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“Ich liebe dich. Dein Klaus.“

Wir werden von den schlafenden und den auf geweckten Schönheiten sprechen, von den Aschenputtel, von den „belles de jours“, den Damen der Nacht, den tropischen Mädchen, den geschmückten Seelsorgerinnen, den Dianas mit zwei Liebschaften, den Meisterinnen des roten Herzens, den hübsch geschmückten Schmetterlingchen, den Pubertierenden, den Kindfrauen, den heimatlosen Hirtinnen auf der Suche nach schönen Blumen.
Wir werden diese Seiten mit Zärtlichkeit, Vorsicht, Respekt und offenem Verstand aufschlagen – und einem Herzen, das bereit ist, sich bewegen zu lassen. Wir werden langsam gehen, so als ob wir die Mädchen nicht aufwecken wollten, die von dem alltäglichen Kampf jeder Nacht erschöpft sind.
Im Nordosten Brasiliens, in einer tropischen Atmosphäre exotischer Schönheit trifft die junge Frau auf ihren „Wikinger Prinzen“. Das in der Peripherie des Lebens geborene Mädchen – viele von ihnen lutschen noch am Daumen und schlafen mit ihren Puppen, egal wie alt sie sind – wagt es zu glauben, dass es auf der anderen Seite des Meeres eine Antwort auf ihr Leben geben könnte. Sie hat einen Traum vom Glück.
Wir wollen mit diesen Seiten über das hinausgehen, was man mit den Augen des Vorurteils sehen kann. Es ist wichtig zuhören zu können, die Wahl derjenigen zu verstehen, die keine Wahl haben. Zu verstehen, dass es legitim ist, sich nicht mit der „gesellschaftlichen Ordnung“ zufrieden zu geben, auch wenn der Preis dafür sehr hoch ist. Sind sie es nicht selbst, die dafür bezahlen, als Frauen, als Schwarze, als Arme geboren zu sein?
Wir möchten mit diesen Seiten zu der Debatte über Alternativen beitragen, die diesen Mädchen und Frauen offen stehen und als Echo ihrer Stimme dienen. Deswegen wollen wir absichtlich keine akademische Analyse bieten. Wir wollen die Probleme aus der Sicht der Mädchen verstehen und suchen nach Lösungen, die tiefer gehen, als nur die Polizei zu rufen…

Der Beginn der Arbeit, eine Forschung, Pläne…

Ende 1992 fingen wir, die Mitarbeiterinnen des Coletivo, an, öfter in die Nachtklubs und an den Strand von Boa Viagem in Recife zu gehen, eines der Paradiese des Sextourismus in Brasilien. Recife ist Teil eines internationalen Tourismus, in dem sich Träume, Armut, soziale Aufstiegschancen, Ausbeutung und Gewalt miteinander vermischen – abgesehen von dem einen oder anderen „Happy End“. Wir trafen dort auf unglaublich viele Mädchen, deren größter Traum es ist, einen Gringo zu finden und Brasilien zu verlassen. Der internationale Flughafen Guararapes mit seinen Charterflügen gilt als regelrechte „Pforte der Hoffnung“.
Von 1993 bis 1995 richteten wir eine Zufluchtswohnung für diese Mädchen in Boa Viagem ein, in der sie zeitweise wohnen und an Kursen teilnehmen konnten sowie psychologische Betreuung bekamen.
Die Zufluchtswohnung war eine neue Erfahrung für die Frauenbewegung in Brasilien. Ungefähr 50 Mädchen haben dort gewohnt, weitere hundert haben an einzelnen Aktivitäten teilgenommen. Die Regeln innerhalb der Wohnung – wie regelmäßige Teilnahme an allen Treffen, keine Ausländer oder männliche Freunde mitbringen, keine Drogen, Streit vermeiden und die Arbeit des Coletivo unterstützen – wurden von den Mädchen selbst bestimmt. Neben respektvollem Zusammenleben, Solidarität und Freundschaft blieb die Suche nach alternativen Lösungsansätzen eines der wichtigsten Prinzipien.
Mit Workshops und Treffen haben wir versucht, die Identität der Mädchen und ihr Selbstwertgefühl zu stärken. Wir diskutierten Themen wie Sexualität, Rassismus, soziales Geschlecht und Safer Sex. Und wir boten Alphabetisierungskurse und Sprachkurse in Deutsch und Englisch an. Mit diesen Kursen wollten wir minimale Grundlagen zur Verständigung vermitteln und über Europa und die existierenden Beschränkungen für Ausländerinnen informieren. Im Frühjahr 1995 machten wir eine Umfrage unter den jungen Frauen, um genaueres über ihre Familiensituation, ihre Wünsche und Perspektiven, ihre soziale Situation usw. zu erfahren. Die größte Überraschung, die sich aus der Studie ergab, war für uns, dass ein Großteil der Mädchen, nämlich 55 Prozent, schon einmal in Europa waren. Und außerdem, dass fast alle diese Ferien in positiver Erinnerung haben. Sie verbringen dort normalerweise drei Monate und kehren dann zurück. Der Traum von einer Heirat verflüchtigt sich oft mit zunehmendem Alter. Mit 23 Jahren ist die Illusion einer glücklichen Ehe natürlich gestorben. Und mit 26 gerät die junge Frau in Panik und überlegt, wie sie aus diesem Leben herauskommt und andere Perspektiven entwickelt.

