«

»

Artikel drucken

Gelegentlicher Schußwechsel

Pedro war ein umsichtiger, intelligenter und charismatischer junger Mann. Seine Bewegungen waren schnell und kontrolliert nach all den Jahren des Überlebenskampfes in den Straßen von Chicago. Die meiste Zeit seines Lebens war er zwischen seiner Sozialhilfe empfangenden Mutter und einem Onkel hin und her geschoben worden; er war von mehreren Schulen geflogen und hatte eine Zeit im Jugendvollzug hinter sich. Mit zwanzig Jahren war Pedro Anführer einer Straßengang. Und er war ein wunderbarer Mensch.
1993 zog Pedro für vier Monate bei uns ein, nachdem er zu Hausarrest verurteilt und unter meine Aufsicht gestellt worden war. Er war respektvoll und höflich, und mein sechsjähriger Sohn Ruben liebte ihn heiß und innig. Pedros bester Freund war mein damals 19jähriger Sohn Ramiro.

Zugang zur eigenen Geschichte

Während er bei uns wohnte, gab ich ihm Bücher zu lesen – auch politische Bücher, damit er die Welt um sich herum besser begreifen könnte. Eines von ihnen war Palante, ein mit Fotos illustriertes Buch über die Young-Lords-Partei, einer politischen Organisation der US-amerikanischen PuertoricanerInnen in den 70er Jahren. Pedro, dessen Familie aus Puerto Rico stammt, bekam dadurch Zugang zu einem wichtigen Teil der Geschichte, von dem er bislang nichts gewußt hatte. Er verschlang das Buch, so wie er auch andere Bücher verschlang – das erste Mal in seinem Leben.

Gegen den Vergeltungsschlag

Als der Hausarrest vorbei war, zog Pedro mit seiner Freundin und ihrem kleinen Sohn in ein anderes Viertel und fand einen Job. Obwohl er weiterhin Anführer der Gang war, sprach er nun vom Kampf für soziale Veränderungen und von Plänen, woanders neu anzufangen. Im November 1993 wurde er von drei Kugeln in Rücken, Bein und Arm getroffen. Ramiro und ich besuchten ihn im Krankenhaus. Er lebte, aber er war danach nicht mehr derselbe.
Noch während er im Krankenhaus lag, überfiel dieselbe Gang, die ihn erwischt hatte, einen Freund von Pedro und Ramiro und tötete ihn. Angel, Stipendiat einer der besten Schulen der Stadt, war auf dem Weg zur Schule, als er überfallen wurde – eine Tatsache, die in den Nachrichten am Tag darauf keine Erwähnung fand. Statt dessen stand seine mögliche Bandenmitgliedschaft im Zentrum des Medieninteresses – gerade so, als ob das seinen Tod irgendwie rechtfertigen würde. Ich versuchte, Pedro davon zu überzeugen, daß er seine Jungs unter Kontrolle halten sollte. Ich wußte genau, daß Ramiro und die anderen nur auf ein Zeichen von ihm warteten. Pedro mußte sehr mit sich ringen, untersagte aber letztendlich einen Vergeltungsschlag – obwohl es ihm schwer fiel.
Leider ist die Geschichte hier noch nicht zu Ende. Anfang 1994 soll Pedro einen der Jungs aus der Gang, die er hinter dem Überfall auf sich und auf Angel vermutete, erschossen haben. Über ein Jahr war er auf der Flucht, bevor er festgenommen, verhört und für schuldig befunden wurde. 1996 trat er seine Strafe von vierzig Jahren Haft im Gefängnis von Statesville an.

Zu viele Begräbnisse

Pedros Geschichte zeigt ein bißchen die Vielschichtigkeit der Arbeit mit solchen Jugendlichen. Die meisten Menschen würden sie am liebsten einfach abschreiben, dabei sind sie intelligent, kreativ und sehr anständig. Ich arbeite seit über dreißig Jahren mit Leuten wie Pedro, die ich in Jugendgefängnissen, alternativen Bildungseinrichtungen, Unis, auf der Straße oder in Jugendorganisationen kennengelernt habe – von East L.A., wo es mehr Gangs gibt als sonst irgendwo im Land, bis nach Hartford, Connecticut, wo die Anzahl von Banden besonders drastisch ansteigt. Ich war auf vielen Begräbnissen, habe viele Mütter weinen gesehen und besuchte viele Verwundete in Krankenhäusern – bei weitem zu viele. Aber ich habe ebenso erlebt, wie einige der gefährdetsten Jugendlichen zu starken Gemeindeführern wurden, das College besuchten, Bücher schrieben, Kunst machten oder wundervolle Familien gründeten.

