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Herrschaftskritik weichgespült

Im Lateinamerika Jahrbuch Nr. 24 wird das Thema Geschlecht und Macht zunächst historisch angegangen. Ein Rückblick von Gabi Küppers beschreibt die Entwicklung des lateinamerikanischen Feminismus, von den Anfängen des 19. Jahrhunderts bis zu den, teilweise stark von internen Konflikten geprägten feministischen Treffen Ende des 20. Jahrhunderts. Vor allem Konflikte zwischen autonomen und institutionalisierten Feministinnen und die Debatten um Differenz und Anerkennung haben die jüngsten Treffen bestimmt. Letztlich geht es um die Machtverteilung innerhalb der Bewegung und darum, ob die Frauenbewegung überhaupt noch Machtfragen stellt, zumal Frauen-Nichtregierungsorganisationen (NROs) zu Dienstleisterinnen im neoliberalen Staat geworden sind.
Mit der Situation feministischer NROs zwischen Professionalisierung und Basisbewegung beschäftigt sich dann ein ganzer Block von Artikeln. Laut Sonia Alvarez sind
„hybride politische Strategien und Identitäten“ entscheidend dafür, dass feministische NROs Brücken zwischen staatlicher Frauenpolitik und der Frauenbewegung an der Basis bauen können. In Zeiten neoliberaler Entwicklung werden professionelle NROs leicht zum „bequemen Ersatz für die Zivilgesellschaft“ und kostengünstige Ausführungsorgane des Staates oder externer Geber. Gerade deshalb, so Alvarez, liegt die Stärke feministischer NROs darin, sowohl Querverbindungen zwischen Frauenorganisationen als auch vertikale Beziehungen in die nationale und internationale Politik hinein herzustellen.
Genau das haben, so Susanne Schultz, peruanische feministische NROs während der Sterilisationskampagne 1996 bis 1998 nicht gemacht: Während reproduktive Rechte und die Entscheidungsfreiheit vor allem armer und indigener Frauen brutal missachtet wurden, haben lokale – und internationale – NROs geschwiegen oder sich sogar konstruktiv an der Kampagne beteiligt. So wurden bestehende Machtverhältnisse gestützt und kritische Stimmen der Basis über die Menschenrechtsverletzungen unterdrückt. Ein erschreckendes Beispiel für ungleiche Machtverteilung unter Frauen und für die widersprüchlichen Auswirkungen der Beteiligung an der Macht.
Eine gute Erfahrung von Machtgewinn chilenischer NROs hingegen schildern Kathya Araujo, Virginia Guzmán und Amalia Maurol. Gegen anfänglichen Widerstand, auch aus Reihen der Linken, wurde das Thema „häusliche Gewalt“ erfolgreich ins öffentliche Bewusstsein und auf die politische Tagesordnung gebracht, bis hin zur Institutionalisierung im Staatsapparat durch ein Gesetz.

Macht unter den Geschlechtern

Institutionalisierung, so die HerausgeberInnen im Editorial des Jahrbuches, bedeutet aber allzu oft, dass die Analysekategorie Gender „weichgespült und ihres herrschaftskritischen Potentials beraubt“ wird. Das illustriert Claudia von Braunmühl am Beispiel des gender mainstreaming Diskurses. Sie beschreibt, leider in teilweise recht schwer verdaulichem Stil, wie die patriarchale Presse der Bürokratien den herrschaftskritischen Saft aus der nationalen und internationalen Geschlechterpolitik gepresst hat. Deshalb zeichnet auch sie ein hoffnungsvolles Bild von feministischen Organisationen als Mittlerinnen zwischen Bürokratien und Basisbewegungen.
Zweites Hauptthema der Analysen ist der lateinamerikanische Männlichkeitswahn. Anhand der Theorien von Butler, Bourdieu und Connell setzt Martha Zapata Galindo zu einer allgemeinen Diskussion von lateinamerikanischem Machismo und Männlichkeitskonstruktionen an. Leider beschreibt sie dann aber doch nur den Einfluss dieser Theorien auf die noch recht schwache Männer- und Geschlechterforschung, vor allem in Mexiko. Es wird deutlich, dass wichtige Themen noch gar nicht von der Geschlechterforschung aufgegriffen wurden, zum Beispiel Chiapas und die EZLN.
Das war auch früher nicht anders, wie Andreas Goosses’ (übrigens einziger Autor einer Analyse) Artikel über das Männlichkeitsideal nicaraguanischer Guerilleros zeigt. Anhand von Omar Cabezas’ autobiografischem Buch La montaña es algo más que una inmensa estepa verde (deutsch Die Erde dreht sich zärtlich, Compañera) beschreibt Goosses eindrucksvoll, wie der Mythos vom Mann und Revolutionär konstruiert und inszeniert und auch von den deutschen LeserInnen und AnhängerInnen der Revolution nicht hinterfragt wird.

