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Entwicklungsfaktor Migration

Entwicklung durch Migration? Diese Frage wird heute immer öfter von WissenschaftlerInnen und PolitikberaterInnen aufgeworfen. Meistens handelt es sich dabei um ökonomistische und objektivistische Erklärungsmodelle von Migration. Diese Studien untersuchen vor allem die Auswirkungen der Migration auf Empfängerländer und Herkunftsländer sowie die Interessen der Migrantinnen, welche in einer Kosten-Nutzenbilanz errechnet werden.
In Hinblick auf die Auswirkungen im Empfängerland der MigrantInnen lässt sich eine pessimistische und eine optimistische Linie ausmachen. Die erste unterstreicht das Sicherheitsrisiko der Migration und negative Auswirkungen auf Beschäftigung und soziale Sicherheit im Empfängerland; während die zweite auf das Phänomen der Alterung der Bevölkerung abzielt und in der internationalen Migration eine mögliche Lösung der generationsbedingten demographischen Probleme sieht.
Die Forscher greifen in der Debatte über die Interessen der MigrantInnen vor allem auf neoklassische, das heißt neoliberale Erklärungsmodelle zurück. Sie verstehen Migration als Schaffung neuer Beschäftigungs- und Erwerbsmöglichkeiten für die
MigrantInnen und als deren Eingliederung in den Markt. Die Geldsendungen der MigrantInnen (so genannte remesas) in ihre Heimatländer gelten als Werkzeug für die Finanzierung der Ökonomien des Südens.
Die außergewöhnlichen Dynamiken der Migration haben in den letzten Jahren ein reges Interesse an den Auswirkungen auf die Herkunftsländer geweckt. Wurden früher vor allem die negativen Folgen auf die Herkunftsgemeinden (brain und care drain; psychosoziale Auswirkungen) thematisiert, dominiert heute eine optimistische Perspektive, die das Potenzial der Migration für Entwicklung in den Vordergund stellt. Gemeint sind hier vor allem die Entwicklungspotenziale durch den transnationalen Transfer von Kompetenzen, Wissen und finanziellen Ressourcen.
Die remesas werden als Mittel der Armutsbekämpfung gesehen und als Hilfsmittel zum Erreichen der von den Vereinten Nationen gesetzten Millenniumsziele. Weltbank-Experten rechnen vor, dass eine Lockerung bzw. Flexibilisierung der restriktiven Grenzkontrollen den Anteil von MigrantInnen an der erwerbstätigen Bevölkerung in den hochentwickelten Ländern auf drei Prozent und die Summe der remesas auf 150 Milliarden US-Dollar pro Jahr erhöhen könnte. Zum Vergleich: Die gesamte internationale Entwicklungshilfe belief sich in 2003 (2006) auf 68,5 (ca. 100) Milliarden US-Dollar. Es wird behauptet, dieses „Kapital der MigrantInnen“ hätte einen trickle down-Effekt (Sicker-Effekt), der sich positiv auf die Herkunftsgemeinden auswirke. Damit die remesas in der Lage sind, die Armut dauerhaft zu reduzieren, müssen – so Weltbank und andere internationale Finanzierungsinstitutionen – diese Ressourcen allerdings „produktiv“ genutzt werden.
Dieser soeben skizzierte Diskurs steht in einer alten Tradition des politischen Denkens. Es knüpft an das seit den 1960er Jahren dominante Paradigma der Modernisierung an. Nach diesem Paradigma ist Entwicklung ein Prozess ökonomischen Wachstums, der unausweichlich und
geradlinig auch einen sozialen Fortschritt mit sich bringt. Interpretationsfolie und Modell dieser Perspektive sind die industrialisierten Länder des Nordens.