Gangs geben den Jugendlichen sozialen Halt

Wie ich oft gesagt habe, wenn ich über Latino-Gangs schreibe, dämonisiere ich sie weder, noch glorifiziere ich sie, da beides die Realität verzerrt. Vor allem habe ich seit langem erkannt, daß die meisten Jugendlichen nicht in den Gangs sind, um Kriminelle, Killer oder Häftlinge zu werden. Für viele bedeutet die Gang, sie selbst sein zu können, und gibt ihnen eine feste Struktur, die sie brauchen, um ihr Leben in den Griff zu bekommen. Das sind Dinge, die ihnen andere Institutionen, einschließlich Schulen und Familien häufig nicht bieten. Jedoch kann die Mitgliedschaft in einer Gang ohne eine geeignete Führung durch die Community verheerende Folgen haben.
Es gibt unterschiedliche Arten von Latino-Gangs, aber die häufigsten sind die Cholo-Gangs im Südwesten der USA. Die Cholos beziehen sich direkt auf die Pachucos aus den dreißiger und vierziger Jahren. Sie tragen besondere Kleidung, gehen einen bestimmten Gang und sprechen eine Mischung aus Spanisch, Englisch und einem ganz eigenen, als caló bekannten Slang. Cholos wurden von Weißen und südostasiatischen EinwanderInnen nachgeahmt, von osteuropäischen ImmigrantInnen ebenso wie von indianischen Jugendlichen in den Reservaten oder denen in Zentralamerika. Die afro-amerikanischen Crips- und Bloods-Banden eiferten den Cholo-Stil stark nach. Cholos stehen zudem hinter den Gang-Strukturen in den südlichen und nördlichen Barrios, angebunden an die größten Gefängnisorganisationen in Kalifornien – der Mexikanischen Mafia (La Eme) und Nuestra Familia.
Diese Bandenstrukturen haben sich im gesamten Westen der USA, in manchen Fällen sogar bis in den Mittleren Westen ausgebreitet. Sie finden sich inzwischen auch in Mexiko, El Salvador und Guatemala. Überraschenderweise gibt es diese Strukturen auch bei einigen Jugendlichen in Armenien, seit die Einwanderungsbehörde der USA 1992 begann, in großem Stil armenische Jugendliche wegen fehlender Dokumente in ihre Herkunftsländer abzuschieben.

Unterschiedliche Organisationsformen

Die andere bedeutende Bandenstruktur von Latinos entwickelte sich in der Gegend von Chicago. In den späten sechziger und frühen siebziger Jahren formierten sich dort Gruppen wie die Latin Kings oder die Spanish Cobras. In den Neunzigern breiteten sie sich in umliegende Gegenden und nach New York City, Connecticut, Texas, Mexico und Puerto Rico aus. Die Latin Kings, die größte dieser Gruppen, wurde überwiegend von PuertoricanerInnen aus den Barrios im Nordwesten von Chicago geründet, nahmen aber auch schnell Jugendliche aus der wachsenden mexikanisch-amerikanischen Bevölkerung auf. Die Gangs haben auch in den Gefängnissen von Illinois und einigen umliegenden Staaten zugenommen. Sie sind stark in den Drogenhandel verwickelt, obwohl die Hauptanreize der Stolz auf ihre Kultur, das Zugehörigkeitsgefühl und die Einweihungsriten sind.

Die heilende Kraft der Kultur

Es kann viel darüber gesagt werden, wie man am besten mit Jugendlichen der Latino-Gangs arbeitet. Mit Organisationen wie die in Kalifornien ansässige Barrios Unidos (mit rund 30 Ortsgruppen im Land) und Chicago’s Youth Struggling for Survival, die ich zusammen mit 200 Jugendlichen und Erwachsenen gründen half haben wir auf die heilende Kraft der Kultur („la cultura cura“) gesetzt: Vermittlung politischen Wissens und politische Aktionen, wirtschaftliche Entwicklung, Training für Führungspersönlichkeiten, Kunst/Schreibtraining und Meditation gehören zu unseren Angeboten. Und ich habe erlebt, wie junge Leute, die von anteilnehmenden Erwachensen, Mentoren und Älteren umgeben, sich von destruktiven Lebensstilen und Suchtverhalten abwandten und zu fähigen und zuversichtlichen Menschen wurden. Das ist besser als das Errichten von Gefängnissen, die Null-Toleranz- und die Drei-Strafen-und-du-bist-draußen-Politik der herrschenden Kultur in den USA. Die Welt ändert sich – wir treten ein in eine neue Ära. Die Latinos, die innerhalb der nächsten fünfzig Jahre die Bevölkerungsmehrheit in den USA bilden könnten, sind der Schlüssel für den Weg, den wir einschlagen werden.
Ich bin der festen Überzeugung, daß eine Welt der Gerechtigkeit, des Friedens, sozialer Gerechtigkeit und echter Gemeinschaft möglich ist. Dazu bedarf es unserer Köpfe, unseres Bewußtsein und unserer Träume. Wenn wir alle uns organisieren, können wir dies zur Wirklichkeit werden lassen. Pedro, mit dem ich immer noch in Kontakt stehe, ist keine „verlorene Sache“ – obwohl, wie ein kluger Mann ja mal sagte, die „verlorenen Sachen“ die einzigen sind, für die es sich zu kämpfen lohnt.
Wir brauchen kein Land, in dem die Polizei unsere Kinder zur Schule begleitet, Pizza-Boten Waffen mit sich führen oder die Gefängnisse zahlreicher sind als die Colleges. Wir können aufgeklärter sein, sozialer, phantasievoller. Und, davon bin ich überzeugt, wir könnten so auch sicherer sein.

