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Lateinamerika: Ein weites Feld

Sie haben in Ihrer Rede in der Paulskirche gesagt, daß die Literatur Entfernungen aufhebe. Die Literatur schlage eine Brücke zum anderen, zum fremdgegangenen „Ich“. Sie mache uns zu „Mittätern“. In Bezug auf die Botschaften, die in Ihrem jüngsten Prosawerk vermittelt werden: Kann Ihr Werk auch Brücken zu den lateinamerikanischen beziehungsweise chilenischen Lesern schlagen? Glauben Sie, daß Ein weites Feld Botschaften auch in Lateinamerika vermitteln kann, Botschaften, mit denen sich der Leser identifizieren kann?

Diese Geschichte, die ich in meinem Roman Ein weites Feld erzähle, ist zwar einerseits eine sehr deutsche Geschichte, aber da der Roman in der letzten Phase der deutschen Geschichte spielt, mit Teilung und Wiedervereinigung, so besteht doch eine Beziehung zu anderen Ländern. Denn es gibt in der Welt eine Vielzahl von Parallelen, bei denen es auch um Trennungen und Teilungen geht – wenn ich mir Südamerika ansehe mit den Grenzen, die die Kolonialmächte willkürlich eingerichtet haben, wie es dort aber zugleich eine gemeinsame Sprache, eine gemeinsame Geschichte, Vergangenheit gibt, was die früherern Bewohner Amerikas anbetrifft. Also ist das doch, glaube ich, übertragbar oder auch verständlich zumindest. Umgekehrt sagen mir die Bücher aus Lateinamerika viel. Ich halte sie für wunderbare Romane, die mich vom Stoff her interessiert haben, weil sie mir Fremdes und Fremdanmutendes nahegebracht haben. Ich glaube, daß diese vorzügliche Literatur in den letzten dreißig Jahren weit mehr für Lateinamerika an Werbung gebracht hat, als es Politik jemals schaffen kann, weil hier etwas vermittelt wird, was kein Politiker vermitteln kann. Die halten immer ihre Statements, müssen sie auch halten. Sind ihren Zwängen unterworfen, haben den nächsten Wahltermin und so weiter, während der Schriftsteller doch die sozialen Schichten der Gesellschaft darstellen kann. Er kann mit der Zeit umgehen, ihm ist es auch möglich, wie ich das auch oft mache, Gegenwart mit Vergangenheit zu unterlegen, zu durchmischen, Zukunft erscheinen zu lassen. Das sind alles Möglichkeiten der Literatur, die dazu verhelfen, daß weit entlegene Völker einander über die Literatur annähernd begreifen und verstehen lernen.

Glauben Sie, daß durch Ihren Roman in Lateinamerika ein neues Bild der Deutschen vermittelt wird?

Wovon handeln meine Bücher? Meine Bücher handeln von nicht vorhandener Toleranz und den Folgen. Mein erster Roman, Die Blechtrommel, führt in meine Heimatstadt Danzig, wo Polen, Deutsche, Juden und Kaschuben friedlich zusammenlebten, jahrzehnte-, jahrhundertelang. Und dann bricht die Barbarei aus. Die Toleranz wird aufgekündigt. Es kommt zum Totschlag. Unsere gegenwärtige Geschichte ist voll damit. Das Toleranzedikt wird nicht eingehalten, davon unter anderem handeln meine Bücher. Das betrifft ja nicht nur Ausländer im Umgang mit anderen. Wenn ich wieder auf mein Buch Ein weites Feld zurückkomme, sehen wir, wie sogar die Deutschen im Osten und Westen einander fremdgeworden sind und oft einander nicht tolerieren wollen. Das ist ein durchgehendes Thema. Ich glaube schon, daß das anderswo auch so verstanden wird. Wir stoßen überall, wo immer wir hinkommen, auf dieses Unvermögen, tolerant zu sein. Toleranz ist nicht nur etwas Weiches. Toleranz setzt auch voraus, daß man im sozialen Bereich Grundlagen für mehr Gerechtigkeit schafft. Nicht die Gerechtigkeit. Es sind immer die großen revolutionären Postulate, die im Grunde zu wenig oder zu nichts geführt haben. Aber ein Kampf für immer mehr Gerechtigkeit mit vielen Rückschlägen. Das ist „meine Programmatik“.

Viele gegenwärtige Autoren wie García Márquez oder Vargas Llosa neigen dazu, in ihren Werken bestimmte Elemente wie Figuren oder Landschaften mit ihren ursprünglichen Eigenschaften in immer wieder neuen Zusammenhängen zu verwenden. Gibt es solche durchgängigen Elemente auch in Ihren Romanen, Elemente vielleicht, die schon in der Blechtrommel vorhanden waren?

