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Gladys Marín 1941 – 2005

Am 8. März 2005, dem Weltfrauentag, wurde Gladys Marín, die Präsidentin der Kommunistischen Partei Chiles (PCCH) in Santiago de Chile zu Grabe getragen. Hunderttausende Chileninnen und Chilenen, weit mehr als sie bei den Präsidentschaftswahlen 1999 gewählt hatten, säumten den Weg durch die Hauptstadt zum Friedhof. Am Vortag war „la Gladys“, wie sie von vielen genannt wurde, im Ehrensaal des ehemaligen Kongressgebäudes aufgebahrt worden. Die Präsidentschaftskandidatinnen der Sozialistischen Partei, Michelle Bachelet, und der Christlich-Demokratischen Partei, Soledad Alvear, erwiesen ihr ebenso feierlich die letzte Ehre wie der sozialistische Staatspräsident Ricardo Lagos, der – sichtlich bewegt – mit den Versammelten die Internationale, die Hymne der Arbeiterbewegung anstimmte. Zuvor hatte er zwei Tage Staatstrauer angeordnet, wodurch auch die Streitkräfte verpflichtet wurden, ihre Fahnen auf Halbmast zu setzen. Delegationen und Kondolenzschreiben aus aller Welt feierten die charismatische Politikerin – oft mit der legendären Pasionaria Spaniens verglichen – je nach politischem Standpunkt als standhafte Kommunistin, überzeugte Demokratin und furchtlose Kämpferin für die Menschenrechte.
Eines war Gladys Marín, die in den letzten beiden Jahren den Kampf gegen einen Gehirntumor trotz Operationen in Schweden und Kuba verloren hatte, gewiss: eine über jeden Selbstzweifel erhabene, überzeugte Kommunistin. Aufgewachsen als Tochter einer allein lebenden Grundschullehrerin auf dem Lande, ging sie 1952 mit nur 11 Jahren allein nach San- tiago und schloss mit nur 16 Jahren ihre Ausbildung zur Sonderschullehrerin ab. Auf der Schule war sie mit der Kommunistischen Jugend (JJCC) in Kontakt gekommen, die nach zehn Jahren des Verbots während des Kalten Krieges unter den Jugendlichen Santiagos viele Sympathien auf sich zog. Reisen in die Sowjetunion machten die Mitgliedschaft in dieser Organisation für viele Jugendliche sehr attraktiv und festigten die Gefühle der Verehrung für das „Vaterland aller Werktätigen“. Die junge Gladys ist unter den jungen Genossinnen und Genossen wegen ihrer Begeisterungsfähigkeit schnell sehr beliebt, steigt mit 19 Jahren ins Zentralkomitee der JJCC auf und wird vier Jahre später, kurz nach ihrer Heirat mit dem Genossen Jorge Muñoz, zur Generalsekretärin der Kommunistischen Jugend gewählt. Die sechziger Jahre sind die Zeit des allmählichen politischen Aufstiegs der chilenischen Linken, und die Führerin der KP-Jugend wird zu einer Art Ikone dieses Aufstiegs. Die führenden Köpfe der Partei, Luis Corvalán, Volodia Teitelboim, Pablo Neruda und andere, werden schnell auf sie aufmerksam und fördern ihren Aufstieg auch in der Partei. 1965 wird sie für die proletarischen Viertel Santiagos als Deputierte in den Kongress gewählt, in dem sie bis zum Militärputsch 1973 bleibt. In diesen Jahren wird sie zu einer Verfechterin einer eisernen Parteidisziplin. Abweichungen vom Weg, der von der Sowjetunion vorgezeichnet ist, können ihrer Meinung nach nur zur Fraktionsbildung führen und untergraben damit das höchste Gut der Partei, die Einheit und Geschlossenheit. In diesem Sinne hat sie ihr anfängliches Urteil über Fidel Castro, er sei ein kleinbürgerlicher Abenteurer, revidiert und – wie die gesamte Partei – die Politik der kubanischen Führung in allen ihren Wendungen stets ebenso in Treue fest gerechtfertigt wie die Niederschlagung des Prager Frühlings.