Neue Pläne schmieden

Als Ergebnis dieser Forschung haben wir eine neue Arbeitsphase entwickelt. Ein Kurs zur Alphabetisierung nach der Methode Paulo Freires wurde eingerichtet.
In unserem Infoblatt Beija-Flor intensivierten wir die Debatte über Sextourismus und die Entmystifizierung des europäischen Paradieses. Dort werden auch Adressen von Beratungsstellen in Europa verbreitet, die die jungen Frauen bei Problemen dort unterstützen können. Das Infoblatt verteilen wir seit einigen Jahren an die Mädchen. Es erscheint alle drei bis vier Monate. Beija-Flor ist einerseits ein Vogel, der Kolibri, aber wörtlich heißt es: „Küsst die Blume“. Da die Mädchen mit Küssen arbeiten, ist es eine lockere Art, sie auf ihre Arbeit anzusprechen.
Nachdem die letzte Zufluchtswohnung in Boa Viagem 1995 auf Grund steigender Mietpreise geschlossen werden musste, haben wir jetzt neue Pläne geschmiedet.
Wir wollen ein Restaurant „Cantinho do Axe“ eventuell mit einer Pension aufbauen, um alternative Einkommensquellen für die Mädchen zu schaffen. Das “Cantinho do Axé” soll mehr als ein Restaurant/eine Pension sein. Dort soll es Kurse geben, Kondome sollen verteilt, Workshops gemacht werden und über Aidsprävention und andere Geschlechtskrankheiten aufgeklärt werden. Dort kann debattiert werden und es könnte – warum nicht? – ein interkultureller Ort des Austauschs und der Freude entstehen.

