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In Japan geht die Sonne auf, in Brasilien geht sie unter

Sie kam direkt zur Sache: „Sind Sie Schriftsteller?“ Sie, das ist Michiyo, eine alte Japanerin. Und Ich, das ist der Erzähler beziehungsweise der Schreiber in Bernardo Carvalhos neustem Roman In São Paulo geht die Sonne unter, der nun auf Deutsch vorliegt. Es ist ein Roman über das Schreiben eines Romans. Als Gast in Michiyos Restaurant im Stadtteil Liberdade wird der arbeitslose Werbetexter eines Abends von ihr unvermittelt aufgefordert, die Geschichte ihres Lebens aufzuschreiben. „Denn der beste Schriftsteller ist immer derjenige, der noch nie geschrieben hat“. Anfangs skeptisch und distanziert, wird er schließlich selbst zum Protagonisten. „Infiziert“ von der Undurchdringlichkeit der Geschichte macht er sich eigenständig in Japan auf Spurensuche und „kriecht“ langsam in die von ihm geschaffene Literatur hinein. Ob das Leben die Literatur schafft oder die Literatur das Leben – diese Frage wird im Romanverlauf immer undurchdringlicher. Als Autor enträtselt der Erzähler Michiyos Lebensgeschichte. Die vertrackte Dreiecksbeziehung zwischen ihr, ihrem Ehemann Jokichi und Masukichi, einem zwielichtigen Schauspieler des Kyogen-Theaters begann im Japan der 1940er Jahre. Um ihn vor einem Tod als „Kanonenfutter“ in der Armee zu schützen, lässt Jokichis Vater den Jungen eines einfachen Arbeiters unter dem Namen seines Sohnes rekrutieren. Der Junge wird ermordet, und seine Identität eignet sich ein Kriegsverbrecher an, der so ein neues Leben in Brasilien beginnen kann. Das Hauptmotiv des Romans ist das der„vertauschten Identität“ – und Jokichis Verhängnis. Lange Zeit glauben Michiyo und Masukichi, dass er sich schwer depressiv das Leben genommen hat. Doch Jokichi ist, ebenfalls unter einem anderen Namen, nach Brasilien ausgewandert, um den Kriegsverbrecher zu rächen. So findet die Geschichte – bei Sonnenuntergang – in São Paulo ihren Abschluss.
Einige KritikerInnen in Brasilien haben Carvalho, der Journalismus studiert hat, vorgeworfen, keine Geschichten erzählen zu können – zu Unrecht. Die (zugegeben manchmal etwas mühsame) Aufgabe der LeserInnen besteht darin, die Zusammenhänge im Roman zu entschlüsseln. Das ist lohnenswert, denn gerade die fast schon mystisch miteinander verbundenen Lebensgeschichten machen die Qualität von In São Paulo geht die Sonne unter aus. In der Tageszeitung Folha de São Paulo hatte Carvalho schon oft den Zwang des Literaturbetriebs kritisiert, der zunehmend auf der angelsächsischen Tradition der intelligent konstruierten ProtagonistInnen und der strukturierten Handlung basiert. So ist das Buch nicht „nur“ die Lebensgeschichte einer japanischen Migrantin, es ist zugleich ein Roman über Traditions-Theater, japanische Literatur und grausame japanische Kriegsverbrechen. Und es ist ein Roman über die Entfremdung der jungen japanischstämmigen Generation in Brasilien von der Kultur ihrer Großeltern, die ihnen kaum mehr als folkloristisch erscheint. Der Identitätskonflikt zeigt sich in der Person des von Michiyo beauftragten Romanschreibers. Obwohl er selbst Halb-Japaner ist, bleibt ihm die asiatische Kultur beklemmend fremd: „Es war ein schreckliches Gefühl, nicht zu dieser Welt zu gehören.“

Bernardo Carvalho // In São Paulo geht die Sonne unter // Übersetzt von Karin von Schweder-Schreiner // Luchterhand Literaturverlag // München 2009 // 208 Seiten // 19,95 Euro // www.randomhouse.de/luchterhand

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