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Guayaquil – eine Stadt im Wandel

Einschlägige Reiseführer zu Ecuador raten normalerweise von einem Besuch in Guayaquil, dem Handel- und Industriezentrum des kleinsten Andenstaates Lateinamerikas ab – zu dreckig, zu laut, zu gefährlich. Auch kulturell konnte die 3,5 Millionen EinwohnerInnen zählende Stadt, die seit Jahrhunderten in einem Wettstreit mit der Hauptstadt Quito liegt, den BewohnerInnen und BesucherInnen nicht viel bieten.
Guayaquil gilt weltweit als eine der Großstädte mit dem kleinsten Grünflächenanteil pro Kopf. Laut Statistik kommt weniger als ein Quadratmeter auf eine(n) BewohnerIn. Zum Vergleich: Berlin hat 91qm pro EinwohnerIn.
Doch die Stadt befindet sich im Wandel: Die meisten Reiseführer haben verpasst, dass die Küstenmetropole erfolgreich dabei ist, ihr Image als Touristenschreck aufzupolieren.
Als Regisseur dieses Wandels gilt der Politiker Jaime Nebot, der für die konservative PSC (Christlich-soziale Partei) nach zwei gescheiterten Präsidentschaftskandidaturen (1994 und 96) im Jahr 2000 das Bürgermeisteramt in der Küstenstadt antrat. Mit 75 Prozent der abgegebenen Stimmen konnte er die Wahl für sich entscheiden. Seiner autoritären Art wurde zugetraut, mitten in der tiefen Wirtschaftskrise Ecuadors die sozialen Spannungen in der Stadt zu lösen, für mehr Grün- und Erholungsflächen zu sorgen und das alle weiteren Politikfelder überschattende Kriminalitätsproblem zu bekämpfen.

Von allem mehr
Dementsprechend ehrgeizig gestaltete sich auch sein Programm, das sich nicht nur auf Infrastrukturmaßnahmen beschränkte, sondern auch die Verbesserung der Lebenssituation der Armen beinhaltete. Programmatisch wurden drei Schwerpunkte gesetzt: Más salud, más seguridad, más alimentos – mehr Gesundheit, mehr Sicherheit, mehr Grundversorgung.
So wurden 40 „mobile Kliniken“ zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung eingerichtet. Regelmäßig fahren diese die ärmeren Viertel der Stadt ab, um die Bevölkerung ärztlich zu versorgen. Die langen Warteschlangen, die allmorgendlich die mobilen Ärzte belagern, zeigen jedoch, dass der Bedarf erheblich größer ist.
Kernpunkte des neuen Sicherheitsprogramms waren die Umstrukturierungen der Sicherheitskräfte, eine bessere logistische Ausrüstung und die Einbeziehung anderer öffentlicher und privater Institutionen in den Kampf gegen die Kriminalität. Die Errichtung von Überwachungskameras sollten das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung erhöhen. Das bisherige Highlight war der Besuch des ehemaligen New Yorker Polizeichefs William Bratton, der gegenüber der Stadtverwaltung aus dem Nähkästchen des New-Yorker Sicherheitswahns der letzten Jahre plauderte. Offiziellen Angaben zufolge sank die Kriminalitätsrate in zwei Jahren um 40 Prozent. Ein kritischer Diskurs zu bürgerlichen Freiheitsrechten in urbanen Räumen, die von vermeintlichen Sicherheitsarrangements wie Überwachungskameras massiv eingeschränkt werden, blieb in der guayaquilenischen Bürgerschaft allerdings aus.
Der „plan más alimentos“ umfasst die Belieferung der ärmeren Bevölkerung mit Lebensmittel, die durch Ausschaltung der Zwischenhändler bis zu 24 Prozent billiger angeboten werden können.
Ein weiteres Sozialprojekt der Stadtverwaltung ist die Bereitstellung von 15.000 günstigen Bauparzellen im Norden der Stadt. Der ärmeren Stadtbevölkerung soll hier mithilfe von zinsgünstigen Krediten die Möglichkeit geboten werden, Boden zu erwerben und ihr eigenes Haus zu errichten.
Das ehrgeizigste Projekt ist jedoch die Verschönerung des Stadtbildes unter dem Projektnamen „Regeneración Urbana“. Ziel ist es, den Mangel an kolonialer Bausubstanz zu kompensieren, die in den letzten Jahrhunderten durch Erdbeben und Feuersbrünste fast vollständig verloren ging.
Die milliardenschwere Komplettumgestaltung der Uferpromenade des Río Guayas wurde von der lokalen Bevölkerung begeistert aufgenommen. Deren architektonische und gestalterische Ästhetik weist für lateinamerikanische Städte typische Attribute wie leichte Gigantomanie und kitschige Verspieltheit auf. Ein öffentlicher Raum für jedermann wurde geschaffen. Autoritär dreinblickende, weibliche Ordnungshüterinnen achten akribisch auf alles (auch auf Füße auf den Parkbänken!) und beruhigen so das Sicherheitsbedürfnis der Flanierenden.
Ein weiteres Vorzeigeobjekt gelang dem Bürgermeister mit der flächendeckenden Restaurierung des Stadtviertels auf dem Cerro Santa Anna, von dessen Spitze man einen schönen Ausblick auf die Metropole hat. Die Restaurierung und das Buntstreichen der alten Häuser, touristische Wegweiser und Verpflegungsstellen alle paar Treppenstufen erinnern eminent an ein Disneylanddorf. Ältere Bilder verraten, wie desolat der Zustand dieses Viertels noch vor ein paar Jahren war. Mit diesen und weiteren Projekten zur Verbesserung der Infrastruktur brüstet sich die Stadtregierung 50.000 Arbeitsplätze jährlich geschaffen zu haben.

