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Gut gemeint, schlecht gemacht

­­­Der Busfahrer dreht sich lächelnd um. „Ist es in Ordnung, wenn ich kurz tanken fahre?“, fragt er die letzte verbliebene Passagierin des Fabrikbusses, der die Arbeiterinnen am Ende eines langen Arbeitstages nach Hause befördern soll. Sie nickt. Der Fahrer verlässt seine Route und steuert sein Gefährt in die Wüste hinaus. „Hier ist doch gar keine Ta­­­­­nk­stelle“, sagt die junge Frau zitternd als der Bus mitten im Nirgendwo plötzlich anhält. Kurz darauf wird sie brutal misshandelt und vergewaltigt. Die Täter verscharren sie im Wüstenboden. Die Frau ist jedoch noch am Leben und entkommt mit letzter Kraft aus ihrem Grab.
Mit dem Thriller Bordertown wollte der Regisseur und Autor Gregory Nava bewusst einen politischen Film machen. Starbesetzung, wie Jennifer López in der Hauptrolle, soll dem brisanten Thema der Frauenmorde (feminicidios) in der mexikanischen Stadt Ciudad Juárez eine breite Öffentlichkeit verschaffen. Die furchtbaren Ereignisse haben der an der Grenze zu den USA gelegenen Stadt traurige Berühmtheit beschert: Mindestens 400 Frauen sind dort seit 1993 nach offiziellen Angaben auf brutale Art und Weise ermordet worden. Weitere 700 gelten als vermisst. Die meisten der Opfer arbeiteten in einer der als maquiladoras bezeichneten Fabriken, in denen unter unmenschlichen Bedingungen Konsumgüter vornehmlich für den US­Markt produziert werden. Ob­­­­­­­gleich zahlreiche Theorien über die Morde existieren, kennt niemand die wirklichen Gründe. Die Gleichgültigkeit der zuständigen Behörden, der Polizei und der Politik lassen jedoch auf mächtige Interessen hinter den Verbrechen schließen.
Diese „wahren Begebenheiten“ bilden die Grundlage für die fiktive Geschichte des Films: Die karrieresüchtige Journalistin Lauren Adrian (Jennifer López) will eigentlich für den Chicago Sentinel als Auslandskorrespondentin in den Irak, doch ihr Chef George Morgan (Martin Sheen) schickt sie nach Ciudad Juárez, um über die Frauenmorde zu berichten. Als sie den mexikanischen Journalisten Alfonso Diaz (Antonio Banderas) kontaktiert, taucht in dessen Redaktion die von ihren Vergewaltigern lebendig begrabene Eva (Maya Zapata) auf. In Todesangst bittet sie die beiden JournalistInnen um Hilfe. Adrian begibt sich auf die Suche nach den Vergewaltigern, deren Spur bis in die höchsten wirtschaftlichen und politischen Kreise führt. Im Gegensatz zu Diaz, der vor allem Evas Leben schützen möchte, sieht Adrian in dem Schicksal der jungen Frau die Story ihres Lebens. Doch im Laufe des Films wandelt sich die Journalistin – aufgerüttelt durch verdrängte Kindheitserinnerungen – nach und nach von der kalten Karrierefrau zur leidenschaftlichen Kämpferin für Gerechtigkeit.