Hintergründe für Fluchtgedanken

Das Mädchen, das im Sextourismus arbeitet, wünscht sich ein Haus, ein Auto, schicke Klamotten, einen modernen Farbfernseher, einen Videorekorder. Aber sie kann sich das nicht leisten, denn sie gehört zu der sozialen Gruppe, der es noch nicht einmal erlaubt ist, davon zu träumen. Deswegen entsteht in ihr die Illusion, dass Europa das Paradies ist. Ein schöner Ort, wo es sehr gute Arbeitsbedingungen gibt, wo die Menschen sich mit Respekt behandeln und gebildeter sind. Brasilien dagegen ist ein Ort, der nur gut für die Reichen ist. So zieht sie aus, auf der Suche nach dem europäischen Märchenprinzen, der sie aus der Armut und Verzweiflung herausreißt, in der sie keine Wahlmöglichkeiten hat. Die Figur dieses Mannes ist eine Konstante für fast 80 Prozent dieser Mädchen/Frauen.
Die extrem patriarchal ausgerichtete Gesellschaft im Nordosten Brasiliens begünstigt die Industrie des Sextourismus. Die Frau gilt kulturell als minderwertig, der Mann als Herr, Besitzer und Familienoberhaupt. Frauen, besonders die hübschesten, sind permanent den sexuellen Übergriffen durch ihre Arbeitgeber, Chefs, Kollegen oder Nachbarn ausgesetzt. Viele Mädchen im Sextourismus sind schon einige oder sogar mehrere Male vergewaltigt worden. Und, was noch schlimmer ist: Ihre Lebensgeschichten sind geprägt von physischer, sexueller, psychologischer und emotionaler Gewalt in ihren eigenen Familien. Viele von ihnen waren in ihrer Kindheit oder Jugend Opfer (versuchter) Vergewaltigungen durch ihre Väter, Stiefväter, Onkel oder Großväter. Das Mädchen ist in der Familie Opfer sexueller Übergriffe durch den Geliebten, Freund oder Lebensgefährten der Mutter. Diese Person, die sie eigentlich schützen sollte, unterdrückt sie und zwingt sie in den meisten Fällen dazu, das Haus zu verlassen, um ihrer Mutter keine „Probleme“ zu machen – oder weil sie die Gewalt einfach nicht mehr aushält.
Für Frauen wird in dieser patriarchalen Kultur nur eine Perspektive konstruiert, nämlich sich ein Haus und einen Ehemann zu wünschen, der Vater ihrer Kinder sein soll, der sie versorgt und beschützt, kurz ein Mann, der ihr Sicherheit geben soll. Die Welt der Frauen ist das Private, während die öffentliche Welt für den Mann reserviert ist. Im Nordosten ist es üblich zu sagen: „Halt deine Ziegen fest, denn mein Bock ist los.“ Das heißt, Frauen haben ihre Jungfräulichkeit zu bewahren, während die Männer auf der Straße nach sexuellen Beziehungen Ausschau halten sollen. Wenn ein Mädchen diesem Ritual nicht gehorcht, wird sie in der Regel aus ihrem eigenen Haus geworfen. Sie wird als Prostituierte beschimpft und diskriminiert. Einer Forschung in Recife zufolge halten 53 Prozent der Bevölkerung Jungfräulichkeit für einen wichtigen Wert.
Die Mädchen reagieren auf diese Situation mit einem extrem negativen Bild vom dem brasilianischen Mann, wie unsere Umfrage zeigte. Sie beschreiben ihn als gewalttätig, machista, untreu, hinterhältig und vorurteilsbeladen. Deswegen wollen sie ihren Traum von einer Familie mit einem europäischen Ausländer verwirklichen.
Ein etwas subtilerer Aspekt ist das weiße Schönheitsideal, das als einziges ästhetisches Modell global verbreitet wird. Wie Xuxa, die blonde brasilianische Popsängerin, zu sein, ist fantastisch. In keinem Comic oder in keinem Märchen ist die Prinzessin schwarz, sondern weiß und blond – und sie wird einen blauäugigen Prinzen treffen und mit ihm Kinder mit goldenen Engelslocken haben. Diese gewaltsame Form der verinnerlichten Diskriminierung fördert den Sextourismus. Viele Familien freuen sich darüber, wenn ihre Tochter einen Weißen heiratet, weil sie hellere Nachfahren gebären und so die „Familie säubern“ wird. Täglich kommen mehr Frauen nach Boa Viagem, die sich auf die Suche nach ihrem „goldenen Traum“ von einer Heirat und einem besseren Leben in Europa, vorzugsweise Deutschland, machen. Es reicht, zum Flughafen zu gehen. Und mal schauen.

Nicht aufgeben – für die Träume arbeiten

Nicht nur hoffen, sondern den Kampf aufnehmen. Verzweifeln? Niemals! Immer zu denen gehören, die hartnäckig versuchen, ihren Traum zu verwirklichen.
Sie wachen so um 10 Uhr auf, gehen an den Strand, um das Meer zu sehen und nach jemand Ausschau zu halten, den sie lieben könnten. Auf der Promenade von Boa Viagem hin- und herlaufen, sich nach einer Reise sehnen.
Heute ist viel Aufregung am Strand. Es geht das Gerücht um, dass mit dem Flug am Morgen sehr viele Gringos angekommen sind. Die Mädchen warten angespannt auf die Bestätigung dieser Nachricht. Endlich kommen sie aus den Hotels. Es sind Deutsche, Italiener und Schweizer, und sogar einige Portugiesen dabei. Die Sonne ist sehr heiß, ideal für ein Bad im Meer.
Sie gehen nahe an ihnen vorbei, bitten um eine Zigarette, beginnen den Flirt. Die Italiener bevorzugen die hellhäutigeren Mädchen, die Deutschen die dunkleren. So oder so, es gibt keine, die nicht irgendeinem gefällt. Sie trinken Bier, knabbern an den Meerestieren, lachen viel, und machen ein Wiedersehen abends im Klub aus — und der Kontakt ist geknüpft. Später werden sie den Flirt vertiefen, und vielleicht sogar die ganzen Ferien mit ihm zusammen sein. Danach am Flughafen Küsse, Abschiede und in der Zukunft vielleicht eine Reise. Wer will nicht Europa kennen lernen?

Der Artikel ist gekürzt der Bröschure “Traumwelten – Migration und Arbeit” entnommen und kann bei der Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt, Hedemannstr. 14, 10969 Berlin, fon 030 / 251 02 65, (mail@aswnet.de)
für 5,-DM bestellt werden.

