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Handel, Herrschaft und Heiligenbilder

Was verbindet chinesische WanderarbeiterInnen des 21. Jahrhunderts mit indigenen ZwangsarbeiterInnen des 16. Jahrhunderts in Südamerika? Was hat die aktuelle Finanzkrise mit dem transatlantischen Sklavenhandel des 17. Jahrhunderts zu tun? Letztlich: Wie hat die „Unterentwicklung“ der kolonisierten Welt die Entwicklung des modernen Kapitalismus beflügelt?
Diesen spannenden Fragen geht die Ausstellung Das Potosí-Prinzip im Haus der Kulturen der Welt in Berlin auf künstlerischem Wege nach. Die Kunstwerke erscheinen erst einmal verwirrend unzusammenhängend in den Saal platziert. Mitten im Raum stehen Transportkisten herum, was den Eindruck erweckt, jemand habe alles nur vorübergehend abgestellt. Aber die Kisten weisen auch auf Mobilität hin: die Ausstellung versammelt Kunstwerke, die sich mit gesellschaftlichen Transfers weltweit beschäftigen – egal ob von Menschen, Gütern oder Ideen.
Nicht alle Exponate erschließen sich auf den ersten Blick. Die KuratorInnen haben sich mehrere „Routen“ überlegt, die verschiedene Aspekte der Ausstellung beleuchten. Auf diesem Weg siehtman die meisten Werke zweimal, um sie aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Podeste und Ferngläser, die von der Decke baumeln, helfen dabei. Auf diese Weise entsteht aus den einzelnen Ausstellungsstücken ein Gesamtkunstwerk.
Die Routen führen durch „einen geschichtlichen Raum, von dem wir behaupten, dass er nicht linear ist, sondern simultan und nie vorbei“, wie es in der Broschüre heißt. Der Ausgangspunkt, zu dem man immer wieder zurückkehrt, ist Potosí, die Minenstadt im heutigen Bolivien. Im dortigen Silberberg, dem Cerro Rico, arbeiten Bergleute unter Bedingungen, die sich seit dem 16. Jahrhundert nicht wesentlich verändert haben. Aus diesem Berg, in dem Tausende von indigenen ZwangsarbeiterInnen in den letzten Jahrhunderten umgekommen sind und die jetzt „freien“ ArbeiterInnen unter nicht geringeren Gefahren schuften, kam der Stoff, der die Entwicklung des Kapitalismus in Europa entscheidend geprägt hat. Die Legende will, dass man aus dem Silber, das in der Stadt gefördert wurde, eine Brücke von den Amerikas nach Cádiz in Spanien hätte bauen können.
Die Arbeitsbedingungen, die politische Herrschaft und die kulturelle Vereinnahmung, wie sie im kolonialen Potosí herrschten, gelten nun den KuratorInnen als pars pro toto des modernen Kapitalismus. Sie argumentieren, dass sich die Bedingungen, unter denen gesellschaftlicher Reichtum in Potosí erzeugt wurde, überall auf der Welt und zu allen Zeiten seit der Kolonisierung Amerikas finden lassen. Dieses Potosí-Prinzip ist somit nichts Historisches, sondern so aktuell wie eh und je.
Die gewalttätige Bereicherung durch Mächtige, die als notwendige Bedingung der Entwicklung des modernen Kapitalismus vorausgeht, ist eines der grundsätzlichen Themen der Ausstellung. Das erklärt, warum die indigenen ZwangsarbeiterInnen im kolonialen Potosí sehr viel mit den 225 Millionen chinesischen WanderarbeiterInnen gemein haben. Denn diese Bereicherung geht nicht zeitlich dem heutigen Kapitalismus voraus, sondern ist immer auch Teil dessen. Die Austellung greift also marxistische Begrifflichkeiten auf und thematisiert, wie Bilder selbst zu Machtinstrumenten werden.
