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Herrschaftsfreier Dialog in Chiapas

Die Götter unterhielten sich, und so entstand die Welt. Ihre Worte stritten nicht, sie respektierten einander. Die Probleme begannen, als der Erste sagte, seine Rede sei mehr wert als die der Anderen.”
So beginnt für die Mayas die Schöpfungsgeschichte. Subcomandante Marcos erzählte sie Mitte August bei einem Treffen mit indigenen Organisationen aus ganz Mexiko. Denn so sollte der Dialog auf diesem Treffen ablaufen: Mit Worten, die einander gleichgestellt seien.
Das Treffen, das am 12. August begann, war eines der insgesamt sieben Vorbereitungstreffen für eine “Andere Kampagne”. Anders als die der möglichen Kandidaten für die Präsidentschaftswahlen 2006, die schon jetzt die mexikanischen Medien beherrschen.
Der neue Vorstoß der EZLN hatte zunächst mit einem “Roten Alarm” Ende Juli begonnen, den niemand so recht zu deuten wusste: Die autonomen Regierungen wurden geräumt, das zapatistische Heer in Alarmbereitschaft versetzt. Eine neue bewaffnete Initiative? Doch die vermummten RevolutionärInnen gingen nur in Klausur und hatten zur Sicherheit Roten Alarm ausgelöst. Das Ergebnis des Rückzugs: Die sechste Erklärung aus dem lakandonischen Urwald.

Neues Dokument

In der “Sexta”, wie die sechste Erklärung genannt wird, rechnet Subcomandante Marcos mit allen politischen Parteien ab. Auch die Partei der Demokratischen Revolution (PRD), die mit dem beliebten Bürgermeister von Mexiko-Stadt, Manuel López Obrador, gute Aussichten hat, die Wahl zu gewinnen, kommt dabei schlecht weg. Denn die Stimmen der PRD im Kongress trugen dazu bei, das 1997 ausgehandelte Autonomiegesetz zu verwässern. Und im vergangenen Jahr waren PRD-PolitikerInnen für einen Überfall auf einen zapatistischen Marsch im chiapanekischen Zinacantán verantwortlich, bei dem einige ZapatistInnen durch Schüsse verletzt wurden.
Zudem würde die PRD, käme sie an die Macht, den Ausverkauf mexikanischer Ressourcen an ausländische Großkonzerne weitertreiben, sagt Marcos voraus. Und kommt damit zum Hauptfeind der zapatistischen Bewegung: dem Neoliberalismus.
Erst ganz am Ende der sechsten Erklärung rückt der Sup dann damit heraus, was eigentlich geschehen soll: Die ZapatistInnen wollen ihre Kräfte mit all denen vereinen, die für ein gerechteres Mexiko kämpfen. In der Praxis sollen dazu sieben Vorbereitungstreffen mit einer gemeinsamen Abschlusserklärung und der Start der “Anderen Kampagne” realisiert werden. Zu Beginn fand Anfang August ein Treffen mit linken Organisationen statt, zum zweiten waren indigene Organisationen geladen.

Konstruktive Kritik

51 Gruppen folgten dem Aufruf und trafen am 12. August in der autonomen Gemeinde Javier Hernández ein. Dazu kamen mexikanische und internationale BeobachterInnen sowie viele PressevertreterInnen, die nach vier Jahren vor allem an Fotos von Sup Marcos interessiert waren.
Auch der Versammlungsort lud zum Fotografieren ein: Eine kleine Ansammlung von Häusern auf einem grünen Hügel, rundherum bewaldete Berge.
In dieser idyllischen Umgebung wollten die ZapatistInnen vor allem zuhören. Das Wort der Vermummten sei nicht mehr wert als das der anderen RednerInnen, betonte Marcos, und dass die EZLN keine Führungsrolle beanspruche.
Dass davon nicht alle TeilnehmerInnen überzeugt waren, bewies gleich der erste Redner, Don Procoro vom Indigenen Volkskommitee aus Oaxaca (CIPO): Ein kleiner Mann mit Hut, Baumwollbeutel und tadelloser Haltung. “Wir mögen Euer Antlitz, Zapatisten, auch wenn man Eure Gesichter nicht sieht. Denn Eure Herzen sind gut erkennbar.” begrüßte er das zapatistische Komitee. Das CIPO stünde ganz und gar hinter der “Sexta”, fuhr er fort, aber durch die medienwirksamen Aktionen konzentriere sich zu viel Aufmerksamkeit auf Chiapas. “Morde an Aktivisten in Oaxaca werden kaum wahrgenommen”, sagte er. Außerdem sähe es für ihn so aus, als spräche die EZLN lieber mit ausländischen Intellektuellen als mit der indigenen Bevölkerung Mexikos. Die ZapatistInnen sollten aufpassen, dass sie nicht “abheben”.

