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„Es ist wie ein Weckruf für die Frauen“

Mitten im Zentrum von Rio de Janeiro, im geschäftigen Viertel Cinelândia, suche ich die Hausbesetzung Manuel Congo auf. Der Namensgeber Manuel Congo war ein Sklave der Region Fluminense, der für seine Freiheit kämpfte und ein Quilombo, eine Gemeinde entflohener SklavInnen, gründete. Dort werde ich von Elisete Napoleão begrüßt, die mich über sieben Stockwerke hinauf in ihre Wohnung führt, vorbei an vielen über den unbekannten Besuch erstaunten Kinderaugen. 46 Familien wohnen in dem Haus mit Elisete, die maßgeblich an der Besetzungsaktion beteiligt war. Vorher wohnte sie in der Favela Morro do Cantagalo. Dort ist der Sitz der Näherinnenkooperative Corte & Arte, in der sie arbeitet. Bei Kaffee mit viel Zucker erzählt sie mir, wie es zu dem Zusammenschluss zu der Kooperative kam.
„Vorher hatte ich keine Perspektive, ich hatte zu studieren aufgehört und nicht mal mehr Lust dazu.“ Sie war in einer Textilfabrik tätig, wollte jedoch mehr in der Nähe ihrer Familie arbeiten. Hinzu kommt, dass vor 15 Jahren viele BewohnerInnen der Favela aufgrund der Wirtschaftskrise in Brasilien in die Arbeitslosigkeit gerissen wurden. In dieser Notsituation versammelten sich einige Frauen mit Elisete und legten ihre Fähigkeiten sowie ihr weniges Kapital und Sachkapital, wie Nähmaschinen, zusammen, um eine Näherinnenkooperative aufzubauen. Seitdem ist die Kooperative Corte & Arte – Schneidern und Kunst – eine Referenz für die Favelagemeinde und gab den Anstoß für weitere Initiativen, wie zum Beispiel ein Gemeinderadio.
Oftmals liegt das Motiv zum Aufbau eines Kollektivs der Solidarischen Ökonomie primär in einer Situation der wirtschaftlichen Notlage. Elza Santiago, von der Frauengruppe der Stickerinnen der Favela Morro de Coroa, erzählt von ihrer Geschichte: „Ich hatte kein Geld, keine Arbeit, aber eine Familie zu ernähren.“ Schwarze Frauen über 40, die in einer Favela wohnen, hätten auf dem Arbeitsmarkt fast keine Chance. Noch dazu besäßen die meisten keine Ausbildung, seien alleinerziehende Mütter oder bereits verwitwet. „Wir nutzten das Wissen über die Stickerei, das wir von der Kultur unserer Vorfahren erworben haben; das hat uns geholfen, aus dem Loch zu klettern.“
Für die Frauen bedeutet der Zusammenschluss zu einer Kooperative daneben die Möglichkeit, eigenständig zu arbeiten und ihre eigenen Fähigkeiten zu entfalten. „Nie wieder ein Chef in meinem Leben!“ – bekräftigt Elisete. Allerdings besteht gerade eine der größten Hürden in der Gründungsphase darin, zu erlernen, im Kollektiv zu arbeiten. Viele Frauen seien nur daran gewöhnt, als Angestellte für einen Chef zu arbeiten, erläutert Elisete, und müssten die Erfahrung, in der Gruppe zu arbeiten, erst machen. Das Arbeiten in Selbstverwaltung sei sehr bereichernd, aber auch anstrengender, weil man einen breiteren Horizont brauche und über mehr Dinge Bescheid wissen müsse. Eine Weiterbildung in Kursen, wie sie von verschiedenen Nichtregierungsorganisationen zu Themen der Solidarischen Ökonomie angeboten werden, ist daher essentiell. Einige Frauen, die an ein normales Lohnverhältnis gewöhnt waren, seien mehr am reinen Geldverdienen interessiert, anstatt auch Kurse zu besuchen. Elisete betont: „Die größte Herausforderung für uns war es, die Weiterbildung und die Produktion zu vereinbaren.“
Im Zuge des gemeinschaftlichen Aufbaus einer Kooperative und der Notwendigkeit, eigenes Wissen zu erwerben, beginnen die Frauen, neues Selbstbewusstsein zu gewinnen. Viele erleben tiefgreifende persönliche Veränderungsprozesse: „Seit ich in der Kooperative arbeite, haben sich viele Dinge in meinem Leben geändert. Ich war immer sehr depressiv, wollte mit niemandem reden und mich am liebsten verstecken. Heute kann ich gut kommunizieren, habe das Problem überwunden. Heute bin ich es, die den jungen Leuten hilft!” Auf diese Weise beschreibt Rosana Pereira aus einer Näherinnenkooperative in São Gonçalo (Bundesstaat Rio de Janeiro) ihre Erfahrungen. Viele Frauen sind im wahrsten Sinne des Wortes „aufgewacht”: Durch die Arbeit in einer Kooperative der Solidarischen Ökonomie haben sie gelernt, Verantwortung zu übernehmen, ihre Meinung zu vertreten und sich stetig weiterzubilden.