Offensichtlich ist der Zusammenhang von Macht und Kunst im andinen Barock. Auf dem Konzil von Trient (1545-1563) berieten Bischöfe, Kardinäle und Theologen darüber, wie man die Reformation zurückdrängen und die katholische Hegemonie wiederherstellen könne. Als ein Mittel wurde eine explizit katholische Kunst entworfen; in den folgenden 150 Jahre entstanden Kunstwerke in Indien, Brasilien, Spanien, Italien und dem spanisch beherrschten Südamerika, die alle diesem barocken Stil folgten. Grausame Höllendarstellungen sollten den Beherrschten die Strafen vorzeigen, die sie erwarteten, wenn sie sich nicht unterordneten.
Zentral ist eine Darstellung der Stadt Potosí aus dem 18. Jahrhundert. Es zeigt den ganzen Glanz der Silberstadt: Breite Straßen, prachtvolle Häuser, reich gekleidete Menschen – nur wo der Reichtum herkommt, ist kaum zu sehen. Die ArbeiterInnen sind unsichtbar, ihre Stadtviertel menschenleer, die Eingänge in die Bergstollen lediglich mit Farbtupfern angedeutet.
Auf diese koloniale Bilder antworten nun moderne Künstler. Eine beliebte barocke Bildtradition ist die des Triumphwagens: In solchen Darstellungen werden katholische Konzepte wie die Jungfrauengeburt Marias oder die Dreieinigkeit personifiziert auf einem Triumphwagen fahrend dargestellt, die „feindlichen“ Konzepte erscheinen als unterworfene Gegner. Auf diese Darstellung antworteten die Künstler Konstanze Schmitt, Stephan Dillemuth und die Gruppe Teritorio Doméstico mit dem „Triumph der aktivistischen Hausangestellten“: Eine Utopie, in der die Zwänge und die geringe gesellschaftliche Anerkennung überwunden sind, unter denen HausarbeiterInnen zu leiden haben. Darüber hinaus sandte das Culture and Arts Museum of Migrant Workers (Kultur- und Kunstmuseum der Wanderarbeit) in Beijing, China, Plakate, Fotos und Gegenstände.
Auch auf Schwierigkeiten während der Organisation der Ausstellung weisen die KuratorInnen hin: Eine Mariendarstellung aus Bolivien sollte – nach dem Konzept der AusstellerInnen – in die Gemäldegalerie Berlins ausgelagert werden, um auf die fehlende Darstellung kolonialer Bilder in europäischen Nationalmuseen hinzuweisen. Die KuratorInnen wurden dort an die ethnografische Sammlung in Dahlem verwiesen. Außereuropäische Kunst ist offensichtlich noch immer etwas exotisch Fremdes. Allein diese peinliche Begebenheit verdeutlicht, wie recht die KuratorInnen haben: Koloniale Machtbeziehungen reproduzieren sich bis heute. Einige Bilder sind nicht im Original präsent, sondern verfremdet und nachgezeichnet.
Doch man sei gewarnt: Die Ausstellung ist sehr textlastig. Das macht sie zwar außerordentlich interessant, aber auch außerordentlich anstrengend; man braucht viel Zeit, um sich mit ihr auseinanderzusetzen. Doch das lohnt sich auf jeden Fall. Denn es bemühen sich KünstlerInnen um einen lang vermissten gesellschaftlichen Bezug. Hier liegt aber auch der einzige Kritikpunkt an der Ausstellung: Die Sprache der Texte ist oft sehr akademisch. So schleicht sich doch der Eindruck ein, dass einmal mehr über die „Ausgebeuteten“ und „Verdammten dieser Erde“ geredet wird, ohne sie wirklich mit einzubeziehen.
Wer kann, sollte die Ausstellung besuchen. Es lohnt sich aber auch, den ausführlichen Katalog der Ausstellung zu besorgen. Der macht das Gesamtkunstwerk „Ausstellung“ auch aus der Ferne zugänglich.

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