Übersetzung: Martin Ling/Elisabeth Schumann-Braune

Luis Rodríguez ist Dichter, Journalist und Kritiker in den USA. Er hat am kürzlich erschienenen Bildband East Side Stories. Gang Life in East L.A. PowerHouse Books, New York 1998 mitgearbeitet.

KASTEN:
Eine kleine Bibliographie zum Thema Jugend für Interessierte zum Weiterlesen

Conto de Knoll, Dolly: Die Straßenkinder von Bogotá. Ihre Lebenswelt und ihre Überlebensstrategien. IKO-Verlag, Frankfurt a. Main 1991.
Dücker, Uwe von: Die Kinder der Straße. Überleben in Südamerika. Frankfurt a. Main 1992.
Dücker, Uwe von: „Straßenschule“. Straßenkinder in Lateinamerika und Deutschland. IKO-Verlag, Frankfurt a. Main 1998.
Hurrelmann, K. u. a.: Lebensphase Jugend. Eine Einführung in die sozialwissenschaftliche Jugendforschung. Weinheim 1995.
Karcher, W. u. a. (Hrsg.): Zwischen Ökonomie und sozialer Arbeit. Lernen im informellen Sektor in der „Ditten Welt“. Frankfurt a. Main 1993.
Liebel, Manfred: Mala Onda – Wir wollen nicht überleben, sondern leben. Jugend in Lateinamerika. IKO-Verlag, Frankfurt a. Main 1993.
Liebel, Manfred: „Wir sind die Gegenwart.“ Kinderarbeit und Kinderbewegungen in Lateinamerika. IKO-Verlag, Frankfur a. Main 1994.
Liebel, Manfred; Overwien, Bernd; Recknagel, Albert (Hrsg.): Arbeitende Kinder stärken. Plädoyers für einen subjektorientierten Umgang mit Kinderarbeit. IKO-Verlag, Frankfurt a. Main 1998.
Liebel, Manfred; Overwien, Bernd; u.a. (Hrsg.): Was Kinder könn(t)en. Handlungsperspektiven von und mit arbeitenden Kindern. IKO-Verlag, Frankfurt a. Main 1999.
Rudolph, Hans-Heiner: Jetzt reden wir! Jugend, lebensweltbezogene Bildung und Gemeindeentwicklung in Lateinamerika. IKO-Verlag, Frankfurt a. Main 1997.
Schibotto, Giangi: Unsichtbare Kindheit. Kinder in der informellen Ökonomie. IKO-Verlag, Frankfurt a. Main 1993.
Strack, Peter: Kein Papst, kein Che. Jugendliche in Lateinamerika. Lamuv Verlag, Göttingen 1995.
Streissler, Anna Isabella: Jugendliche in Bogotá. Eine ethnologische Studie zu Lebenswelt und Zukunftsangst. Brandes & Apsel, Frankfurt a Main 1999.
Weyand, Michaele: „…sonst wird sich hier nie was ändern.“ Zur Alltagswirklichkeit von Jugendlichen in der neuen Demokratie in Chile. IKO-Verlag, Frankfurt a. Main 1992.
CIR – Christliche Initiative Romero (Hrsg.): Unser Leben ist kein Spiel. Straßenkinder in Lateinamerika. Münster 1993.
Im Blickpunkt: Jugend. In: Akzente. Aus der Arbeit der GTZ, Heft 4 / 97.
Rebellierende Jugend. Blätter des iz3w (Informationszentrum Dritte Welt e. V.), Nr. 165, Freiburg 1990.

Im Internet sind Informationen u. a. hier zu finden:

Deutsches Jugendinstitut München: http:www.dji.de
Kindernothilfe e. V.: http:www.kindernothilfe.de

Permanentlink zu diesem Beitrag: https://lateinamerika-nachrichten.de/artikel/gelegentlicher-schusswechsel/