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„Interventionen, viele Interventionen, spannende Interventionen – von Deutschen“

Sie sind eine der curingas, der MitarbeiterInnen des Zentrums des Theaters der Unterdrückten in Rio de Janeiro. Welche Art von Arbeit macht das CTO-Rio?

Das CTO-Rio ist ein Zentrum, das durch die Arbeit mit Theatergruppen und die Ausbildung neuer curingas an der Verbreitung des Theaters der Unterdrückten in Brasilien arbeitet. Wir arbeiten mit mehreren Stadtverwaltungen in Brasilien zusammen. Zur Zeit machen wir gerade ein neues Projekt mit der Landlosenbewegung MST, Theaterarbeit im Gefängnis und das Projekt Legislatives Theater.

Was kann man sich unter Legislativem Theater vorstellen?

Legislatives Theater ist eine Weiterentwicklung des Forumtheaters. Im Forumtheater interveniert das Publikum in die Theaterhandlung und zeigt auf diese Weise seine Ideen. Im Legislativen Theater zeigt das Publikum seine Ideen, und wir versuchen, diese Ideen in Gesetzesprojekte umzuwandeln.

Und was bedeutet das in der Praxis?

Wir bauen in verschiedenen comunidades (Stadtvierteln) Rio de Janeiros Theatergruppen auf, die als Forumtheater arbeiten. Jede Gruppe entwickelt ein Stück zu einem Thema, zu einem Problem, das sie interessiert. Dann führt sie dieses Stück an den unterschiedlichsten Orten der Stadt auf. Während der Publikumsinterventionen versuchen wir, eine Bestandsaufnahme zu machen, welche Ideen es zur Lösung des dargestellten Problems gibt. Neben den Ideen während des Forums können die Leute auch schriftlich formulierte Gesetzesideen einreichen, für den Fall, dass sie keine Interventionen machen wollen. Dieses Material sammeln wir und geben es weiter an eine Gruppe von parlamentarischen MitarbeiterInnen, die versuchen, daraus Gesetzesprojekte zu entwickeln, oder irgendeine andere Form politischer Aktion.

Wie ist diese doch recht ungewöhnliche Idee entstanden – und wann?

Augusto Boal hatte Ende der 80er Jahre ein Projekt in den CIEPs gemacht, den Centros Integrados de Educação Popular [Schulen neuen Typs, die in den 80er Jahren im Bundesstaat Rio de Janeiro eingeführt wurden]. In diesen CIEPs gründete sich die Fábrica de Teatro Popular. Dort entstand die Idee, in mehreren Städten des Bundesstaats Rio de Janeiro MultiplikatorInnen des Theaters der Unterdrückten – curingas – auszubilden. Das war ein sehr gelungenes Projekt. Doch die Regierungszeit von Leonel Brizola, dem damaligen Gouverneur des Bundesstaats Rio de Janeiro, ging zu Ende, und an die Macht kam die Regierung Franco, die diese Idee zerstörte. Boal sah, dass die Leute in den Forumtheater-Aufführungen der CIEPs immer wieder viele interessante Ideen zur Veränderung der dargestellten Situation hatten. Und er begann darüber nachzudenken, ein Projekt zu machen, das über das Austauschen von Ideen hinausgehen würde. Ein Projekt, das versuchen würde, diese Ideen zu konkretisieren. So ließ er sich in den Kommunalwahlen von 1992 zum Kandidaten für das Stadtparlament, die Câmara Municipal, aufstellen und präsentierte den WählerInnen diese Idee: Über die Arbeit von Forumtheater-Gruppen zu Gesetzesprojekten zu kommen. Und er wurde gewählt.

Hatte er für eine bestimmte Partei kandidiert?

Er kandidierte für die Arbeiterpartei Partido dos Trabalhadores (PT). Er wurde gewählt, und alle Projekte seines Mandats gingen aus den Aufführungen hervor, über die ich gesprochen habe, aus der Arbeit mit den Theatergruppen.
Und hat Theaterarbeit während dieser Zeit tatsächlich auch die Verabschiedung von Gesetzen erreicht oder blieb es bei guten Ideen?
Durch die Zusammenarbeit von ExpertInnen der Gesetzgebung mit curingas entstanden 33 Gesetzesprojekte. Von diesen 33 wurden 13 vom Stadtparlament verabschiedet.

Könnten Sie das an einem Beispiel erläutern?

