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Hilfe zur Vertreibung

Dass Kolumbien mit 2 Millionen Kriegsflüchtlingen neben der Türkei und dem Sudan zu den Staaten mit der größten Binnenflucht weltweit gehört, ist inzwischen bekannt. Medien und humanitäre Organisationen wie das Internationale Rote Kreuz machen für die Migrationsbewegungen in der Regel “Kämpfe zwischen den Kriegsparteien” verantwortlich. Auf dem ersten Kongress der Betroffenen selbst, an dem Ende Februar in Bogotá 35 Flüchtlings- und Menschenrechtsinitiativen aus dem ganzen Land teilnahmen, war von solchen Kriegshandlungen allerdings nur am Rande die Rede. Die Berichte der Vertriebenen stimmten fast alle darin überein, dass sich die Aktionen paramilitärischer Gruppen in den Regionen nicht gegen Guerillaverbände, sondern gegen Organisationen der Zivilbevölkerung richteten. Außerdem seien die ökonomischen Interessen inzwischen wichtiger als militärische Aspekte. Massive Vertreibungen gebe es – so die Bauern – dort, wo Großprojekte wie die interozeanische Verkehrsverbindung geplant oder Rohstoffvorkommen vorhanden seien.
Zahlreiche Redner, darunter auch Vertreter der Indígena-Organisationen CRIA und ONIC, brachten die Vertreibungen deshalb mit der neoliberalen Wirtschaftspolitik in Verbindung. “Wir sollen verschwinden”, so Felipe Rangel, ein Sprecher der U´wa-Indígenas, die sich in Nordostkolumbien seit Jahren gegen geplante Erdölbohrungen zur Wehr setzen. “Die Regierung will dem IWF gehorchen und Multis wie OXY die Ausbeutung der Ressourcen erleichtern.”

500-jährige Geschichte von Flucht

Tatsächlich hat sich die Politik der kolumbianischen Regierungen seit der apertura económica, der sogenannten wirtschaftlichen Öffnung im Jahre 1988, darauf konzentriert, die Ausbeutung von Bodenschätzen wie Kohle, Erdöl, Gold und Smaragde zu forcieren, von denen in Kolumbien gewaltige Vorkommen existieren. Die landwirtschaftliche Entwicklung spielt in diesem Konzept nur eine untergeordnete Rolle, interessant sind die ländlichen Regionen eigentlich nur noch wegen ihrer Rohstoffreserven oder ihrer strategischen Lage.
Am Rande steht in diesem Zusammenhang der Drogensektor, der jedoch ebenfalls zum Motiv von Vertreibungen geworden ist. In der Region um Cali, aber auch im Süden des Departements Bolívar, so berichten Vertriebene aus den Regionen, vermischen sich die Interessen von Drogenhandel, Armee und Multis auf bizarre Weise. “Wir haben eine 500-jährige Geschichte von Flucht”, sagt Antonio Meneses von der Sozialen Bewegung der Vertriebenen Antioquias. “Früher waren wir Opfer der Kirche und der Konquistadoren, später der Großgrundbesitzer und Viehzüchter, heute schließlich der Multis und Drogenmafiosi.”
Welche unglaubliche Brutalität dabei von den staatlich gedeckten paramilitärischen Gruppen angewandt wird, lässt sich nur schwer vorstellen. Immer wieder gibt es auf dem Treffen Momente, wo der Schrecken zurückkehrt. Einer der Bauern bricht in Tränen aus, als er ein Lied über seine Flucht vorträgt, der Vertreter der Flüchtlingsorganisation ANDAS aus Medellín versteckt sich hinter seiner tief heruntergezogenen Baseballkappe und einer dunklen Sonnenbrille, niemand will aufgenommen oder gar fotografiert werden. Ein Mann aus der Friedensgemeinde von San José de Apartadó (Urabá) will nicht einmal wiederholen, was bereits in der Zeitung stand, dass nämlich das Massaker an 7 Mitgliedern der Gemeinde am 20. Februar von Angehörigen der XVII. Armeebrigade verübt wurde. “Wenn ich etwas sage, könnte ich meiner Gemeinde schaden”, sagt er leise. Die Friedensgemeinde von San José stellt auf dem Treffen eine Besonderheit dar. Im Gegensatz zu den meisten anderen Gruppen versteht sich die von europäischen Nichtregierungsorganisationen unterstützte Gemeinde als politisch “neutral”. Genutzt hat den BewohnerInnen das allerdings wenig. Die Paramilitärs betrachten das Dorf als militärisches Angriffsziel, weil es eine Form sozialer Selbstorganisierung darstellt (siehe LN 307).

Wut auf die politischen Akteure
Neben dem Schrecken und der Verzweiflung spürt man in den Gesprächen jedoch auch eine explosive Wut, die für den kolumbianischen Staat noch gefährlich werden könnte. Unter den Flüchtlingen brodelt es. Mehr oder weniger spontan haben 200 Familien Ende 1999 den Sitz des Internationalen Roten Kreuzes in Bogotá besetzt, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Die BesetzerInnen, die auch auf dem Treffen vertreten sind, beschuldigen die Hilfsorganisation, die Bauern in den Konfliktgebieten im Stich zu lassen. Nachdem sie seit nun drei Monaten von Regierung und Rotem Kreuz ignoriert werden, haben einige der Bauern den Sitz des staatlichen Sozialversicherungsnetzes gestürmt und die Büros verwüstet. Die Pastrana-Regierung beschuldigt die BesetzerInnen, von der Guerilla gesteuert zu sein, doch die Situation ist komplizierter. Von Seiten der Vertriebenen bekommen nämlich auch die Rebellenorganisationen ihr Fett ab, allerdings auf überraschende Weise. Ricardo Morales, Flüchtling aus dem Departement Cesar, kritisiert vor allem die Verhandlungsbemühungen von FARC und ELN im Ausland. “Diese Leute reisen mit der Regierung herum. Aber für unsere Situation haben sie keine Vorschläge”, beklagt er sich bei seiner Rede. Auf ein Ende des Krieges wagt er nicht zu hoffen. “Pastrana vertritt die schlimmste Doppelmoral, die man sich vorstellen kann. Einerseits redet er von Sozialprogrammen für die Flüchtlinge, andererseits macht er Werbung für den Plan Kolumbien und rüstet die Armee auf. Die Helikopter, die die Regierung von den USA geschenkt bekommt, sind die gleichen, mit denen sie uns vertreiben werden.”

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