Gefährliche Selbstverwaltung

Die CIPO-Mitglieder haben schon viel Repression erfahren. Das CIPO ist ein Netzwerk von autonomen Gemeinden in Oaxaca. Autonom bedeutet, dass in einer Ratsversammlung politische Entscheidungen getroffen werden und jedes Gemeindemitglied eine Reihe von Ämtern durchlaufen haben muss um Präsident werden zu können. Diese Strukturen sind in Oaxaca sogar staatlich anerkannt. In den meisten Gemeinden wurden sie jedoch längst von den Parteien unterwandert. Die Ratsversammlungen funktionieren nicht mehr auf der Basis von Konsensfindung, sondern Entscheidungen werden zu Gunsten der FunktionärInnen gefällt. Diese üben ihre Macht gewaltsam aus, häufig mit Unterstützung von Paramilitärs. Gemeinden, die sich wirklich autonom verwalten wollen, werden massiv bedroht.
Mit diesen von Don Procoro angesprochenen Problemen kämpfen fast alle der indigenen Organisationen, die sich an diesem Samstag in Javier Hernandez vorstellten. Denn die Autonomie ist oft mit ökonomischen Interessenkonflikten verbunden. Land gemeinschaftlich zu bewirtschaften passt nicht zur Ausbeutung von Naturressourcen im großen Stil. Das gilt für Forstwirtschaft in Oaxaca ebenso wie für Wasser, das im ganzen Land zur Bewässerung von Plantagen dient.
Die auf der Versammlung durch die Indigenen vorgetragene Vorstellung von Fortschritt ist der des kapitalistischen Wachstumsdenkens entgegengesetzt. Dies gilt auch für die Zeiträume, in denen die Gemeinden planen und handeln. “Um unsere Autonomie wirklich zu erreichen, werden wir mindestens dieses Jahrhundert benötigen.”, sagte ein anderer Sprecher aus Oaxaca.
Auch die ZapatistInnen planen auf lange Sicht. “Die andere Kampagne kann Jahre dauern”, sagte Marcos in seiner Eröffnungsansprache. Die spezifischen Probleme der Indigenen dürften dabei nicht vergessen werden. “In allen mexikanischen Revolutionen haben Indigene ihr Leben gelassen, aber sie haben nie etwas von den Veränderungen gehabt”, rief der etwas dick gewordene Subcomandante nachdrücklich, “wir wollen daher eine indigene Kampagne in der Kampagne schaffen.”Als praktische Konsequenz bat er die indigenen Organisationen um Unterkunft. “Während der anderen Kampagne werden wir durch Mexiko reisen, um die Situation anderer Gruppen und Organisationen kennen zu lernen”, kündigte er an, “und wir werden Tage und Wochen, manchmal Monate an einem Ort bleiben. Daher bitten wir Euch, die indigenen Organisationen, uns bei Euch aufzunehmen.”
Viele der RednerInnen sprachen gleich darauf Einladungen an die EZLN aus.
Den ganzen Samstag über hörten die ZapatistInnen zu. Erst am Sonntagmorgen, als sich alle TeilnehmerInnen nach einer verregneten Nacht mit einem Glas Milchreis und einer gekochten Banane in der Hand wieder auf dem Hügel eingefunden hatten, gaben sie eine Antwort. Tenor der Ansprache: Wir respektieren jede Meinung, auch wenn wir sie nicht teilen. So entschuldigte sich Marcos ob der Kritik von Don Procoro und versprach, den Dialog mit der Basis nicht zu vergessen. Dennoch solle der theoretische Dialog nicht vernachlässigt werden, denn “wir wollen keine anti-intellektuelle, chauvinistische Bewegung”, so der Sup. Auch den wenigen Orgsanisationen, die der PRD und ihrem Kandidaten Lopez Obrador ihre Unterstützung ausgesprochen hatten, sicherte er seinen Respekt zu. Gleich darauf machte er allerdings klar, dass für die EZLN die PRD keine Bündnispartnerin sei. Dann kündigte er “bilaterale Verhandlungen” mit den verschiedenen Organisationen für den gesamten Sonntag an. Das ZapatistInnen-Komitee zog also nach der Sonntagmorgenansprache, verfolgt von dem üblichen Schwarm FotografInnen, in die kleine autonome Schule des Ortes, um die verschiedenen VertreterInnen zu empfangen. Die CIPO-VertreterInnen waren wieder als erste dran. Fast eine Stunde lang berieten sich Don Procoro und seine KollegInnen mit den ZapatistInnen. Als sie das kleine, bunt bemalte Holzhaus wieder verließen, lachten sie. Unsere Fragen wollten sie aber nicht beantworten. “Wir können nichts sagen, bevor wir nicht mit den Menschen in den Gemeinden gesprochen haben”, sagten sie ernst.