Politischer Anspruch

Leider steht diese typische Hollywood-Geschichte viel zu sehr im Mittelpunkt, als dass der Film seinem politischen Anspruch gerecht werden könnte. Es entsteht der Eindruck, die Frauenmorde und die thematisch viel relevantere Geschichte der Überlebenden Eva dienten lediglich als Überbau, um die persönliche Wandlung von Adrian zu erzählen. Dabei überschreitet der Film auch zu oft die Grenze zur unfreiwilligen Komik. Zudem sorgen ein peinlicher Kurzauftritt des kolumbianischen Musikstars Juanes, eine unnötige Sex-Szene von López und eine ge­­­­hörige Brise Gewalt dafür, dass Fans von Mainstream-Filmen auf ihre Kosten kommen. Eine für Action- und Psychothriller typische Musikuntermalung und Schnitttechnik tut das Übrige.
Schade ist das vor allem deshalb, weil der Umgang mit den Frauenmorden in Ciudad Juárez an sich nicht schlecht ist. Das Phänomen wird nicht isoliert betrachtet, sondern in seinen komplexen Kontext eingeordnet. Die Ungerechtigkeit des Freihandelsabkommens NAFTA zwischen Mexiko, den USA und Kanada, durch den die massive Expansion der maquiladoras erst möglich gemacht wurde, wird von der ersten Sekunde an angeprangert. Es wird gezeigt, dass die großen Unternehmen und die Politik auf beiden Seiten der Grenze einer heuchlerischen Rationalität folgen und das Desinteresse an der Aufklärung der Frauenmorde durchaus System hat.
Zumindest besteht die Hoffnung, dass dank Hollywood möglichst viele ZuschauerInnen überhaupt erst von den Frauenmorden erfahren. Der Film solle „die Aufmerksamkeit der Welt auf diese Tragödie lenken und Druck auf die mexikanische Regierung ausüben“, betont López, die auch als Co-Produzentin fungierte und bisher nicht gerade durch übermäßiges politisches Engagement aufgefallen ist. Amnesty International hat sich daher dafür entschieden, die voraussichtliche Popularität des Filmes dafür zu nutzen, das Thema bekannter zu machen. Die Menschenrechtsorganisation stand nicht nur bei den Dreharbeiten beratend zur Seite, sondern überreichte Jennifer López einen Tag vor der Premiere auf der Berlinale den „Artists for Amnesty-Award“ (siehe Kasten). Es wird sich zeigen ob dies dazu beitragen kann, die Morde aufzuklären. Einen Versuch ist es allemal wert.

Der Film lief im Berlinale-Wettbewerb und kommt am 22. Februar in die deutschen Kinos.

Kasten: Das Glamourgirl und die Menschenrechte

„Ich hoffe, dass der Film Bordertown nicht nur als Hollywood-Spektakel gesehen wird. Diese Geschichte repräsentiert einen Teil der grausamen Realität von Frauen in Mexiko“, so eröffnete die Menschenrechtsaktivistin Marisela Ortiz ihren Redebeitrag. Marisela ist die Vorsitzende der Angehörigenorganisation „Wir wollen unsere Töchter zurück“ (NHRC), in der sich Mütter und Angehörige von ermordeten Frauen in Ciudad Juárez zusammengeschlossen haben um gegen die Straflosigkeit zu kämpfen. Ihr Auftritt fand im Rahmen der Verleihung des „Artists for Amnesty Award“ an Jennifer Lopez statt. amnesty international vergab den Preis an die Schauspielerin für ihr Engagement, die Situation der Frauen von Ciudad Juárez im Grenzthriller Bordertown international sichtbar zu machen.
ai hatte vier engagierte Menschenrechtsaktivistinnen aus Ciudad Juárez nach Berlin eingeladen, um auf der Preisverleihung vor internationaler Presse über ihren Kampf für Wahrheit, Gerechtigkeit und Entschädigung zu berichten. Die Frauen von NHRC setzen sich insbesondere für die Kinder der ermordeten Frauen ein. Diese sind oft schwer traumatisiert und bleiben nach der Ermordung der Mutter in vielen Fällen allein und ohne staatliche Unterstützung zurück. Für Norma Andrade ist der 14. Februar, an dem die Preisverleihung stattfand, ein schmerzhafter Jahrestag. Genau an diesem Tag vor sechs Jahren wurde Normas Tochter Lilia Alejandra von Unbekannten entführt. Die junge Frau, selbst Mutter von zwei Kindern, befand sich auf dem Heimweg von der Arbeit in einer maquiladora, als sie verschwand. Ihre Leiche wurde wenige Tage später aufgefunden, gezeichnet von schwerem körperlichen und sexuellen Missbrauch. Ein Anruf von ZeugInnen, die zum betreffenden Zeitpunkt eine Entführung und Vergewaltigung in einem Auto beobachtet hatten, wurde von der Polizei stundenlang ignoriert. Die Polizei wurde für ihr Fehlverhalten nie zur Rechenschaft gezogen.
So war diese Preisverleihung, mit einer bisweilen seltsam anmutenden Mischung aus Glamour, Starrummel und Menschenrechten, vor allem auch ein Gedenken an Lilia Alejandra Andrade und ein Akt der öffentlichen Solidarität mit den Angehörigen.
Info: www.mujeresdejuarez.org und www.amnestyusa.org/bordertown
Anja Witte

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