Kasten: Silvia

Er schickte ein Ticket und ich flog hin. Er behandelte mich sehr gut in der ersten Woche. Dann sagte er, ich sollte als Prostituierte arbeiten. Ich floh und ging zur Polizei. Wenn ich wieder eine Möglichkeit habe, werde ich wieder nach Deutschland gehen, aber ich werde besser aufpassen. Was kann ich von Brasilien noch erwarten? Nichts.

Paula:

Mein größter Traum ist es, andere Welten kennen zu lernen, meinen Märchenprinzen zu finden, der mit einem großen Metallvogel kommen wird und mich aus diesem Leidensschicksal reißen wird, diesem elenden Leben, in ein anderes Land. Dort in Deutschland gibt es kein Elend, keinen Schmutz so wie hier – alles ist sauber, alle Leute sind sehr gut erzogen Ich lebe, weil ich weiß, dass das eines Tages geschehen wird. Ich habe Freundinnen, denen es in Europa sehr gut ergangen ist. Warum kann dasselbe nicht auch mit mir geschehen?

Cilene

Cilene:
Ich wurde mit zwölf Jahren vergewaltigt. Eine Gruppe von Jungen wartete darauf, dass ich von der Schule kam, und sie zwangen mich zum Geschlechtsverkehr mit ihnen. Danach warteten sie immer auf mich und machten sich über mich lustig. Ich entschloss zu fliehen und kam mit einem Lastwagenfahrer nach Recife. Hier traf ich nach einigen Jahren einen Gringo. Er sagte, dass er mich sehr liebte. Er war dunkelhaarig, groß und hübsch, und ich verliebte mich wahnsinnig in diesen Typen. Ich dachte, ich hätte einen wirklichen Mann getroffen. Er versprach mir alles. Er war zärtlich im Bett, ich empfand viel Lust mit ihm, es war einmalig. Wir heirateten, obwohl ich minderjährig war und die Erlaubnis meiner Eltern dazu brauchte. Er organisierte für mich falsche Papiere und zahlte dafür 400 Dollar Bestechungsgelder. Die Behörden sind es gewohnt, so etwas zu machen – viele junge Mädchen haben falsche Papiere. Nach drei Monaten in Deutschland gab dieser Mann mir 500 Dollar und schickte mich nach Recife zurück. Er sagte, er würde nach zwei Monaten nachkommen, um mich zu treffen, ein Restaurant zu eröffnen und glücklich mit mir zu leben. Nach zwei Monaten schickte er aber einen Brief und machte Schluss. Die Welt ist für mich ein reines Irrenhaus. Heute kiffe ich viel und mache wieder Programme mit Gringos. Ich bin 17 Jahre alt und glaube an gar nichts mehr. Ich glaube nicht mehr, dass ich glücklich sein könnte. Ist es möglich, dass er irgendwann noch zu mir zurückkommt? Kann es sein, dass ich ihm noch gefalle? Oder hat er mich nur benutzt? Es gibt so viele Fragen. Lohnt es sich, so zu leben?

Debora:

Heute glaube ich nicht mehr an Träume. Ich lebe in der Gegenwart. Eines Tages ging ich nach Europa und verbrachte drei Monate dort. Ich wurde über einen Mann vermittelt, der hier in Boa Viagem ein Tourismusunternehmen hat. Er versprach mir das Blaue vom Himmel herunter – dass ich Tänzerin in Deutschland sein würde. Ich reiste mit einem Ticket, das er mir gab. In Deutschland wartete ein Ehepaar auf mich. Sie nahmen mich mit zu einem Ort, dessen Namen ich bis heute nicht weiß. Sie sperrten mich in einem Zimmer ein, und dort blieb ich ungefähr zwei Monate. Um mit jeder Sorte Mann zu schlafen. Mein Leben bestand darin, die Beine breit zu machen, und sie drangen in mich ein. Ich hungerte viel. Es gab Tage, an denen ich darüber nachdachte, wie ich mich umbringen könnte, um mich zu befreien. Endlich traf ich einen Gringo, der Mitleid hatte und portugiesisch verstand, und er sprach mit dem Ehepaar. Ich war schon schwanger und voller Probleme. Das Ehepaar brachte mich zum Flughafen, und ich kehrte nach Brasilien zurück.