Spanisch dominiert

Sie waren ganz zufrieden mit der Konferenz, hatten aber noch weitere Kritikpunkte. “Hier sind zu viele Anführer”, meinte Don Procoros Kollegin Elisabeth, “die Menschen, um die es wirklich geht, die einfache indigene Bevölkerung, ist nicht hier.”
Tatsächlich waren auf der Konferenz kaum indigene Sprachen zu hören. Die Eroberersprache Spanisch dominierte. Nur Grußworte wurden in indigenen Sprachen vermittelt. Für die meisten TeilnehmerInnen scheinbar kein Problem. Doch einige beschränkte diese Dominanz. “Ich bin auch gekommen”, sagte eine traditionell gekleidete Purepecha-Frau, “und mehr kann ich nicht sagen, weil ich nicht genug Spanisch kann.“ Ihre Stimme blieb ungehört im herrschaftsfreien Dialog auf dem Berg.

KASTEN:

Die ZapatistInnen haben sich in den letzten Jahren eine neue interne Verfassung gegeben und sind im Juni 2005 mit einem zukünftigen Aktionsplan an die Öffentlichkeit getreten. Die „Sechste Erklärung aus dem Lakandonischen Urwald“ ist eine Zusammenfassung des bisher Erreichten, ein Rückblick auf zwölf Jahre Kampf, zwölf Jahre gelebte Autonomie und Selbstverwaltung. In den Führungsgremien der EZLN, dem militärischen Arm der ZapatistInnen, hat ein Generationswechsel stattgefunden und damit ein neuer Prozess für den zapatistischen Kampf begonnen.
Der Aufgabenbereich der EZLN gliedert sich in drei Teile: die Verteidigung der zapatistischen Dörfer, die „Intergalaktische Kommission“, die die Organisation des internationalen Kampfes verantwortet sowie die „Sexta Kommision“, die für die alternative„Andere Kampange“ eintritt. Auf dieser Reise durch Mexiko soll in der „Anderen Kampagne“ den Menschen in ihren unterschiedlichen Situationen Gehör geschenkt, und mit ihnen eine neue Verfassung erarbeitet werden. Im August 2005 wurde diese „Andere Kampagne“ mit dem ersten von sieben Vorbereitungstreffen angestoßen. Die ZapatistInnen organisierten Treffen mit linken politischen, indigenen und sozialen Organisationen, NGOs, kulturellen Gruppen und individuellen TeilnehmerInnen.
Bei dem ersten Treffen kamen ca. 150 TeilnehmerInnen, bei dem letzten Treffen waren es schon über Tausend. Subcomandante Marcos machte deutlich, dass die ZapatistInnen während der „Anderen Kampagne“ auf ihrer Reise durch Mexiko nicht mit allen Menschen reden werden: „Nur mit den Einfachen und Bescheidenen werden wir sprechen, mit denjenigen, die etwas vom Kampf zu erzählen haben.” Auf dem Treffen wurde so das Private wieder politisch.

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