkeit in bezug auf das Massaker vom 17. April 1996 im nordbrasilianischen Bundesstaat Pará: 19 Landlose waren dort während einer Demonstration des MST von der Polizei erschossen worden. 40 Monate dauerte es, bis die brasilianische Justiz im August diese Jahres den Prozeß gegen die drei Verantwortlichen der Militärpolizei aufnahm. Die Verhandlungen endeten nach vier Tagen mit dem Freispruch des Einsatzleiters und zweier ranghoher Offiziere. Trotz zahlreicher Zeugen und Videoaufnahmen vom Geschehen hieß es in der Urteilsbegründung „aus Mangel an Beweisen“. Die Öffentlichkeit reagierte erbost, selbst Staatspräsident Fernando Henrique Cardoso kritisierte das Urteil scharf. Auf den Vorschlag des Richters Ronaldo da Valle hin, das Verfahren gegen die übrigen Militärpolizisten wie geplant fortzusetzen, legte Oberstaatsanwalt Marco Aurelio Nascimento sein Amt nieder und forderte das Innenministerium zu einer Stellungnahme auf.
Insgesamt 2300 AktivistInnen der Landlosen starben seit der MST-Gründung 1984 in den Auseinandersetzungen mit den weißen Garden der Großgrundbesitzer oder der Polizei. Mittlerweile, so Ademar Bogo, hat die Repression etwas nachgelassen. „Dafür setzt die Regierung nun verstärkt ihren Einfluß auf die Medienmonopole ein, um uns in der Öffentlichkeit als Kriminelle zu diskreditieren und die Angst vor uns zu schüren.“

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