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Kollektive Demenz?

Ein Erdbeben Stärke 12 auf der nach oben offenen Ethik-Skala erschütterte Chile Anfang Juli. Bis jetzt wurde die Zahl der Opfer auf dem unsichtbaren und stillen Territorium nicht ermittelt. Ich glaube, Klagen zu vernehmen, aber vielleicht irre ich mich, und es handelt sich nur um das Echo meiner eigenen. Ich befühle meine blutenden Wunden. Sie fingen an, stärker weh zu tun, als ich durch eine Agenturmeldung aus Deutschland erfuhr, dass der Naziverbrecher Friedrich Engel zu sieben Jahren Haft verurteilt wurde. Er hatte während des Zweiten Weltkriegs ein Massaker an 59 Italienern befohlen. Der SS-Chef von Genua wurde mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Massaker verhaftet. Der Gerichtsprozess dauerte zwei Monate, seine Schuld wurde bewiesen, und er wurde verurteilt. Auf Grund seines hohen Alters von 93 Jahren setzte das Gericht die Vollstreckung der Strafe aus. Ich gehe den kurzen Text aus Hamburg noch einmal durch, und mir kommen dabei meinen chilenischen Schmerzen wieder in den Sinn, hervorgerufen durch die sich ausbreitenden Wellen von Kumpanei, Feigheit und Unfähigkeit. Da ist sie, die offene und schmerzende Wunde, die mir der Oberste Gerichtshof meines Landes zugefügt hatte, als er entschied, dass der General Pinochet „unter geistiger Verwirrung leide, gemeinhin bekannt als gefäßbedingte Demenz“. Diese verhindere, dass ihm für seine Verbrechen der Prozess gemacht würde. Dann berühre ich den Knochenbruch, den mir die konstitutionellen und faktischen Mächte zugefügt hatten, als sie sich in aller Eile zusammenrafften, um zu verhindern, dass dem gewitzten Ex-Diktator in den Sinn käme, im Senat vorstellig zu werden und seinen Sitz als Senator auf Lebenszeit zu beanspruchen. Ihre Befürchtungen waren begründet, wenn man sich erinnert, dass Pinochet im März 2000 auf einen Schlag seine geistige Klarheit wiedererlangte, kaum dass er nach 504 Tagen Londoner Arrest wieder einen Fuß auf chilenischen Boden gesetzt hatte. So dass der Senatspräsident, der katholische Kardinal und der Heereschef die „Operación Comando“ ins Leben riefen, welche – drei Tage nach dem Urteil des Obersten Gerichtshofs – den Rücktritt Pinochets aus dem Oberhaus erwirkte. Im Austausch, klar, schusterten sie ihm eine speziell auf ihn zugeschnittene Belohnung zu. In einer heimlich zu nennenden Parlamentssitzung an einem Samstag Ende März 2000: den „Status der Ex-Präsidenten“. So werden dem General Sonderrechte und eine Diät in Millionenhöhe gewährt, dazu eine Leibgarde der Streitkräfte. Das bedeutet: höchste Sicherheit und ein monatliches Einkommen – zusätzlich zu seiner Pension als Generalfeldmarschall – bis zum Ende seiner Tage. Ein üppiger „Preis“, der von meinen Steuern gezahlt wird, dieselben die ich Tag für Tag bezahle in der Hoffnung, dass damit Schulen und Krankenhäuser gebaut würden, um die Ärmsten meines Landes zu versorgen.
Aber das ist nicht alles. Den politischen Scharfsinn zur Schau stellend, mit dem er den Rücktritt erreicht hatte, gab der Senatspräsident Interviews aufs Geradewohl, um zu wiederholen, was ihm Pinochet gesagt hatte: „Ich bin nicht verrückt!“ Und um die Wahrheit dieser Aussage zu bekräftigen, schlugen sie uns mit dem Text seines Rücktrittsbriefes und dem gewaltigen Applaus der Mächtigen – hier zählt die Redundanz –, welche die geistvolle Geste Pinochets lobten. Die danteske Szene wurde von Pinochet selbst vervollständigt, der in seinem gepanzerten Mercedes zu seinem Büro fuhr, wo er mit einem Senator der Rechten ein Treffen abhielt, dem er seinen baldigen Besuch im Parlament ankündigte. „Er wusste ganz genau, an welchen Tagen der Senat tagte, und er versicherte mir, dass er mir Bescheid geben würde, wann er zum Kongress ginge“, erklärte der Senator selbstgefällig nach dem Treffen.