Ansehen für den Bürgermeister – Lob für die Stadt
Die Guayaquileños rechnen dem amtierenden Bürgermeister all diese Projekte hoch an: aktuellen Umfragen zufolge kann Nebot mit der Unterstützung von 90 Prozent der Wählerschaft rechnen. Eine Quote, von der die aktuelle nationale Regierung von Gutiérrez nur träumen kann (siehe LN 357). „Roba pero hace obra“ – „Er klaut zwar, aber lässt bauen!“ ist einer der beliebtesten Aussprüche der Menschen auf der Straße über ihren Bürgermeister. Die eher seltenen kritischen Stimmen beziehen sich vor allem auf seine Position als Parteipolitiker einer konservativen Traditionspartei: so werden Nebots Vorschläge zur Umgestaltung der Sozialversicherungssysteme als unsozial vehement abgelehnt und führten bereits zu landesweiten Protesten von Rentnern und Bauerngruppen. Nebot als Bürgermeister scheint jedoch eine Aura des Erfolges und der Anerkennung zu umgeben.
Auch von allerhöchsten Stellen wurde die Stadt gelobt: im Jahre 2003 verlieh die UNO Guayaquil den „Premio de la Ciudad Paradigma del Desarollo Humano en America Latina“, aufgrund der fortschrittlichen Entwicklungen auf den verschiedenen Ebenen und der institutionellen Effizienz der lokalen Regierung, um die Lebenssituation der BewohnerInnen zu verbessern. Die Stadt wurde von einer Komission ausgewählt und konnte sich gegen Mitbewerber des gesamten Subkontinentes durchsetzten.
Die offensichtliche Erfolgsgeschichte der Stadtverwaltung unter Nebot in den letzten Jahren hat schon des Öfteren die Frage aufgeworfen, ob der Protagonist des Wandels an einer erneuten Präsidentschaftskanditur interessiert ist, um den immer unpopulärer dastehenden aktuellen Präsidenten abzulösen. Bisher dementierte Nebot alle Vermutungen in diese Richtung. Das „Projekt Guayaquil“ sei zu seiner Lebensaufgabe geworden, die Verlockungen der nationalen Politik interessierten ihn nicht mehr.

Die Peripherie im Zentrum des Interesses
Ungewöhnlich ist, dass die Umstrukturierungspläne der Stadtregierung sich nicht nur auf den Stadtkern beschränken, sondern auch etwas außerhalb gelegene Gebiete zaghaft mit einbeziehen. So der etwa eine Dreiviertelstunde Fahrtzeit vom Zentrum entfernte Gemeindedistrikt „Chongón“, eine typische suburbane Gegend. Großzügig angelegte so genannte „Barrios Cerrados“, (hermetisch abgeriegelte „Ghettos der Reichen“), wechseln sich mit verstreuten älteren Siedlungen ab. Zement- und Schrimpsfabriken liegen dicht an dicht mit teuren Privatschulen für die Kinder der Reichen aus der nahen Metropole. Das Interesse der guayaquilenischen Stadtverwaltung an der Gegend richtet sich jedoch auf die vielfältigen Naturgebiete in unmittelbarer Nähe der bebauten Flächen. Ein heute selten gewordener tropischer Trockenwald, ein schützenswerter Mangrovenwald und ein Binnensee, der unzähligen, oft endemischen Vogelarten als Brutplatz dient, locken unzählige erhohlungshungrige StadtbewohnerInnen in das nahe Gebiet. Meterhohe Müllberge am Ende eines Wochenendes weisen darauf hin, dass das Umweltbewusstsein der NahtouristInnen durchaus noch der Stärkung bedarf. Lokale Umweltorganisationen fordern schon seit längerem, die Gegend nachhaltig für den Nahtourismus zu erschließen, ohne die natürlichen Ressourcen zu sehr zu belasten.
Auch die lokale Bevölkerung soll an den Maßnahmen beteiligt werden. Die Bereitstellung von Verpflegungs- und Souveniersständen, Übernachtungsmöglichkeiten und geführte Touren, könnten den BewohnerInen der Gegend, die von hoher Arbeitslosigkeit betroffen sind, neue finanzielles Einnahmequellen eröffnen. Die Schaffung einer vernetzten lokalen Organisation, angestoßen und betreut von der Stiftung „Cerro Verde“ in Guayaquil ist ein erster Schritt in diese Richtung. Die kleine NGO kümmert sich um Umweltauflagen der Industrie vor Ort und versucht, das Umweltbewusstsein der Bevölkerung zu stärken.
Die Stadtverwaltung von Guayaquil hat ihre Zusammenarbeit zugesagt. Ein Raumbewirtschaftungsplan ist in Ansätzen bereits ausgearbeitet. Größere Projekte wurden jedoch aus Kostengründen vorerst aufs Eis gelegt. Vor allem die Deindustrialisierung des Gebietes scheiterte bisher nicht nur an den fehlenden finanziellen Mitteln, sondern am Widerstand der einflussreichen Industrielobby. Einer der wichtigsten Punkte der Umwelt-NGOs ist die Miteinbeziehung der lokalen Bevölkerung. Zu groß ist die Angst und zu vielfältig sind die Erfahrungen, dass die Stadt die Planung und Durchführung der lukrativen Tourismusprogramme an große Reisebüros und private Unternehmen vergibt und die alteingesessene Bevölkerung dabei übergangen wird.

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