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Entpolarisierung des Schreibens

Was immer man von Hugo Chávez halten mag, fest steht, dass heutzutage niemand mehr an ihm vorbei kommt. Und da so ziemlich alles an der Person Chávez und der so genannten Bolivarianischen Revolution heftig umstritten ist, erscheint es mehr als geboten, sie beide – die Revolution und ihren caudillo – näher kennen zu lernen.
Cristoph Twickels neues Buch Hugo Chávez. Eine Biografie vermag es, sowohl die politischen Prozesse in Venezuela als auch ihren Protagonisten verständlich zu machen. Denn diese erste in deutscher Sprache erschienene Biografie des president provocateur ist zugleich ein überaus spannendes politisches Porträt Venezuelas von den späten 1980er Jahren bis heute. Gekonnt meistert Twickel jene Anforderung an eine gute politische Biografie, nicht im Persönlichen verfangen zu bleiben, sondern die Person und ihr Handeln in das Netz politischer und sozialer Umstände und Ereignisse zu weben.
Und vielleicht zeugt eben diese Herangehensweise am ehesten von Twickels Verständnis seines Studienobjektes: für ihn scheint Hugo Rafael Chávez Frías vor allen Dingen ein politisches Phänomen zu sein, unverständlich all jenen, die die soziale Ungleichheit und die politischen Spannungen Venezuelas ignorieren. Folgerichtig führt er uns auch nicht starr chronologisch mit Beschreibungen der (übrigens kaum erwähnten) Kindheit oder Jugendzeit an das Thema Chávez heran, sondern mit jenem Putsch im Jahre 1992, der den Grundstein für Chávez‘ Ruhm bilden sollte. Vorsichtig schlüsselt Twickel auf, wie es zu jener Politisierung gekommen war, die den jungen und bis dato gänzlich unbekannten Offizier als Meuterer bis vor die Tore des Präsidentenpalastes führen sollte. Und ebenso vorsichtig zeichnet er die Wege nach, die Venezuela im Allgemeinen und Chávez im Besonderen in der Folgezeit beschreiten sollten.
Ein gutes Drittel seines Werkes widmet Twickel dabei den Entwicklungen, die der erstmaligen Vereidigung Chávez‘ als Präsident Venezuelas im Jahre 1999 voran gingen. In den folgenden Kapiteln werden dann ausführlich jene politischen Prozesse und Ereignisse im chavistischen Venezuela behandelt, welche Lateinamerika und die Welt seitdem einigermaßen in Atem halten. Dabei versteht Twickel es, die originär biografischen Elemente seines Buches mit politischen Analysen gekonnt und sprachlich überaus ansehnlich zu verknüpfen. In dem Kapitel „Chávez und das Öl“ flechtet er eine zweiteilige „Geschichte des Erdöls“ ein, und selbst ein so langweiliges Thema wie Chávez‘ Scheidungsgeschichte wird, überschrieben mit „Marisabel geht, Fidel kommt“, durchaus lesenswert. Dass Twickel das letzte Kapitel schließlich der internationalen Politik des bolivarianischen Venezuelas und dem internationalisierten Hugo Chávez widmet, erscheint somit nur konsequent, dennoch sollte es lobend hervorgehoben werden.

Keine Schwarz-Weiß-Malerei

Bei alledem macht es den Eindruck, der Autor habe mit zumindest der Hälfte aller VenezolanerInnen gesprochen: bevor er die politischen Ereignisse zu bewerten gewillt ist, kommen ehemalige KampfgenossInnen Chávez‘, JournalistInnen, UnternehmerInnen, WissenschaftlerInnen, StadtteilaktivistInnen und viele andere zu Wort. Die Verwendung zahlreicher O-Töne und Interviewschnipsel führen den oder die LeserIn nicht nur sehr nah an selbst so komplexe Geschehnisse wie die langsame Genese der bolivarianischen Ideologie heran, sie ermöglichen Twickel auch eine Perspektive, welche am ehesten als kritisch-solidarisch bezeichnet werden könnte.
So scheint Twickel viel zu abgeklärt, um in die Schwarz-Weiß-Malerei zu verfallen, die die meisten Äußerungen zum chavistischen Venezuela durchzieht. Er zitiert die nationale und internationale Presse und weiß um die Chávez-Debatten in der außervenezolanischen Linken. Zudem lässt er Chávez-KritikerInnen jedweder Couleur mindestens ebenso ausführlich zu Wort kommen wie die chavistas, ohne seine eigene Einschätzung zu verbergen.
Nun kann man Cristoph Twickel sicherlich vorwerfen, er ginge insbesondere die Fragen nach dem Personenkult um Chávez und dessen unheiligen Allianzen mit diversen Terrorregimen dieser Erde mit dem kritischen Bewusstsein eines Realpolitikers an. Und tatsächlich hätte man sich nach den vielen sehr lesenswerten Analysen, mit denen dieses Buch glänzt, eine ausführlichere Behandlung chavistischer Bündnispolitik gewünscht als lediglich die maoistische Binsenweisheit, die Feinde seiner Feinde würden „nur folgerichtig“ zu Chávez‘ Freunden. Aber das ist wohl der Preis dieser Entpolarisierung des Schreibens über Chávez und die Bolivarianische Revolution – ein Preis, den zu entrichten es sich unbedingt lohnt.

Cristoph Twickel: Hugo Chávez. Eine Biografie. Edition Nautilus, Hamburg 2006, 352 Seiten, 19,90 Euro

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