Eine Lösung für die strukturelle Armut fehlt

Gegenwärtig basiert die herrschende Sozialpolitik in den meisten Ländern Lateinamerikas auf diesem Modell. Demnach solle staatliche Politik sich darauf beschränken, die Armen dazu zu stimulieren, ihre Probleme selber zu lösen. Der Staat sucht zum einen größere Wirksamkeit durch „selektives und fokussiertes Handeln“, so dass gemäß eines festgelegten Kriteriums (zum Beispiel Einkommen) ein Kollektiv der Bedürftigsten definiert wird und alle Anstrengungen in diese Gruppe konzentriert werden. Zum anderen geht es darum, dieses Kollektiv so zu „aktivieren“, dass es die ihm verfügbaren Ressourcen – im Sinne ökonomischen, sozialen und Humankapitals – nutzt, die soziale Problemlage aus eigener Kraft zu überwinden. Die Idee der „Erweiterung der Möglichkeiten der Armen“ und „Ermächtigung“ etwa der Frauen steht in diesem Kontext.
Die ungleiche Verteilung des Reichtums wird in diesem sozialpolitischen Paradigma in keinem Moment hinterfragt. Die weniger bedürftigen Armen und die Mittelklasse werden angehalten, individuell für ihre soziale Absicherung und sozialen Güter zu sorgen, sei es über den Markt oder über das familiäre Umfeld – letzteres de facto auch eine Mehrbelastung der Frauen.
Übertragen auf das Thema Migration und Entwicklung entsteht dabei folgende Argumentationslogik: Die armen Familien, in denen ein Mitglied international migriert ist, besitzen soziales und finanzielles Kapital (remesas), das sie in Humankapital (Bildung) investieren oder in eine andere produktive Aktivität stecken können. Damit können sie mit ihren eigenen Mitteln die Armut überwinden und gleichzeitig zum ökonomischen Wachstum des eigenen Landes beitragen. Dafür ist es jedoch unabkömmlich, die Ressourcen rational zu verausgaben, das heißt, sie im produktiven Sektor zu verausgaben, da nur dieser den notwendigen Reichtum produziert, um die Armut derjenigen mindern zu können, die es nicht geschafft haben, die Möglichkeiten des Marktes zu nutzen. Jedoch hat diese seit den 1990er Jahren in Lateinamerika dominante Form der Sozialpolitik im Kontext des Washington Konsens, das heißt des Dreiklang aus Marktliberalisierung, Privatisierung und Staatsdefizitreduzierung nicht dazu beigetragen hat, eine strukturelle Lösung der Armut zu finden. Im Gegenteil hat diese Politik die Lebensbedingungen der großen Bevölkerungsmehrheit verschlechtert. Sie steht damit in einem direkten Zusammenhang mit der Zunahme der transnationalen Migrationsbewegungen aus dem Süden.
Die gegenwärtigen Migrationsbewegungen und deren Charakteristiken müssen als Produkt der Globalisierung und der neuen internationalen Arbeitsteilung begriffen werden, schreibt die Migrationsforscherin Saskia Sassen. Die Mehrheit der ArbeitsmigrantInnen konzentriere sich dabei auf die großen Städte des Nordens, wo diese meist ohne Papiere in der Illegalität leben müssen und in unsicheren und informellen Beschäftigungsverhältnissen stehen.

Überleben versus Entwicklung?

Die ökonomistisch-strukturalistischen Erklärungsmodelle machen MigrantInnen als aktive und mehrdimensionale Subjekte unsichtbar und reduzieren sie dabei zu rationalen Ausführungsorganen makrökonomischer Strukturen. Doch Migration ist ebenso eine individuelle wie familiäre Strategie. Transnationale soziale Netwerke von MigrantInnen, in denen Solidarität und gegenseitige Hilfe etwas Normales sind, spielen eine große Rolle bei der Entscheidung vieler Menschen, ob und wohin sie ihr Heimatland auf Zeit oder für immer verlassen sollen.
Wenn remesas nicht primär in den produktiven Sektor investiert, sondern dazu genutzt werden, um Schulden abzuzahlen, den Lebensunterhalt zu sichern oder ein Mindestmaß an gesundheitlicher Versorgung der Familie und die Ausbildung der Kinder zu gewährleisten; dann nicht etwa deshalb, weil die Armen nicht rational handeln würden oder unfähig seien, produktiven Nutzen aus ihren Ressourcen zu schlagen.
Vielmehr tragen die Familien der unteren Schichten heute in überproportionaler Weise die Last des Rückzugs aus dem sozialen und öffentlichen Sektor. Es kommt nicht von ungefähr, dass in vielen Ländern Lateinamerikas die remesas dazu geführt haben, dass die MigrantInnen heute im Hinblick auf soziale Investitionen den Staat ersetzen. Ohne Zweifel birgt die Migration positive sozioökonomische Entwicklungsmöglichkeiten – für die MigrantInnen sowie für die Gesellschaften in den Herkunfts- und Empfängerländern. Damit dieses Potenzial ausgeschöpft wird, bedarf es allerdings einer Transformation der Bedingungen, die Ungleichheit und Exklusion
produzieren.
Die Strategien der MigrantInnen stellen in Wirklichkeit einen Entwicklungsansatz dar, in dessen Mittelpunkt die Frage der sozialen Reproduktion steht. Eine Vorstellung von Entwicklung, die nicht auf ökonomisches Wachstum reduziert ist und das Wohlergehen der Mehrheit der Bereicherung der Minderheit unterordnet.

KASTEN:
Nach den Zahlen der Internationalen Organisation für Migration IOM wuchs der Anteil der MigrantInnen an der Weltbevölkerung von 171 Millionen im Jahr 2000 auf 191 Millionen Menschen in 2005 an. Die Hälfte davon sind Frauen, Tendenz steigend.Damit sind rund drei Prozent der Weltbevölkerung internationale MigrantInnen.
Obwohl die Herausbildung neuer Attraktionspole im Süden selbst eine immer bedeutendere interne und intraregionale Migration verursacht, gibt es gegenwärtig ein dominantes Süd-Nord-Muster in den Migrationsflüssen: eine/r von vier MigrantInnen lebt in den USA und Kanada, eine/r von drei in Europa. Das Hauptziel der internationalen Migration bleiben die USA mit 20 Prozent aller MigrantInnen weltweit.

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