Es gibt ein sehr gutes Beispiel: die Bereitstellung von Mitteln für die behindertengerechte Einrichtung der U-Bahn-Stationen. Diese Maßnahme wurde als Ergänzung zum Haushalt verabschiedet und die Stadtregierung damit verpflichtet, die Treppen der U-Bahnhöfe mit Rampen auszustatten. Und heute, am Ende des Jahres 2000, sind diese Rampen an fast allen U-Bahnhöfen in Rio eingerichtet.

Und die Idee zur Einrichtung dieser Rampen entstand in der Theaterarbeit?

Die Idee entstand im Rahmen der Arbeit mit einer Gruppe von Blinden und Körperbehinderten. Wir machten ein Stück über die Schwierigkeiten, die Behinderte durchleben, und eine dieser Schwierigkeiten war genau die Frage der Rollstühle: dass auch die Menschen, die Rollstühle benutzen, Zugang zur U-Bahn bekommen sollten.

Das ist jetzt mehrere Jahre her. Ist Augusto Boal heute immer noch
Abgeordneter in der Câmara Municipal?

Nein, sein Mandat endete im Jahr 1996. Wir arbeiten aber weiter am Projekt Legislatives Theater, auch jetzt, da er nicht mehr Abgeordneter ist.

Die Praxis des Legislativen Theaters basierte während der ersten Jahre auf der Tatsache, dass mit Augusto Boal ein Vertreter des CTO-Rio im Stadtparlament saß. Auch die Finanzierung der damaligen Theaterarbeit wurde durch die Existenz des Mandats ermöglicht. Wie funktioniert Legislatives Theater heute, ohne einen Abgeordneten in der Câmara Municipal?

Wie zuvor bauen wir Theatergruppen auf, nur dass wir uns jetzt viel mehr damit beschäftigen, innerhalb dieser Gruppen eine Person auszubilden, die MultiplikatorIn sein und die Kontinuität der Gruppe gewährleisten wird. Für dieses Projekt haben wir die Unterstützung der Ford-Stiftung. Diese Theatergruppen machen Forumtheater-Aufführungen, und da wir keinen Abgeordneten mehr haben, schicken wir die Gesetzesvorschläge an ParlamentarierInnen, die sich für diese Art von Problemen interessieren, für die konkreten Probleme dieser Gruppen, die als Themen der Stücke ausgewählt wurden.

Sie haben Legislatives Theater in Brasilien von Beginn an miterlebt und mitgestaltet. Glauben Sie, dass ein solcher Ansatz auch in Europa funktionieren könnte?

Mit Sicherheit. Wir haben zum Beispiel während unserer Reise durch Deutschland gesehen, dass es hier sehr wichtig wäre, Legislatives Theater zum Thema Flüchtlinge zu machen. Wir haben gesehen, dass die Gesetze in diesem Bereich neu und sehr fehlerhaft sind und dass man vieles ändern könnte. Zum Beispiel haben wir bei einer Forumtheater-Aufführung in Tübingen festgestellt, dass die Leute über die bestehenden Gesetze in Bezug auf Flüchtlinge sehr schlecht informiert sind und dass sie wirklich viele Ideen hatten.

Sie haben die Reise schon erwähnt, die Sie gemeinsam mit zwei Kolleginnen durch Deutschland gemacht haben. Was haben Sie für Erfahrungen gemacht? Nehmen Sie Unterschiede wahr, zum Beispiel in der Workshoparbeit, Unterschiede zwischen Deutschland und Brasilien?

In dem Projekt ging es darum, Erfahrungen mit Forumtheater an unterschiedlichen Orten mit unterschiedlichen Gruppen zu machen, also waren auch unsere Erfahrungen sehr unterschiedlich. Die Workshops waren alle recht kurz. In ihnen wurde eine Szene erarbeitet und für eine öffentliche Aufführung geprobt. Die Reise war für uns eine sehr interessante und bereichernde Erfahrung. Und natürlich haben wir viele Unterschiede in der Arbeitsweise wahrgenommen, zwischen Brasilien und Deutschland.

Welche Unterschiede zum Beispiel?

Zum Beispiel, dass viele WorkshopteilnehmerInnen hier nicht an die partizipativen Fähigkeiten der Deutschen glauben. Immer waren alle misstrauisch, ob es so etwas wie Interventionen in einer öffentlichen Forumtheater-Aufführung in Deutschland geben würde. Und immer waren sie überrascht, dass es bei allen öffentlichen Aufführungen Interventionen gab, viele Interventionen, spannende Interventionen – von Deutschen.

Vom gleichen Autor erscheint im Frühjahr ein Buch zum Thema (im ibidem-Verlag, www.ibidem.de) .

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