“Ich bin nicht verrückt!“
„Mama, wir wissen alle, dass es sich um eine Lüge handelt. Wir wissen alle, dass er nicht verrückt ist“, sagt mein ältester Sohn, Anwalt von Beruf, im Versuch meine Wunden zu schließen. Wir wissen es alle und, um daran keinen Zweifel zu lassen, er selbst bestätigt es und der Senatspräsident verkündet es: „Ich bin nicht verrückt!“ Mit der Lüge, die mir im Hals wie eine sperrige Gräte stecken bleibt, vertiefe ich mich in die Lektüre des Editorial des Mercurio, die mächtige Zeitung, welche die offizielle Geschichte meines Landes schreibt. Ich erwartete die Entfaltung von mitfühlenden Argumenten zum alternden und kranken General… und finde einen Freispruch! Wörtlich: „Durch die Verfahrenseinstellung aus Gründen der Gesundheit erfährt der General dennoch keine Gerechtigkeit, auch wenn sie seine Unschuld bekräftigt: die Unterwerfung unter einen Prozess beraubt den Angeklagten jedoch nicht seines Anspruchs auf die Unschuldsvermutung, der jedem Bürger zusteht, solange kein Urteilsspruch gegen ihn gefällt wurde.“ Es gab keine Strafe, also ist er unschuldig! Das Erdbeben hinterlässt ein von einer unauslotbaren Spalte geteiltes Chile. Auf der einen Seite befinden sich diejenigen, die glauben, dass der General unschuldig ist, dass er nichts von den Massakern und Folterungen wusste, dass alles das Werk mittlerer Chargen war, die bei ihren Aktionen über die Stränge schlugen. Auf der anderen Seite, sind wir, die wir glauben, das unsere Opfer sterben mussten, weil der Diktator eine Politik der Auslöschung anordnete, eine Politik des Staates, die Staatsbeamte und Mittel des Staates einsetzte.

Kumpanei der Mächtigen
„Mama, du irrst dich. Bei dir fehlen die gleichgültigen Chilenen, denen die Angelegenheit Pinochet egal ist. Ich versichere dir, die Mehrheit der heute unter 30-Jährigen ist bei dieser Angelegenheit nicht dabei“, erklärt mir mein Sohn. Und setzt fort: „Ich weiß, dass das bedauernswert ist, aber man muss es trotzdem als Realität akzeptieren.“ Wenn es so wäre, dann bliebe mir kein anderes Mittel mehr, als zu fragen, was passiert ist. Wie stark mag die Kumpanei der Regierung diese Gleichgültigkeit beeinflusst haben? Kumpanei war die Vereinbarung eines Übergangs, welche dem General Pinochet acht Jahre lang die Oberbefehlsgewalt über das Heer beließ. Kumpanei war, das Amnestiegesetz bestehen zu lassen, welches dem General Pinochet und seinen Mittätern Straffreiheit garantierte. Kumpanei war, ihn als Senator auf Lebenszeit zu akzeptieren. Kumpanei war, ihn zu verteidigen im Namen des Souveräns vor dem Londoner Gericht. Kumpanei war, der Welt gegenüber zu behaupten, Chile wäre in der Lage, ihm den Prozess zu machen, während im Geheimen Verhandlungen stattfanden. Kumpanei war, den Status der Ex-Präsident zu schaffen, um seinen Rückzug aus der politischen Arena zu erreichen, im Austausch für einen Prozessausgang, der seine Straffreiheit garantierte. Kumpanei war, ihm die Demütigung zu ersparen, erkennungsdienstlich erfasst zu werden, womit er der einzige Chilene wurde, der 29 Monate einem Gerichtsverfahren unterzogen wurde, ohne dass Strafakten angelegt wurden. Mehr und mehr kommt zusammen, und es geht weiter… Vielleicht erklärt diese Kumpanei der Mächtigen die „Gleichgültigkeit“ der Jüngeren gegenüber Pinochet. Und vielleicht erklärt es auch ein staatsbürgerliches Phänomen: um die 70 Prozent der unter 24-jährigen wollen sich nicht ins Wahlregister eintragen lassen, um ihre Repräsentanten in die Moneda und ins Parlament zu wählen. Vielleicht…

