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// GOLDGRUBE CORONA

„Dieses ermutigende Szenario lässt uns mit Optimismus in die wirtschaftliche Zukunft unseres Landes blicken“, lobt Perus Präsident Martín Vizcarra sein neues Vorzeigeprojekt. Gemeint ist der Ausbau des Bergbausektors durch 48 neue Vorhaben, unter andem zusammen mit der Firma Glencore, einem der größten Rohstoffunternehmen der Welt. Als Vizcarra das Projekt Ende Juli – mitten in der Pandemie – vorstellt, toben in der Provinz Espinar schon zwei Wochen lang Proteste gegen Glencore. Mehrere Menschen werden bei Zusammenstößen mit der Polizei verletzt. Das Coronavirus hat Peru hart getroffen, die Sterberate zählt wegen der unzureichenden medizinischen Versorgung zu den höchsten der Welt. Weite Teile der Wirtschaft wurden durch den Lockdown lahmgelegt, der peruanische Bergbausektor jedoch nicht, denn auf Druck seiner Lobby galten solche Einschränkungen hier nicht. Und das, obwohl es zu mehreren Ausbrüchen des Coronavirus in Bergbaucamps kam.

Auch andernorts in Lateinamerika hat die Pandemie den Bergbau befördert, die Preise für Edelmetalle wie Gold sind so hoch wie seit Jahren nicht. Umweltschützer*innen wie die kolumbianische Aktivistin Francia Márquez warnten früh: Der Bergbau wird als Ausweg aus der Krise propagiert und intensiviert. Im Kupferland Chile setzt man trotz wiederkehrender Dürren auf den wasserintensiven Bergbausektor, der gegen den Trend während der Krise gewachsen ist. In Mexiko setzen sich Minenunternehmen gleich ganz über von der Regierung verhängte Einschränkungen hinweg, um Fakten zu schaffen und sich als systemrelevanter Sektor zu behaupten. Doch auch in anderen Wirtschaftszweigen werden Land und Rohstoffe während der Krise verstärkt ausgebeutet. Derzeit brennt es im brasilianischen Amazonasgebiet etwa deutlich mehr als sonst – begünstigt durch die Politik des rechtsextremen Präsidenten Jair Bolsonaro. Sein Umweltministerium kündigte zwischenzeitlich sogar an, aufgrund blockierter Gelder den Kampf gegen illegale Rodungen einzustellen. Viehzüchter*innen und Goldsucher*innen dringen immer weiter in indigenes Land ein und verbreiten dort das Coronavirus.

In ganz Lateinamerika werden, sofern nicht ohnehin nachlässig behandelt, Umweltkontrollen im Moment seltener durchgeführt. Essenzielle Rechte betroffener Gemeinden wie die durch die ILO-Konvention 169 vorgeschriebene Consulta previa (vorherige Befragung) werden während der Krise nicht mehr gewährleistet. So geschehen im Fall der Pehuenche in der chilenischen Provinz Bío Bío: Sie haben inzwischen rechtliche Schritte gegen die Regierung eingeleitet, weil diese Leitlinien für neue Energieprojekte vorangetrieben hatte, ohne die indigenen Gemeinschaften vorher angemessen zu konsultieren. Aktuell leiden indigene Gemeinschaften nicht nur unter unzureichender medizinischer Versorgung, sondern verstärkt unter dem Ausbau von Großprojekten und den damit einhergehenden Repressionen. In Peru etwa wurden Anfang August drei indigene Kukama von der Polizei erschossen, als sie im Departement Loreto gegen die Vernachlässigung ihrer Gemeinden in der Gesundheitskrise und gegen das kanadische Ölförderunternehmen Petrotal protestierten.

Schon vor der Pandemie vorhandene Entwicklungen verstärken sich also nun, wenn auf dem Rücken indigener Gemeinschaften während der Krise extraktivistische Politiken forciert werden. Der Idee einer post-extraktivistischen Ökonomie, wie soziale Bewegungen und Umweltschützer*innen wie Eduardo Gudynas vom Lateinamerikanischen Zentrum für Sozialökologie (siehe LN-Dossier 6) sie schon lange fordern, wird damit einmal mehr der Wind aus den Segeln genommen. Dabei hätten es die Länder des globalen Nordens in der Hand, dem entgegenzuwirken, denn Lateinamerika beutet seine Rohstoffe nach wie vor für den Export aus. Glencore & Co. haben ihren Sitz vor unserer Haustür und können daher auch nur hier wirkungsvoll unter Druck gesetzt werden. Dass auch in der deutschen Politik die Zustimmung zum Mercosur-Abkommen endlich ins Schwanken gerät, kann daher nur ein erster Schritt sein.

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