Regierung, Exil, Widerstand

Für den 1970 gewählten sozialistischen Staatspräsidenten Salvador Allende wird sie zu einer wichtigen Stütze, vor allem weil sie in der Regierungskoalition der Unidad Popular gemäß der herrschenden Linie ihrer Partei für Mäßigung eintritt und gegen die „Hitzköpfe“ in der Sozialistischen Partei und in der Linksradikalen Bewegung (MIR) zu Felde zieht. Bei den Berliner Weltjugendfestspielen im Sommer 1973 erhält sie Gelegenheit, vor aller Welt für die Unidad Popular in Chile zu werben. Ein Auftritt in Westberlin scheitert daran, dass das dort gebildete Solidaritätskomitee für Chile die Bedingung der Westberliner FDJ nicht akzeptiert, dass nach dem Auftritt der chilenischen Gäste jede Diskussion zu vermeiden sei. Dafür nimmt Gladys Marín an der Trauerfeier für Walter Ulbricht teil und schließt Freundschaft mit Egon Krenz und Erich Honecker, dem Chile später Asyl gewährt.
Zwei Tage vor dem Militärputsch vom 11. September 1973 kehrt sie nach Santiago zurück, trifft zum letzten Mal ihren Mann, der die Aufgabe erhält, an der Reorganisation der Parteiführung im Untergrund in Chile mitzuwirken, und muss sich auf Geheiß der Partei ohne ihre beiden Söhne in die niederländische Botschaft flüchten. Über Amsterdam und Ost-Berlin findet sie nach 1974 endlich nach Moskau, in die Stadt ihrer Träume. Aber trotz der vielen Reisen, die sie in alle Welt unternimmt, um den Terror der chilenischen Militärjunta anzuklagen, fühlt sie sich im Exil nicht wohl und entschließt sich 1978, nach Chile zurückzukehren, um dort im Untergrund zu arbeiten. Inzwischen hatten die Militärs ihren Mann verhaften und verschwinden lassen. Sie, die immer für Gewaltlosigkeit eingetreten war, ist jetzt maßgeblich daran beteiligt, dass ihre Partei beschließt, gegen die Militärjunta „alle Formen des Kampfes“ zu benutzen und die „Patriotische Front Manuel Rodríguez“ als ihren bewaffneten Arm zu gründen. Das ist, als die Militärdiktatur nach mehr als 16 Jahren 1990 endet und Gladys Marín endlich ins öffentliche Leben zurückkehren kann, wohl der wesentliche Grund, warum die anderen Parteien der chilenischen Linken keine Möglichkeit zur Zusammenarbeit mit der KP sehen und lieber das Bündnis mit den Christdemokraten suchen.

Generalsekretärin und Präsidentschaftskandidatin

Als 1994 der Posten des Generalsekretärs der Partei frei wird, gibt es nur eine denkbare Kandidatin: „la Gladys“. Seither hat sie die Partei mit fester Hand geleitet und keine Abweichungen von der Parteilinie geduldet. Der „Concertación“, der Regierungskoalition, in der Christdemokraten und Sozialisten seit 1990 die führende Rolle spielen, hat sie stets vorgehalten, sie tue nichts anderes, als „das von der Diktatur aufgezwungene politische, ökonomische und soziale Modell zu verwalten“. Schon deshalb kam auch von ihrer Seite keine Zusammenarbeit in Frage. Ihr Hauptziel war aber die Abrechnung mit den Militärs und insbesondere die Bestrafung des Diktators Augusto Pinochet. Als sich die Möglichkeit dafür eröffnete, war sie es, die als erste eine Anzeige wegen Mordes gegen Pinochet einreichte, die nicht gleich von vornherein unter Hinweis auf die von den Militärs verfügte Amnestie abgewiesen wurde.
Bei den Wahlen von 1999 kandidierte sie gegen den Sozialisten Ricardo Lagos und einen rechten Konservativen für die Präsidentschaft und erhielt magere 3,7 Prozent, obwohl sie als Leiter ihres Wahlkampfs den unabhängigen Soziologen und Bestsellerautor Tomás Moulián („Chile Actual. Anatomía de un mito“) erkoren hatte. Die KP schien zu einer Sekte geschrumpft.
Gegen Ende 2003 wurde bei Gladys Marín ein Gehirntumor entdeckt. Seither bestimmte der Kampf gegen die Krankheit den Rhythmus ihres Lebens. Zwei Entwicklungen haben ihr in dieser letzten Zeit noch eine gewisse Genugtuung verschafft: Erstens ist der jahrelange Kampf um eine Verurteilung Pinochets noch nicht verloren, im Gegenteil verliert der starrsinnige Diktator inzwischen auch bei seinen früheren Anhängern den letzten Respekt. Und zweitens hat das Bündnis „Gemeinsam schaffen wir’s“ (Juntos Podemos), an dem KP, MIR und Humanistische Partei beteiligt sind, bei den Gemeindewahlen 2004 fast zehn Prozent erreicht. Für die Präsidentenwahlen hat die KP jetzt Tomás Moulián, inzwischen Rektor einer linken privaten Universität, vorgeschlagen. Den Segen von Gladys Marín hat er. Einen – relativen – Erfolg wird er aber nur erzielen können, wenn der Respekt vor der Person und die politische Zustimmung zur Linie der Partei bei den Wählerinnen und Wählern weniger auseinanderklaffen als bei Gladys Marín, der Ikone des Widerstands.

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