Dayse Valença von der Organisation Asplande, einer NRO, die die Kollektivbetriebe unterstützt und Kurse zu Solidarischer Ökonomie und Gender-Themen anbietet, unterstreicht dies: Die Mehrzahl der Frauen kämen in die Kurse der NRO „mit vielen Blockaden wegen der machistischen Erziehung“. Aufgrund ihres Hintergrunds als Frauen mit geringem Einkommen, die als FavelabewohnerInnen Diskriminierungen erfahren, besäßen sie ein sehr geringes Selbstwertgefühl. „In dem Maße, indem sie an den Aktivitäten im Netzwerk teilnehmen und die Kurse von uns oder anderen Organisationen besuchen, verwirklichen sie sich als Frau, die ihren Platz in der Gesellschaft verteidigt, und als aktive Bürgerin, die ihre Rechte einfordert.“
Elza bekräftigt: „Uns haben sich die Türen zur Welt geöffnet“ – die Frauen aus ihrer Kooperative beginnen erst jetzt, aus ihrem Viertel herauszukommen, mit anderen Gruppen in Austausch zu treten und zu Veranstaltungen zu reisen. Die erste Reise der Stickerinnengruppe zum 1. Nationalen Treffen der Vernetzung von schwarzen Frauen war der Stein des Anstoßes für ein dauerhaftes Engagement in der Frauenbewegung. Heute diskutieren die Frauen über ihre Rechte als Bürgerinnen und wissen, wohin sie sich wenden müssen, um diese durchzusetzen. Sie haben die Scheu überwunden, Institutionen aufzusuchen, um dort Forderungen einzubringen.
Das Empowerment der Frauen bedeutet somit auch, dass sie Orte aufsuchen, die für sie vorher ein Tabu darstellten; sie erweitern ihren Horizont, indem sie die Welt außerhalb ihres Viertels kennenlernen. Andererseits bieten sie ein Beispiel dafür, dass es nicht nötig ist, die Favela zu verlassen, um die eigene Lebenssituation zu verbessern. Langfristig soll auch dort ein Wandel stattfinden, so Elza: „Wenn wir es schaffen, unsere eigenen Lebensrealitäten zu transformieren, hoffen wir, allmählich auch die unserer Gemeinde zu verbessern.“
Kollektivbetriebe der Solidarischen Ökonomie überleben nicht im Alleingang – es ist fundamental, dass sie sich mit anderen Gruppen zu einem Netzwerk verbinden. So wurde 1997 das Kooperativen-Netzwerk der Unternehmerinnen der Metropolenregion Rio de Janeiros gebildet. Es setzt sich aus etwa 20 Kleinbetrieben der Solidarischen Ökonomie zusammen, die sich unterschiedlichen produktiven Aktivitäten widmen, darunter Kunsthandwerk, Recycling, ökologische Ziegelsteine oder Küchenkollektive. Das Netzwerk bietet einen „Ort der Zuflucht“, so Dayse Valença, um die Probleme und Frustrationen der eigenen Gruppe in den Diskussionsraum zu tragen und gemeinsam über Lösungsmöglichkeiten nachzudenken. Auf dieser Plattform besteht die Möglichkeit für den „Austausch von Ideen und Wissen”, und für die Nachrichtenvermittlung, etwa zur politischen Mobilisierung oder um Veranstaltungen, Messen und Märkte anzukündigen. Gruppen können sich zusammenschließen, um Produkte gemeinschaftlich zu vermarkten.
Im weiteren Sinne stellt das Netzwerk ein „alternatives Entwicklungsmodell” in Form einer horizontalen Organisation dar, welche ohne Hierarchien auskommt. Jeder Knotenpunkt des Netzwerks repräsentiert eine Einheit mit eigenem Potential und Entscheidungsfähigkeit. Damit wird der Weg für eine gesellschaftliche Transformation bereitet, weswegen eines der Ziele des Netzwerks darin besteht, „die Kräfte zu bündeln, um auf die staatliche Politik Einfluss zu nehmen” – wie es eine Aktivistin des Netzwerks für Sozialwirtschaft der Westzone Rios auf den Punkt bringt.
Elisete kommentiert: „Wenn du in der Kooperative arbeitest, beginnst du dich mit Themen wie Feminismus, Arbeit und das Recht auf einen würdigen Wohnraum auseinanderzusetzen. Du fängst an, dich zu organisieren, um diese machistische Politik zu verändern.“ Das beste Beispiel für diese Aussage ist sie selbst, die sich seither in der Bewegung für ein Recht auf würdiges Wohnen engagiert und seit über einem Jahr in der Besetzung Manuel Congo wohnt. Die Näherin hat nun wieder angefangen zu studieren und möchte den Mestrado (vergleichbar zu Magister) in Jura absolvieren. Heute ist sie es, die Kurse zur Rechtslage und Gesetzgebung von Kooperativen für NeuanfängerInnen gibt.
Indem die Solidarische Ökonomie sozial und geographisch ausgeschlossenen Gruppen die Möglichkeit gibt, sich wieder in einen Arbeitszusammenhang einzugliedern und ein eigenes Einkommen zu erzielen, fördert sie deren Empowerment und soziale Integration. Insbesondere für Frauen bedeutet es ein Plus an Autonomie; sie stärken ihr Selbstbewusstsein in dem Maße, indem sie sich politisch mobilisieren und für ihre Gemeinde engagieren. Gleichzeitig setzen sie ihr Recht auf ein würdiges Leben und faire Arbeitsverhältnisse in die Tat um. Auf diese Weise ebnet die Solidarische Ökonomie den Weg für eine Transformation der Wirtschaftsbeziehungen in Richtung eines Modells der Inklusion, auf der Basis von menschlichen und ökologischen Werten. Der Mensch selbst erfahre dabei eine Aufwertung, so Elisete, und werde als kollektives Subjekt begriffen. Maria Isabel von einem Kunsthandwerkkollektiv fordert: „Wir wollen eine gerechte und ausgeglichene Ökonomie, die nicht die Ausbeutung des anderen praktiziert.“
Kurzum, wie es Maria Celia vom Referenzzentrum für Solidarische Ökonomie auf den Punkt bringt, „die Solidarische Ökonomie weckt die Frauen auf“ – sie bereitet den Weg für tiefgreifende Veränderungen in Richtung einer „anderen Ökonomie”.

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