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„Entscheidend für die Unterstützung ist die Mobilisierung“

Gibt es Bildungskonzepte – jenseits von Lernprozessen, Gründungsberatung und Weiterbildung innerhalb von Unternehmen – direkt für Belegschaftsübernahmen?
Ein großer Teil der wiederinganggesetzten Unternehmen in Brasilien und Argentinien in den Jahrzehnten von 1990, 2000 und 2010 sind nicht das Ergebnis eines vorherigen Bildungsprozesses. Sie entstanden zum großen Teil auf Grund der Bedürfnisse der Arbeiter, die ihre Arbeitsplätze erhalten wollten, was der Forscher Julian Rebón den „Ungehorsam gegenüber der Entlassung“ genannt hat. Bei der Entstehung der Bewegungen in Argentinien und zum Teil in Brasilien griff man in einigen Fällen auf die Erfahrungen der Unternehmen zurück, die bereits durch diesen Prozess gegangen waren. Aber ich würde nicht sagen, dass solche Beratungen für die Übernahme von Unternehmen ausschlaggebend waren – weder zu Beginn noch in der weiteren Unternehmensführung. Es gibt immer noch wenig Angebot von Kursen, die speziell auf die Besonderheiten der Selbstverwaltung ausgelegt sind.

Welche Rolle spielen dabei Konzepte und Praktiken der Solidarischen Ökonomie?
Auf diesem Feld gibt es mit den Bildungszentren für Solidarische Ökonomiein Brasilien einen Fortschritt. Aber diese sind nicht auf Belegschaftsübernahmen ausgerichtet und werden sehr wenig von dieser Seite angefragt. Belegschaftsübernahmen stellen eine andere Realität dar. Es handelt sich in der Mehrzahl um Industrieunternehmen, während die Bewegung der Solidarischen Ökonomie zum Großteil am Dienstleistungssektor und der handwerklichen Produktion orientiert ist. In Argentinien hat die Offene Fakultät der Universität von Buenos Aires eine Reihe von Handbüchern entwickelt, die die Wiederingang-setzungs- und Führungspraktiken der Unternehmen durch die Arbeiter systematisieren sollen. Sie behandeln etwa Themen zum Rechnungswesen und zum rechtlichen Rahmen. Aber auf dem Gebiet ist noch viel zu tun. Zwar gibt es bereits viel Wissen über Unternehmensführung, jedoch fehlt es an speziellen Konzipierungen für selbstverwaltete Betriebe.

Welche Fachleute sind besonders wichtig bei der Wiederingangsetzung der Unternehmen: Ökonom*innen, Anwält*innen, Techniker*innen, Psycholog*innen, Sozio­log*innen?
Ich denke, dass viele Fachleute wichtig sind, solange sie nicht davon ausgehen, dass ihr Wissen allein für die Wiederingangsetzung ausschlaggebend ist. Die selbstverwaltete Unternehmensführung ist neu, es gibt kein akkumuliertes Wissen über dieses Thema. Das Modell einer Selbstverwaltung, die mehr Autonomie der organisierten Arbeiter voraussetzt, würde nichts davon haben, wenn die Spezialisten eine Einstellung von Unternehmensberatern an den Tag legten. Es ist notwendig, dass auch sie von den neuen Organisationsmodellen lernen und mit diesen Erfahrungen ihre theoretischen und konzeptuellen Schemata überdenken, ebenso wie ihre Instrumente zur Unternehmensführung. Mit dieser Perspektive sind Fachleute aus den Humanwissenschaften, der Technik und dem Gesundheitswesen natürlich in der Lage, viel zum Kampf um die Belegschaftsübernahme beizutragen. Es ist sehr wichtig, dass wir einen neuen legalen Rahmen für diese Erfahrungen bekommen, eine neue Technologie, die in der Lage ist, der neuen Form der Arbeitsorganisation und der Nachfrage nach Produkten zu entsprechen. Auch sollten Aspekte der physischen und psychischen Gesundheit der Arbeiter berücksichtigt werden. Diese Fragen können nicht konkretisiert werden ohne eine interdisziplinäre Aktion.

Sie haben als Ingenieur an Belegschaftsübernahmen in Argentinien, Uruguay, Brasilien und Frankreich teilgenommen. Wo besteht ihrer Meinung nach die fortschrittlichste Politik gegenüber Belegschaftsübernahmen von Seiten der staatlichen Behörden und der Gewerkschaften?
Es ist schwierig, die Politik einer Regierung von der der Gewerkschaften und den Aktionen der anderen organisierten zivilgesellschaftlichen Akteure zu trennen. Die Fortschritte auf diesen Ebenen reflektieren vor allem die Organisation der Bewegung im Allgemeinen. Die Belegschaftsübernahmen in Argentinien haben auf Grund der Größe und Dauer ihres Bestehens die meisten Anhänger gewonnen, sei es von Seiten der Regierungen, sei es von den Gewerkschaften oder von anderen Nicht-Regierungs-Institutionen. Das heißt nicht, dass es unter all diesen Akteuren nicht jene gäbe, die gegen die die Belegschaftsübernahmen arbeiten, was etwa beim Bürgermeister von Buenos Aires, Maurício Macri der Fall ist. In Uruguay gibt es Fortschritte in Sachen Finanzierung. Ein Entwicklungsfonds (FONDES) unterstützt Selbstverwaltungsprozesse, so dass mehr Erfahrungen gesammelt werden können. Er wurde unter der Regierung von Pepe Mujica eingerichtet und unter Tabaré Vásquez vor kurzem verändert und steht nun auch für Darüberhinausgehendes zur Verfügung. Aber es sind nicht die Regierungen, die die Unterstützung für Belegschaftsübernahmen definieren. Ich meine, dass die mit weiteren praktischen Erfahrungen einhergehende Mobilisierung weiterer Gruppen und die Organisation der Betriebe viel wichtiger sind. Davon hängt ab, wie weit man mit diesem Thema vorankommt.

Wo tragen die Belegschaftsübernahmen zur regionalen Entwicklung bei?
In Argentinien, Brasilien und Uruguay habe ich Erfahrungswerte angetroffen, die sich nicht auf das Verhalten innerhalb der Fabrik reduzieren. Im Fall von Zanón und der Solidarischen Union der Arbeiter von Chilavert oder von Flaskô in Argentinien beispielsweise, begannen die Arbeiter an der Entwicklung der sie umgebenden Gemeinschaft teilzunehmen. Sei es mit der Öffnung der Fabrik für Kulturveranstaltungen und Workshops, beim Bau von Häusern und Schulen, durch die Teilnahme an Demonstrationen oder vielen anderen Aktionen, die ich in meinem Buch versucht habe zu systematisieren.

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