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Ja, Literatur soll Politik machen

Vor 10 Monaten hatten wir an dieser Stelle eingeladen, einmal nicht nur über literarische Einzelerscheinungen – Bücher, SchriftstellerInnen, Kongresse – zu reden, sondern sich in einer Debatte Gedanken über den Zustand und die Aufgaben der Literatur heute zu machen. Genauer: über das Verhältnis der lateinamerikanischen Literatur zur Politik, das viele Jahrzehnte hindurch ein sehr besonderes, mit Absichten beladenes Verhältnis war. Wir hatten die Vermutung formuliert, daß das Engagement von Schriftstellern für politische Projekte und Programme geradezu ein Markenzeichen für lateinamerikanische Literatur war, und daß dies auch die Erwartungen der europäischen LeserInnen an Bücher von dort geprägt hat.
All dies wäre kaum des Fragens wert gewesen, wenn sich nicht in den vergangenen zehn Jahren Entscheidendes verändert hätte. Viele der Projekte, denen das Engagement gegolten hatte, sind mit dem Zusammenfall der bipolaren Weltordnung verschwunden oder korrumpiert, gleichzeitig haben die klassischen Gegner dieser Projekte an Identifizierbarkeit verloren. Das konnte für politisch engagierte Literatur nicht ohne Folgen bleiben.
Wir fragten nach Deutungen für ein literarisches Jahrzehnt, das wenigstens nach dem deutschen Übersetzungsbuchmarkt zu urteilen von der Wiederholung einiger Erfolgsmuster, von Seichtigkeit und „riesiger Langeweile“ (Hermann Schulz, LN 295) geprägt gewesen ist. Gute Neuerscheinungen bleiben erfreuliche Ausnahmen.

Diesem Eindruck ist in den diversen Debattenbeiträgen kaum widersprochen worden. Allerdings kam mehrfach ein Aspekt ins Spiel, der hoffen läßt: In einem Land wie Nicaragua wird gute, originelle Literatur durchaus geschrieben. Das Problem besteht darin, daß sich keine Verlage finden, die diese Texte publizieren (Cristina Nord, LN 289/90). Und es bleiben noch Schätze älteren Jahrganges zu heben wie Carlos Martínez Rivas, ebenfalls Nicaraguaner und vom Verleger Hermann Schulz favorisiert.
Es gibt durchaus AutorInnen, die auf Klischees und Preise lieber verzichten als auf das Schreiben dessen, was ihnen wirklich wichtig ist. Wenn das so ist, dann müssen sich eher die LeserInnen fragen, ob sie Anspruchsvolles überhaupt lesen wollen, und die VerlegerInnen, ob sie zu Risiken bereit sind. Wenn Literatur mehr ist als Markt und Auflage, dann steht es um die lateinamerikanische Literatur derzeit nicht ganz schlecht auch wenn die durchschlagenden Bücher, denen das Publikum in Massen zu Füßen liegt, nicht in Sicht sind.
Wie die nicaraguanischen Textbeispiele in LN 289/90 gezeigt haben, beantwortet sich die Frage nach politischem Gehalt gleich mit. Die Erzählungen von Juan Sobalvarro und Marisela Quintana, in denen es um Wunden, Verletzungen, Narben, Schwachheit geht, weichen politischen Implikationen nicht aus.

Im Unterschied zu einer Literatur, die sich eindeutig für politische Formationen und Ideen und gegen gewisse, quasi personifizierbare Feinde engagierte, bleibt es bei neueren Texten jedoch oft bei Fragen. Auch darüber bestand in den Beiträgen zur Debatte Konsens. Zum einen ist der Begriff „engagierte Literatur“ diskreditiert, da das Engagement vielfach mittels Intoleranz und Zensur erzwungen wurde und zu Lasten der ästhetischen Qualität der Werke ging. Zum anderen ist das „platte“ Engagement abgelöst worden durch eines, das einer „ethischen Haltung… gegenüber der Wirklichkeit“ verpflichtet ist (Delgado Aparaín, LN 287), das brennende Themen und universelle Werte nicht ignoriert (Monsiváis, LN 286). Obwohl man sich expliziter Normenvorgaben enthält, wird trotzdem für eine – durchaus auch politische – Literatur plädiert, die sich darauf konzentriert, Fragen und Widersprüche zu formulieren, statt „Dienstleistung“ zu sein (Nord, LN 289/90), eine Literatur, die nicht narzistisch aus der Wirklichkeit in die Verantwortungslosigkeit flüchtet (Roque Baldovinos, LN 291/92).

So viel Konsens hat uns überrascht. Die Meinungsunterschiede lagen eher in Glaubensfragen – ob letztlich alles Politik sei und es somit Illusion sei, unpolitische Literatur schreiben zu können, wurde von Monsiváis und Roque Baldovinos unterschiedlich bewertet. Wenn man sich darüber einig ist, daß Literatur moralische Werte zu wahren und zu stützen habe, dann ist die Diskussion zweitrangig, ob man damit Politik macht oder nicht. (Für welche Werte sich nun einzusetzen wäre, blieb hingegen weitgehend offen.)
Überraschend ist der Konsens vor allem aus einem Grund. Wenn Literatur heute eigentlich aufklärend, infragestellend, aufrüttelnd und wertbewußt sein soll, dann verliert die spielerische, unterhaltsame, den Menschen in seinem So–Sein bestätigende und bestärkende Tendenz an Gewicht. Natürlich schließt das eine nicht das andere aus, nur: In den Beiträgen hat es niemand eingefordert.

Es hat hingegen den Anschein, als sei gerade dies, als sei die Lust an gut erzählten Geschichten, an Leichtigkeit, Überraschung, ja Spannung derzeit viel mehr gefragt als das Richtungweisende, das man gerade an den Engagierten so schätzte. Ricardo Roque Baldovinos hatte darauf hingewiesen, daß „Literatur… eine immer nebensächlichere Rolle bei der Erweiterung des Horizontes der LeserInnen“ spielt.
Wenn das so ist – und der Blick auf Bestsellerlisten und viele Verlagsprogramme kann das bestätigen –, soll dann Literatur tatsächlich noch vor allem überzeugend sein, in dem Sinne von: die LeserInnen von mehr als der literarischen Qualität des Buches überzeugend? Ist gute Literatur, die Veränderungen fordert und den Blick auf die „wirklichen“ Verhältnisse schärfen will, nicht eine Donquichotterie?
Wir meinen die Frage nicht rhetorisch und haben keine Antwort im Futteral. Die angestoßene Debatte wollen wir dennoch mit dieser Ausgabe beenden. Es sei denn, Sie melden zu dem versammelten Konsens Ihren Widerspruch an.

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