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Eine Zahl, die Geschichten erzählt

Seit seiner Kindheit ist der kleine Eduardo fasziniert von den fünf Ziffern auf dem Arm seines Großvaters. 69752 ist da mit blasser Tinte verewigt. Seine Telefonnummer, wie sein Opa ihm versichert – damit er sie nicht ständig vergisst. Als der Junge dann älter wird, ersinnt er sich ganz eigene Geschichten. Abenteuerliche Phantasien, die alle um die geheimnisvolle Zahlenreihe kreisen. Es dauert lange, bis der alte Mann sein Schweigen bricht und seinem mittlerweile erwachsenen Enkel erzählt, was diese Ziffern wirklich bedeuten: seine Gefangenschaft in den Konzentrationslagen Sachsenhausen und Auschwitz. Beide, Großvater und Enkel, versuchen die Vergangenheit aufzuarbeiten, jeder auf seine Weise. Eine besondere Rolle spielt dabei der polnische Boxer, dem der alte Mann im Lager begegnet. Er wird schließlich zu einer Schlüsselfigur in seinen Geschichten, die für den Enkel immer mehr an Symbolkraft gewinnt. Ihm wird klar, dass nicht alles so ist, wie es scheint und dass er auch in seinem eigenen Leben ab und an hinter den Vorhang blicken muss.

Mit seinem Roman Der polnische Boxer erschafft der guatemaltekische Schriftsteller Eduardo Halfon ein fesselndes Meisterwerk der autobiographisch inspirierten Erzählkunst. Die Bezüge des Autors zum gleichnamigen Protagonisten sind dabei nicht zu übersehen. Halfon war, wie auch seine Hauptfigur, jahrelang Literaturdozent an der Universidad Francisco Marroquín in Guatemala-Stadt, wohin seine Familie auf Grund des Nationalsozialismus aus Polen fliehen musste. Er ist jüdischer Herkunft und lebt nun in Nebraska.
In seinem Werk verarbeitet der Autor Halfon die eigene Geschichte. Dabei stilisiert er das lyrische Ich zu einem abgeklärten, der Welt manchmal ein wenig überdrüssigen Mann, der nach Antworten sucht, die sich ihm hartnäckig entziehen. Diese Suche führt ihn auf unerwartete Pfade und zu Begegnungen mit außergewöhnlichen Menschen, die letztendlich alle Teil des großen Puzzles sind, das sich nach und nach zusammensetzt. Zunächst scheint es jedoch so, als würden die einzelnen Stückchen keinen Sinn ergeben. Es sind Begegnungen, die ihn beinahe über die Ungerechtigkeit in der Welt verzweifeln lassen und dann wiederum solche, die ihn lehren, was Hoffnung bedeutet. Diese Hoffnung begleitet Halfon auf seiner Reise, dessen Ziel noch niemand kennt, am wenigsten er selbst.

In der deutschen Übersetzung von Peter Kultzen und Luis Ruby fasziniert der „Roman in zehn Runden“ durch die gelungene Symbiose eines federleichten Schreibstils mit einem komplexen Handlungsverlauf, der manchmal irreführend, aber doch immer mitreißend ist. Er ist packend, spannend, in mancher Hinsicht auch belehrend. Hinter jeder Seite verstecken sich unerwartete Wendungen. Und so wird der/die Leser*in über zahlreiche Irrwege geführt, auf der Suche nach den Erkenntnissen, denen der Protagonist ruhelos nachjagt. Es lässt ihn sowohl an den Besonderheiten teilhaben, die die Welt eines Menschen in nur einem Atemzug verändern können, als auch an den alltäglichen Begebenheiten, die dasselbe manchmal nur durch ihre Stetigkeit erreichen.
Seinen Studierenden erklärt der Literaturdozent die Bedeutung der Epiphanie in der Literatur. Sie ist „ein Moment besonderer Klarheit“, der Augenblick der Selbsterkenntnis des Protagonisten. Und so klar Halfon bisweilen seine Arbeit, seine Mitmenschen vor sich sieht, so angestrengt sucht er nach der Epiphanie in seiner eigenen Geschichte. ….

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