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Mission eines sanften Aufklärers

Die Stimmung ist fröhlich bis ausgelassen im Hause von Professorin Ligia Chiappini. In der Wilmersdorfer Wohnung der Brasilianerin freut man sich auf die gemeinsame Feijoada mit Reis und Farofa, dem Nationalgericht der Brasilianer. Noch brodelt und blubbert die schwarze Masse ächzend im großen Topf auf dem Herd, doch der Hunger macht der erwartungsvollen Atmosphäre weitgehend Platz. Anlass der mittäglichen Zusammenkunft ist der Besuch des Schriftstellers Luiz Ruffato. Der von der brasilianischen Presse als „Erneuerer der brasilianischen Literatur“ hochgelobte Preisträger des Premio Machado de Assis wird aus seinem Roman Eles eram muitos cavalos (deutsch: Es waren viele Pferde) vorlesen und über neue Projekte sprechen. An den Universitäten in ganz Europa wurden seine Bücher bereits besprochen, von der Kritik wird er mit Autoren wie Rubem Fonseca oder Clarice Lispector verglichen.
Doch zunächst wird über die politische Situation im Heimatland Ruffatos diskutiert. Laut, aber fröhlich werden die Argumente für oder gegen Lula vorgetragen, jeder meint es gut mit ihm. Einer der leichthin Versprechungen macht und dann doch nur wieder die Staatskassen plündert oder an Freunde und Familie hohe Posten im Verwaltungsapparat vergibt ist er nicht – oder doch? Korruption und Begünstigung wurden auch ihm vorgeworfen. „Das waren eindeutig Kampagnen gegen ihn“, erklärt Ligia Chiappini strahlend, „aber ich habe mit Genugtuung gesehen, dass auch die Medien ihre blendende Allmacht verloren haben. Die Menschen lassen sich nicht länger täuschen. Sie verstehen, dass es dem Land und allen Menschen darin nicht von heute auf morgen gut gehen kann, aber sie sehen Ergebnisse. Die Armut ist zurückgegangen, die Sozialprogramme greifen.“
Jetzt wird jedoch zunächst die Feijoada serviert. Erwartungsvoll sitzen die Gäste vor ihren Tellern und sehen zu, wie der Reis in der schwarzbraunen Masse aus Bohnen und Fleisch ertrinkt.
Es geht jetzt wesentlich leiser zu und nun bemerkt man auch den Mann, der bisher kaum geredet hat, obwohl er doch der Grund für diese Zusammenkunft ist. Er sitzt ruhig vor seinem Teller, hört aufmerksam zu, zeigt kaum Reaktion. Nur bisweilen, wenn er aufgefordert wird, seine Meinung beizusteuern, kann man aus seinen wenigen Worten heraushören, dass er die Situation in seinem Land eher nüchtern betrachtet. „Ich versuche Brasilien aus seiner Geschichte heraus zu begreifen. So wie ich selbst das bin, was meine Geschichte ist“, setzt der gefeierte Autor seinen Denkansatz langsam auseinander. Der eher kleine Mann mit Halbglatze wirkt in seiner ruhigen, schüchternen Art zunächst gar nicht wie das Bild eines Giganten der Literatur. Aber was sagt schon die Oberfläche, stille Wasser sind bekanntlich tief. Und nachdem einige Zeit vergangen ist, erzählt Luiz Ruffato auch von sich, seinen Büchern und seinen Gedanken über sein Land, Brasilien.
„Das größte Problem in Brasilien ist die Gewalt, die ihrerseits das Ergebnis einer enormen Ungleichheit in der Gesellschaft ist. Defizite in der Infrastruktur, vor allem im Bildungssektor, sorgen dafür, dass die Menschen weiterhin nur den Politiker wählen, der ihnen ein paar Schuhe und etwas zu essen besorgt.“ Meint er damit Lula und seine Sozialprogramme? „Nein, Lula ist eine Möglichkeit, auch wenn ich mit vielem nicht einverstanden bin, was er sagt und tut. Aber haben wir nicht eigentlich das Recht auf eine bessere Option?“
Für Ruffato, der die Schwierigkeit des sozialen Aufstieges kennt und überwunden hat, ist der Zugang zu qualitativer Bildung der Schlüssel zu mehr politischem, aber auch sozialem und ökologischem Bewusstsein. Als Sohn eines Popcornverkäufers und einer Wäscherin machte er eine Ausbildung zum Mechaniker, genau wie Lula. Er hat früh begriffen, dass er aus dieser Welt nur dann würde ausbrechen können, wenn er Zugang zu qualitativer Bildung bekäme. So arbeitete er tagsüber in der Werkstatt, um abends an der Universität von Minas Gerais Journalistik zu studieren. Bald darauf ging er nach São Paulo, die Industrie-Megaopolis im Südosten des Landes, das „Kraftwerk Brasiliens“, wie die Brasilianer sie nennen. In Kilometern war die größte Stadt Südamerikas nicht all zu weit weg von seinem Heimatort Cataguases. Die Realität, die er dort kennen lernte jedoch meilenweit entfernt von jener der Kleinstadt im Bundesstaat Minas Gerais.
Einige der Studenten nicken jetzt eifrig. Manche von ihnen sind aus São Paulo, andere waren schon dort und wissen, wie faszinierend und gleichzeitig unerbittlich das Leben dort sein kann.
Bald kam Ruffato zu dem Schluss, dass die Mittel der Darstellung, die ihm die journalistische Arbeit zur Hand gab, allein nicht ausreichten, um die Vielschichtigkeit dieser Stadt zu begreifen. Er begann Fiktion zu schreiben. Dabei entstand neben vielen Kurzgeschichten bald der Roman Eles eram muitos cavalos, dessen Handlungsort und eigentliche Protagonistin São Paulo selbst ist. In 70 Momentaunahmen, die in verschiedenen literarischen Gattungen gehalten sind, fängt Ruffato die unterschiedlichsten Schicksale und Lebensumstände ein. Die Menschen selbst scheinen dabei nur Komparsen zu sein. In einem Querschnitt durch die Gesellschaft zeigt er vor allem die täglichen Ängste, Gefahren und persönlichen Niederlagen der Bewohner São Paulos, aber auch die Isoliertheit der einzelnen Mikroskosmen in denen sie leben. Die gelangweilte Oberschicht trinkt ihre Cocktails am Pool auf dem Dach eines Wolkenkratzers und small-talked über den letzten Trip nach Europa, während der kleine Angestellte auf der Straße von einer Gang ausgeraubt und erschossen wird; sein verzweifeltes Argument, diejenigen, die das große Geld hätten, flögen mit Hubschraubern über die Stadt hinweg, wird von den jungen Gangmitglieder mit Ungläubigkeit und Spott aufgenommen, so absurd erscheint ihnen diese Aussage. Und doch ist es Fakt, São Paulo besitzt die meisten privaten Hubschrauberlandeplätze der Erde. Die sozialen Gegensätze führen zu einer hermetischen Abgrenzung, die jegliche Kommunikation verhindert und Verstehen unmöglich macht.