Gegen das Vergessen
Ich, mit meinem detailreichen Gedächtnis, das sich weigert Amnesietabletten zu schlucken, werde versuchen, meine Wunden zu schließen. Ich werde protestieren, soweit es mir möglich ist, gegen die konzertierte Aktion der Staatsgewalten. Ein Handeln, das uns der historischen Chance beraubt, der Wahrheit entgegen zu sehen und Gerechtigkeit herzustellen. Und uns darum beraubt, diese Gerechtigkeit in ein wirksames Werkzeug zu verwandeln, um eine Wiederholung des Völkermords zu verhindern. Und wie vor 14 Jahren, als ich das Schreiben von Los Zarpazos del Puma beendete, eine journalistische Nachforschung, die dem Richter Juan Guzmán als Datengrundlage diente, um gegen Pinochet zu ermitteln und ihn anzuklagen, halte ich mich an die Worte Solschenizyns, die ich auf der erste Seite zitierte: „Hätte ich doch mich ausruhen, entspannen, atmen gekonnt, aber die Verpflichtung den Toten gegenüber räumte mir keine Waffenruhe ein: Sie sind gestorben, du lebst. Erfülle deine Pflicht mit dem Ziel, dass die Welt all das erfährt.“ Die Welt erfuhr es. Jetzt gilt es, zu arbeiten, damit meine Kinder und die Kinder meiner Kinder, es nicht vergessen. Die Verpflichtung mit den Lebenden von heute und morgen lässt uns keine Zeit für eine Waffenruhe.

KASTEN:
Zur Person
Die chilenische Schriftstellerin und Journalistin Patricia Verdugo studierte Journalismus und Film in Chile, den USA und Kuba. Von 1969 – 1976 war sie Redakteurin der Zeitschrift Ercilla, von 1977 – 1986 Redakteurin der Zeitschrift HOY. Seit 1979 sind 15 Bücher von ihr veröffentlich worden. Darunter Interferencia Secreta (1998), in dem sie die Gespräche Pinochets mit seinen Leuten zum Sturz Allendes am 11. September 1973 veröffentlichte – mit CD. In ihren Büchern liefert sie Fakten zur Diktatur, Daten über Verschwundene und klagt die Schuldigen an. Ihr erstes Buch Detenidos-desaparecidos: Una herida abierta (1979) wurde während der Diktatur verboten. Wegen ihres Buches Rodrigo y Carmen Gloria: Quemados vivos wurde sie von Pinochet wegen Beleidigung der Streitkräfte vor einem Militärgericht angeklagt. Während der Diktatur lebte sie in Chile. Ihr Vater, Sergio Verdugo, ein Gewerkschaftsführer und Mitglied der Partido Democráta Cristiano, wurde 1976 verhaftet. Später fand man seine Leiche tot im Fluß Mapocho treibend. Sie selber wurde mehrfach anonym per Telefon und Brief bedroht. Ihr Buch Los zarpazos del puma, für das sie über die Todeskarawane von 1973 recherchierte, bei der zahlreiche Menschen von den Militärs ermordet wurden, diente als Beweismittel gegen Pinochet vor dem Spanischen Gericht und trug wesentlich zu seiner Festsetzung in London 1998 bei. Auch in Chile diente es als Beweis, um ihm sein Sonderrecht als Senator auf Lebenszeit abzuerkennen und ihn anzuklagen. Los Zarpazos del Puma ist noch immer das meistverkaufte Buch in Chile.

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