Ja, ich habe Oskar Matzerath in meinem Roman Die Rättin wieder aufgenommen. In meinen ersten drei Romanen ist ohnehin das „Personal“ immer wieder aus jeweils verschiedenen Perspektiven vorhanden. Mit dem letzten Roman ist es so, daß ich zum ersten Mal einen Berliner Roman geschrieben habe. Nachdem ich über 40 Jahre in Berlin gelebt habe, so lange hat es gedauert. Das ist eine ganz neue Umgebung, ein ganz neues Umfeld, aber dennoch gibt es natürlich Beziehungen zu dem weiten östlichen Raum.

García Márquez hat mehrmals betont, daß er von Ihnen auch gelernt hat. In Bezug auf seine Werke und im Vergleich zu Ihren Werken: Was halten Sie vom realismo mágico? Glauben Sie, daß diese Stilrichtung nur in der lateinamerikanischen Literatur zu finden ist, oder kann man sie auch im europäischen Raum finden? Genauer gesagt, auch in Ihren Werken, wenn man die Figur des Oskar Matzerath in der Blechtrommel bedenkt?

Das ist eine merkwürdige Geschichte. Ich bin in den Jahren 1956–1958 und 1959 in Paris gewesen. In der Zeit war auch García Márquez dort. Wir haben uns nicht getroffen.
Wir waren beide junge Autoren. Ich habe meine Blechtrommel geschrieben, er hat noch journalistisch gearbeitet, aber auch seinen ersten Roman, ich glaube Laubsturm, geschrieben. Er ist in Paris entstanden.
Wenn man genau überlegt, ist unser aller Stammvater in der Art, wie wir erzählen, dieser sogenannte magische Realismus. Er geht natürlich auf Cervantes zurück, auf den pikaresken Roman, auf diese wunderbare Mischung maurischer Erzählweise, also aus der Zeit der Besetzung Spaniens durch die Mauren, mit einer Tradition, die woanders herkam. Diese Art von Mischkulturen sind eigentlich die fruchtbarsten, dieser pikareske Roman ist bis heute virulent, lebendig geblieben – von dem die Spanier behaupten, daß er nur spanischer Herkunft ist, was sie ungerne hören, wenn man nachweist, daß die maurische Zutat zumindest genauso stark ist –. In vielen Literaturen genügt es dem Autor nicht, den sichtbaren, den tastbaren, den darstellbaren, den herkömmlichen Realismus zum Gegenstand zu machen, sondern er weiß, daß unsere Träume, unsere Phantasien, unsere Ängste genauso real sind, daß sie der andere Teil der Realität sind. Das ist in vielen lateinamerikanischen Romanen so. Aber es gibt diese Tradition auch in Europa, von Cervantes herkommend, und da berühren sich die beiden Kulturen.
(…)

In Ihrer Frankfurter Rede haben Sie von einem „latenten Fremdenhaß“ in Deutschland gesprochen, von einer „demokratisch abgesicherten Barbarei“ bei der Abschiebepraxis. Wie tief sitzen die Wurzeln des Faschismus in Deutschland? Haben sie sich wieder durch die Politik der vergangenen Jahre verstärkt? Können Sie sich eine besssere Kommunikation, weniger Reibungen zwischen Deutschen und Ausländern vorstellen, wenn sich die politischen Richtlinien verändern würden?

Ich bin sehr vorsichtig mit dem Gebrauch des Wortes Faschismus. Ich halte diese schlimmen Dinge, die gegenwärtig geschehen, zum Beispiel die Abschiebehaft, nicht für ein Anzeichen des Faschismus. Es ist eine Unduldsamkeit, eine Hysterie aus Fremdenhaß, die zumeist durch die leichfertigen Sprüche von Politikern immer wieder aufgeheizt wird. So was kann vielleicht Ursache mit anderen Ursachen zusammen eines neu entstehenden Faschismus sein, aber das ist weltweit so. Die Tatsache, daß in einem Rechtsstaat 4000 Menschen in Abschiebehaft sitzen, die nichts Kriminelles getan haben, ist ein Unding, darauf habe ich hingewiesen. Deshalb habe ich das eine Barbarei genannt, die mich natürlich erinnert an größere Barbareien, die in Deutschland während der Zeit des Faschismus Ausdruck der Politik waren.
(…)

Es gibt ja nicht nur in Deutschland und Europa rassistische Vorurteile, sondern auch in Lateinamerika, und zwar in erster Linie gegen die indigenen Völker. Wodurch entsteht Ihrer Ansicht nach Rassismus in Lateinamerika? Glauben Sie, daß die Konsumgesellschaft, die von den USA importiert wurde, eine wichtige Rolle dabei spielt?