Der Stress der Stadt ist fühlbar, wenn im Roman abgerissene Fetzen von Stimmen im Verkehrslärm unterzugehen scheinen. Die Flüchtigkeit des Momentes und die Bedeutungslosigkeit des Einzelnen werden bereits im Titel und im vorangestellten Zitat angedeutet: „eles eram muitos cavalos, mas ninguém mais sabe os seus nomes, a sua pelagem e o seu origem“ (es waren viele Pferde, aber niemand kannte mehr ihre Namen, ihr Fell und ihre Herkunft). Was will Ruffato mit dieser Anti-Idylle bezwecken? Was mit der Gegenüberstellung von Hypermoderne und tiefstem Mittelalter, die auch die Spaltung der sozialen Realität widerspiegelt, erreichen? Er runzelt leicht die Stirn, lässt einen Augenblick die Gabel sinken, auf der das Fleisch blitzt, um besser antworten zu können. Sein Buch, obgleich experimentell und in der Tradition des Montageromans gehalten, solle den Menschen leicht zugänglich sein, sagt er. Er nutze die Sprache der Straße, um sich verständlich zu machen und um seinem Glauben an die aufklärerische Funktion von Kunst gerecht zu werden. „Der Künstler muss versuchen, die Welt zu organisieren, die Dinge klar und anschaulich darzustellen. Er muss sich darum kümmern, darüber reflektieren, wie er die Welt verbessern kann. Das klingt vielleicht romantisch, aber für mich ist es sehr wichtig. Ich habe diese Mission, dem anderen meine Reflexion nahe zu bringen.“
Auch seine politische Haltung, die keinem Einzelnen, keiner Partei entspricht, zeigt diese Nähe zu den Menschen und sein Interesse an ihnen. Im vergangenen Jahr führte er in den Armenvierteln von São Paulo eine Umfrage durch, um sich vor der Wahl selbst ein Bild vom Fortschritt der Programme Lulas zu machen. Er wollte von den Menschen wissen, wieso sie Lula wieder wählen. Die nüchterne Antwort, die das Ergebnis zusammenfasst, ist weit entfernt von der glühenden Anhängerschaft und dem optimistischem Idealismus, die von den Gegnern Lulas unterstellt und so gern als Naivität und Ignoranz verkauft werden. Sie zeugt vielmehr von Straßenweisheit und einer ordentlichen Portion Pragmatismus: „Ich esse jetzt besser“, wurde ihm geantwortet, „wenn ich heute in den Supermarkt gehe, bringe ich für das gleiche Geld wie vorher deutlich mehr Essen nach Hause!“ Auch die Runde um den Esstisch wirkt überzeugt. Ein Anfang ist gemacht. Der Skeptiker Ruffato jedoch wird weiter gegen Ungerechtigkeit und Unverständnis anschreiben.

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