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“Fenster zur Welt”

Liebhaber lateinamerikanischer Bücher werden es kennen: Viele Titel des klassischen Literaturkanons sind nicht mehr im gängigen Handel zu erhalten. Sie müssen mühsam in Antiquariaten oder in Internetbörsen aufgestöbert werden. Dabei fällt auf: Sehr viele Bücher wurden in der DDR verlegt, zumeist im Volk & Welt oder im Aufbau Verlag.
Während Letzterer sich insbesondere der Literatur des 19.Jahrhunderts widmete, war der Volk & Welt Verlag hauptsächlich für zeitgenössische Schriftsteller der gesamten Weltliteratur zuständig. Somit auch für die lateinamerikanische Literatur.

Der Verlag Volk & Welt
Simone Barck und Siegfried Lokatis haben kürzlich ein umfassendes Verlagsporträt herausgegeben: Fenster zur Welt – Eine Geschichte des DDR-Verlages Volk & Welt. Der Verlag wurde 1947 von Michael Tschesno-Hell gegründet und stieg zum Leitverlag für internationale Literatur auf. Volk & Welt propagierte seit seiner Gründung den „antiimperialistischen Kampf“ mit „progressiver internationaler Literatur“ und stellte sich auf die Seite der unterdrückten Minderheiten. Der Anstoß für die ersten lateinamerikanischen Bücher ging dabei maßgeblich von zurückgekehrten Mexiko-Exilanten aus, wie etwa Anna Seghers und Bodo Uhse. Die meisten waren Kommunisten und brachten ihre literarischen Kontakte und Entdeckungen aus Lateinamerika in die damalige sowjetische Besatzungszone mit. Bereits zwei Jahre nach Kriegsende konnte der erste lateinamerikanische Roman gedruckt werden: Herr über den Tau des Haitianers Jacques Roumain, den Ludwig Renn einführte.

Fokus auf die “Dritte Welt”
Besonderes Engagement galt den Autoren der so genannten „Dritten Welt“. „Die lateinamerikanische Literatur in der DDR lässt sich bis in die 60er Jahre als „Elendsliteratur“ charakterisieren“, sagt Jens Kirsten.
Kirsten hat seine Dissertation über lateinamerikanische Literatur in der DDR geschrieben und im Volk & Welt Porträt ein Kapitel zum Thema publiziert. „Die Bücher zeigten dem Leser ein Bild von Armut, Leid und Unterdrückung – und dem politischen Kampf dagegen.“
Somit ist es nicht verwunderlich, dass die beiden linkspolitisch engagierten Literaten Pablo Neruda und Jorge Amado zu so genannten „Hausautoren“ bei Volk & Welt avancierten.
Amado gilt als Brasiliens beliebtester „Volksautor“ schlechthin, literarisch stets bemüht um die Sorgen und Nöte des einfachen Volkes. Bereits in den 50er Jahren war Amado als „Marxistischer Autor“ in der DDR sehr erfolgreich. Er war ein sozialistischer Vorzeigeautor, Leninpreisträger und bekennender Kommunist. Zugleich sind seine Bücher spannend und unterhalsam. In der Liste der meistveröffentlichten Autoren des Volk & Welt Verlages stand Jorge Amado mit 20 publizierten Titeln auf Platz drei.
Anna Seghers war es, die in Deutschland zum ersten Mal auf Pablo Neruda aufmerksam machte, dessen umfangreiches Werk in den folgenden Jahren nahezu vollständig in der DDR verlegt wurde.
In der BRD hingegen wurde der Chilene bis in die Sechzigerjahre hinein ignoriert, bzw. als Dichter, dessen „Poesie zur Magd der Politik“ geworden ist (H.M. Enzensberger), abqualifiziert. Bis 1973, als sich im Zuge der durch den Militärputsch ausgelösten Sympathiewelle für Chile ein schlagartiger Wandel in der Wahrnehmung des Landes vollzog, gab es in der Bundesrepublik keine vollständige Ausgabe der Gedichte Nerudas.
Lange stand die BRD mit dem Verlegen lateinamerikanischer Literatur hinter der DDR zurück: „Bis Mitte der Sechzigerjahre wurden in der DDR mehr lateinamerikanische Bücher publiziert als in der BRD. Hier begann die Entdeckung erst mit den 68er Studentenrevolten“, so Kirsten.
Neruda bildet mit Miguel Angel Asturias aus Guatemala und dem Mexikaner Octavio Paz die Gruppe der drei lateinamerikanischen Nobelpreisträger, die bei Volk & Welt verlegt wurden.