Das hat jeweils andere geschichtliche Hintergründe, ganz Lateinamerika ist über Jahrhunderte Kolonie gewesen. Der Befreiungskampf von den Kolonialherren hat eine neue Schicht hervorgebracht, die wieder andere unterdrückt hat. Lateinamerika hat einen ganz anderen historischen Werdegang als Europa.
Ich kann mit solchen Schlagwörtern wie Konsumgesellschaft sehr wenig anfangen. Sie sind sehr undifferenziert. Ich kenne die Gefahren, die in der Konsumwerbung stecken. Ich weiß aber auch, daß es Möglichkeiten gibt, sich gegen sie zu wehren. Man muß ja die Werbung nicht wahrnehmen. man kann nach seinen eigenen Bedürfnissen leben und nicht nach dem, was die Werbung vorschreibt.
Wir haben so eine Neigung, die insbesondere im linken Bereich entwickelt worden ist, immer die Verhältnisse für schuldig zu erklären. Das ist eine andere Art der Entmündigung. Wir haben nach wie vor unseren freien Willen. Natürlich üben die Vereinigten Staaten auf Lateinamerika einen ungehörigen und gelegentlich brutalen politischen Druck aus. Es steht aber dennoch in der Verantwortung der lateinamerikanischen Regierungen und damit auch der Bevölkerung, diesem Druck nachzugeben oder sich dagegen zu wehren. Die Verantwortung an den oft desolaten Zuständen in Lateinamerika kann man nicht einseitig den Amerikanern und dem Konsum zuschieben. Da ist zuviel geschehen, was allein auf die Verantwortung der lateinamerikanischen Regierungen zurückzuführen ist. In Afrika ist sicherlich die willkürliche Grenzziehung der Kolonien ein übles Erbe der Kolonialherrschaft. Aber das wissen wir nun mittlerweile seit 50 Jahren, also fällt das in die Verantwortung der Afrikaner und ihrer Regierungen, wenn sie so schlecht miteinander umgehen. Man kann nicht dauernd als bequeme Ausrede den Kolonialismus, der schon längst überwunden ist, politisch zumindest für schuldig erklären und damit seine eigene Ohnmacht manifestieren. Das sind die Widersprüche, die wir haben, und das ist in Europa ja nicht anders. Wir neigen auch zu bequemen Ausreden.

Im Moment ist sowohl in Chile als auch in der Bundesrepublik das Thema der „Colonia Dig-nidad“ sehr wichtig. Man weiß, daß in der Colonia schwere Verletzungen der Menschenrechte begangen wurden. Glauben Sie, daß die Bundesrepublik in der Lage wäre, einen stärkeren Druck auf die chilenischen Behörden auszuüben? Immerhin herrscht in Chile bis jetzt eine eher nur formale Demokratie.

Ich begreife nicht ganz, warum nicht die chilenische Regierung souverän genug sein sollte, von sich aus zu handeln. Sie braucht doch dazu nicht die Zustimmung der Bundesrepublik. Wenn auf dem Boden Chiles seit Jahren so etwas stattfindet und sich das auch nach dem Sturz von Pinochet fortsetzt, liegt es in erster Linie in der Verantwortung der chilenischen Regierung, diesen Terror zu beenden. Wie geschickt oder ungeschickt sich die deutsche Regierung dazu verhält, ist zweitrangig. Natürlich wäre es wünschenswert, wenn die bundesdeutsche Regierung auch in diese Richtung drängen würde, und wenn sie es nicht tut oder nicht ausreichend tut, ist es Sache der chilenischen Regierung, dort den Leuten einen Prozeß zu machen und das zu schließen und zu beenden.
In Bezug auf die formalen Demokratien: Das trifft auch auf Deutschland zu. Wir sind immer noch auf dem Weg, eine Demokratie zu werden. Es gibt viele Anzeichen dafür, daß die Bundesrepublik nur eine formale Demokratie ist. Wenn ich mich frage, wer regiert in der Bundesrepublik, ist es die Bundesregierung oder ist es die Deutsche Bank, bin ich nicht so sicher, wer die Entscheidungen trifft. Das gibt es in anderen Ländern auch. Mal so oder mal so ausgeprägt.

Glauben Sie, daß Literatur, daß Kunst Maßstäbe im Umgang mit Minderheiten, mit Fremden setzen und in den Köpfen der Menschen etwas verändern kann? Ist das nicht zuletzt auch das Ziel Ihres Werkes?

Das ist sicher die unterschwellige Absicht der Literatur. Ich glaube nicht, daß der Autor sich hinsetzt und sagt, jetzt schreibe ich einen Roman, um den verfolgten Kurden zu helfen oder um für die Sinti und Roma hier in Deutschland mehr Gerechtigkeit zu schaffen. Ich habe eine Stiftung gemacht zugunsten der Sinti und Roma. Aber ich kann das Thema – damit sind wir am Anfang des Gespräches – Toleranz in den Mittelpunkt meines Schreibens stellen und erzählen, was geschieht, wenn es keine Toleranz gibt. Unsere Geschichte ist leider reich an Beispielen dafür.

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