Sexualpolitik in Kuba

Mit Männlichkeitsbildern beschäftigt sich auch Monika Krause-Fuchs in einem Artikel über Sexualpolitik in Kuba, der von viel persönlicher Erfahrung geprägt ist: Sie war Direktorin des Nationalen Zentrums für Sexualerziehung in Havanna. Ihre Erfahrungen und Zitate wie das von der „Jungfrau, die wie ein wunderschönes neues Auto“ ist, fügen sich zu einem düsteren Bild der Schwierigkeiten, Gleichberechtigung in einem vom Männlichkeitskult geprägten sozialistischen Land durchzusetzen.
Kritik an Heterosexualität als Dominanzkultur wird im Artikel über Kuba kurz gestreift. Doch insgesamt verharren leider alle Artikel im Jahrbuch in der simplen Gegenüberstellung von Mann und Frau. Während Gender-Theorie gerade auch gegen diese Dichotomie zu Felde gezogen ist, bleibt das im Jahrbuch formulierte Geschlechterbild letztlich ein wenig einfältig: Männer und Frauen stehen sich im Streit um die Macht gegenüber.

Vielfältige Orte und Formen der Macht

Die LeserInnen des Jahrbuches werden auf unterschiedliche Weise auf „Geschlecht“ als Kategorie gesellschaftlichen Lebens gestoßen, aber nicht in gleichem Maße zum Nachdenken über Macht in all ihren Schattierungen herausgefordert. Das liegt teilweise an dem Übergewicht von NRO-Erfahrungen und der Hoffnung, die die Autorinnen trotz aller Widersprüche mit NROs verbinden. Möglichkeiten und Grenzen offizieller Gleichstellungspolitik und Fragen der Machtverteilung im Feld der „klassischen“ politischen Macht, wie sie durch Parlamente und Regierungen repräsentiert wird, geraten so fast ganz aus dem Blickfeld. Ist die im Editorial erwähnte Quotenpolitik in Argentinien, Brasilien, Costa Rica, Ecuador, Bolivien und Peru denn auch nur eine Spielart des Weichspülens feministischer Forderungen, und ist parlamentarische Macht nur böses Spiel?
Auch Fragen nach der Aufteilung wirtschaftlicher Macht unter den Geschlechtern bleiben im Jahrbuch leider ausgespart. Dabei haben doch neoliberale Strukturreformen und Globalisierung nicht nur „die Lebensbedingungen für Frauen und Männer“ und deren Rollenverhalten verändert, wie zu Recht im Editorial erwähnt wird. Vielmehr hat feministische Kritik von Wirtschaftstheorie und -politik überzeugend gezeigt, wie sehr die ökonomischen Modelle und Analysen selbst, die solcher Politik zugrunde liegen, von einem „gender bias“ (Diane Elson) geprägt sind. In der Folge sind wirtschaftliche Macht sowie Anteile an gesellschaftlicher Produktion und bestehendem Reichtum weiterhin himmelschreiend ungerecht zwischen den Geschlechtern verteilt.
Die Analysen sollen dieses Jahr zum ersten Mal auch in spanischer Sprache veröffentlicht werden. Kurze Zusammenfassungen der Artikel finden sich schon jetzt in Spanisch und Englisch, jedoch nicht in Deutsch, eine lohnende Innovation. Doch die Lesefreundlichkeit und rein äußerliche Attraktivität des Textes hat durch den erneuten Verlagswechsel nicht gewonnen. Von nun an erscheint das Buch beim Verlag Westfälisches Dampfboot. Hier reiht sich nun Absatz eng an Absatz, Zeile an Zeile in kleiner Schrift, mit einer winzigen Titelzeile darüber. Nicht alle Seitenumbrüche sind gelungen, und manche der Texte lassen redaktionelle Durchgriffe gegen SozialwissenschaftlerInnendeutsch vermissen. Gerade wegen der insgesamt sehr anregenden Lektüre ist das ein Ärgernis beim stolzen Preis von 40 Mark.

Jahrbuch Lateinamerika 24. Geschlecht und Macht. Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster 2000, 243 S.

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