„Testballons“gegen die Zensur
Der Volk &Welt Verlag war Eigentum der SED. Der Staat war für die „ideologische Anleitung“, die ökonomische Kontrolle und die Zensur zuständig.
Die Zensur betraf jede Art von Texten, ob sie aus der DDR selber, aus den sozialistischen „Bruderländern“ oder aus dem „feindlichen kapitalistischen Ausland“ stammten. Die Texte wurden daraufhin kontrolliert, inwiefern sie irgendwie „nützlich“ oder zumindest „nicht schädlich“ erschienen.
Der Argentinier Jorge Luis Borges war ein Fall für die Zensur. Nicht aus literarischen Gründen – „An dem was er schrieb, war nichts auszusetzen“ – sondern aus außerliterarischen: Er hatte von den argentinischen Militärs einen Orden angenommen und war nicht für Palästina, sondern für Israel. Schließlich gelang die Herausgabe mit Hilfe eines „Bürgen“ und eines begleitenden Nachwortes.
Es forderte stets viel Taktik und Fingerspitzengefühl von den zuständigen Lektoren, kritische Literatur einzuführen und durchzusetzen. Manchmal vergingen bis zur Veröffentlichung Jahre. Das betraf selbst die Literatur des magischen Realismus, die mit den Normen des sozialrealistischen Romans nicht mehr in Einklang zu bringen war. Trotzdem gelang es, entscheidende Werke wie Staatsräson von Alejo Carpentier 1978 oder Ich der Allmächtige von Augusto Roa Bastos 1979 zu ermöglichen.
„Die Lektoren hatten Zugang zu allen Büchern und Texten, bei der Herausgabe waren ihnen jedoch oftmals die Hände gebunden. Aber es gab Ausweichmöglichkeiten,“ konkretisiert Kirsten. Ein beliebtes Mittel hierbei war der so genannte „Testballon“. Von der Zensur als kritisch eingestufte Autoren wurden zunächst einmal in Anthologien versteckt publiziert, um den Weg für weitere Veröffentlichungen zu ebnen.
Infolge der Zensurpraxis entstand mit der Zeit ein spezifischer Kanon besonders geförderter Autoren. Pro Jahr wurden der lateinamerikanischen Literatur etwa 5 Titel zugebilligt. „Die Veröffentlichungen und Nachauflagen der etablierten „Hausautoren“ wirkte sich nicht besonders positiv auf die Entdeckung und Vorstellung oft hochklassiger neuer Autoren aus“, bemerkt Kirsten. Als größtes Hindernis erwies sich jedoch der Mangel an ökonomischen Ressourcen, an Papier und vor allem an Devisen für literarische Auslandsimporte. So waren viele Titel unmittelbar nach ihrem Erscheinen vergriffen und durch Vorbestellungen stark überzeichnet – und blieben damit Ziel vergeblicher Sehnsüchte im „Leseland“ DDR.

Internationale Solidarität mit Kuba, Chile und Nicaragua
Nach der kubanischen Revolution 1959 veränderte sich die Beziehung der DDR zu Lateinamerika grundlegend, Kuba wurde zum wichtigsten Referenzland. Als solidarische Reaktion auf die politischen Ereignisse auf der Insel erschien 1963 eine Revolutionsanthologie mit dem Titel Ruderer in der Nacht, herausgegeben von Lene Klein. Die Bolivianischen Tagebücher des Che Guevara wurden hingegen in der DDR nicht publiziert, wohl aber in der BRD. „Che Guevaras Fama als radikaler Rebell passten nicht ins Bild.“ Einzig Guevaras Der Partisanenkrieg wurde in der DDR verlegt. Nicht aber bei Volk & Welt, sondern im Militärverlag. „Und hier“, so Kirsten, „wurden sie unter strengem Verschluss gehalten und waren nur sehr wenigen zugänglich.“ Die Tagebücher erschienen schließlich 1987, nachdem sich die Literaturzensur bereits gelockert hatte.
Auch auf den Militärputsch 1973 in Chile reagierte der Volk & Welt Verlag. „Es sind – nach der üblichen zensorischen Vorlaufphase – eine ganze Reihe von Büchern aus und über Chile erschienen, um das Interesse auf das Land zu lenken. Angeregt nicht zuletzt durch die chilenischen Exilanten in die DDR“ berichtet Kirsten.
Zu nennen wären Andreas Klotsch, der die Reihe Erkundungen – 24 chilenische Erzähler 1974 herausgab oder die Zeugnisse des chilenischen Widerstands 1979 von Salvattori Coppola.
Ähnlich solidarisch zeigte sich der Verlag 1979 mit den politischen Ereignissen um den Sturz Somozas in Nicaragua.

„Fenster zur Welt“
„Volk & Welt“ – der Name ist Programm. Der Verlag bot der eingeschlossenen Bevölkerung der DDR die Möglichkeit, durch die Literatur andere Länder und Kulturen kennen zu lernen. Neben der Belletristik ist insbesondere die Reihe Erkundungen hervorzuheben, durch die der Leser – zumindest imaginär – durch die Welt und damit in fast alle Länder Lateinamerikas reisen konnte. „Durch die lateinamerikanische Literatur wurde ein Gefühl der Solidarität vermittelt.
Diese Art von Verbundenheit unterschied sich grundlegend von den vom Staat verordneten „freiwilligen“ Solidaritätsbekundungen in der DDR“, sagt Kirsten.
Buchgestalter und Illustratoren wie Werner Klemke, Lothar Reher oder Ulrich Lindner brachten dem Verlag die begehrten Auszeichnungen „Schönste Bücher“ sowie „Schönste Schutzumschläge“ ein. „Der Verlag verfügte über hervorragende Übersetzer und Lektoren. In der lateinamerikanischen Literatur machte sich insbesondere Andreas Klotsch verdient.“
2001 wurde der Volk & Welt Verlag liquidiert und musste die neuen Räumlichkeiten in Westberlin innerhalb weniger Tage räumen. Es gelang unter Mithilfe des Potsdamer Zentrums für Zeithistorische Forschung, große Teile des verloren geglaubten Verlagsarchivs vor dem Container zu retten. Das Bucharchiv wurde dem Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR in Eisenhüttenstadt übergeben, andere wichtige Materialien gingen an die Akademie der Künste Berlin-Brandenburg.
Volk & Welt wurde in die große Verlagsgruppe Randomhouse/Bertelsmann inkorporiert, produziert aber nicht mehr eigenständig.
Mit dem Fall der Mauer verlor der Verlag nicht nur seine wichtigsten Lizenzen, sondern auch seine zentrale Funktion, einer eingeschlossenen Bevölkerung ein „Fenster zur Welt“ zu bieten.

Simone Barck, Siegfried Lokatis (Hg): Fenster zur Welt – Eine Geschichte des DDR-Verlages Volk & Welt. Christoph Links Verlag. Berlin: 2003

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