Maria:

Wer hat schon eine Hure gesehen, die träumt? Nur die können Hoffnungen haben, die eine intakte Familie hatten, einen gedeckten Tisch und Spielsachen… Ich hab in meinem Leben nichts umsonst bekommen. Bis jetzt hatte alles, was mir gegeben wurde, einen hohen Preis. Ich gehe mit Gringos, nehm’ die Kohle und kaufe mir damit das Recht, in Boa Viagem zu wohnen, einem Viertel, wo sonst nur Leute aus der Oberschicht wohnen. Ich möchte viele Dollars mit den Gringos verdienen, um ein Haus für mich und meine Mutter zu kaufen. Sie ist schon alt, hat ihr Leben lang in den Häusern anderer Familien gearbeitet und hat noch nicht mal eine Hütte, wo sie bleiben könnte. Das ist mein Traum.

Maria:

Mir ging es wunderbar in Europa. Ich war drei Monate da und wurde sehr gut behandelt — alles ist dort sehr sauber, alles Spitzenqualität. Er zeigte mir seine Mutter, seinen Vater, seine Schwestern und alle behandelten mich sehr gut. Nur eines war traurig: Dass ich wieder nach Brasilien zurück musste. Ende des Jahres werde ich wieder nach Deutschland fahren, ich kann schon einigermaßen deutsch. Ich werde alles dafür tun, dort zu bleiben. Ich glaube, dass ich in Brasilien nicht viel verloren habe. Hier stirbt jeder Traum, wir werden wie Müll behandelt.

Bianca:

Im Urlaub lernte ich einen Gringo kennen. Er lud mich zum Essen ein und wir verliebten uns. Dann gingen wir ins Bett. Er gab mir 100 Dollar, um Strom und Miete zu zahlen. Das gefiel mir. Ich blieb dabei, weil ich so an einem Tag verdiene, was ich sonst noch nicht mal für einen Monat Arbeit bekam.

Liebe Freundin Inga,

ich schreibe dir, um dir zu erzählen, was hier im Moment passiert. Dieses Arschloch Harald ist unverschämt. Fünfzehn Tage nach meiner Ankunft verbot er mir, mit meiner Familie in Kontakt zu treten. 30 Tage danach schlug er mich und machte mich psychisch fertig, sodass ich um ein Uhr nachts aus der Wohnung rennen und zu einer Nachbarin gehen musste.
Er hat mir absolut nichts gegeben. Erst als nach zwei Monaten die Kälte begann, gab er mir drei seiner Jacken, weil sie ihm zu klein sind. Damals fuhren wir eine Woche nach Italien, um meine Passangelegenheiten zu klären. Er gab mir nicht eine Lira. Er ging Fahrrad fahren und ließ mich im Hotel zurück – ohne Radio, Fernsehen, ohne alles. Als wir zurückkehrten, zeigte er mir, wie man Videokassetten anguckt. Ich schaute mir alle an, und da entdeckte ich, dass er sexuelle Beziehungen mit seiner Stieftochter hatte, die jetzt 15 geworden ist. Diese Beziehungen gibt es, seit sie acht Jahre alt ist. Ich war schockiert, denn sie ruft täglich an oder er sie – und er schickt ihr Geld. Er hat auch etwas mit der Mutter von ihr – keine weiß von der anderen. Deswegen habe ich sein Haus verlassen. Er ist ein Irrer. Er hat meinen Pass und einige meiner Sachen – aber ich bin schon zum brasilianischen Konsulat gegangen und habe ihn angezeigt. Er hat mich auch angezeigt, ihn beklaut zu haben, aber ich werde einen Prozess gegen ihn wegen Verleumdung machen. Ich habe nie in meinem Leben geklaut, und werde mich auch jetzt nicht von so jemanden besudeln lassen.
Ich schreibe dir das, um dich zu warnen, denn er hat gesagt, dass er nach Recife gehen will, um dich zu holen. Ich habe an deine Kinder gedacht. Aber du musst selber wissen, was du tust.
Mir geht es gut, ich bin in einer netten Familie, sie sprechen portugiesisch, und es gibt keine Probleme.
Ah, ich hab was vergessen. Ich bin die vierte Frau, die bei ihm war, und ihn verlassen hat. Achtung, Inga.
Er sammelt nackte Frauen und filmt sie, ohne dass sie es wissen. Er filmte auch mich, als wir in Recife waren, ohne dass ich das gemerkt habe. Ich hab den Film zerstört.
Tut mir Leid, dass ich meine Adresse nicht schicke, das ist aus Sicherheitsgründen.
Pass auf dich auf, deine Freundin L.

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