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Vom Exil, das dauert

Etwa vierzigtausend Menschen sollen es gewesen sein, die Chile nach dem Putsch vom 11. September 1973 als politische Flüchtlinge verlassen haben. Das langjährige Exil als Massenerfahrung mag zwar im Einzelnen sehr unterschiedlich ausgesehen haben. Doch die Biographien stimmen darin überein, dass eine Rückkehr nach Chile mit außerordentlich hohem Risiko verbunden gewesen war. Auch wenn es in den achtziger Jahren für viele leichter wurde: Noch 1984 gab die chilenische Regierung eine Liste mit knapp 5.000 Namen heraus, die explizit nicht einreisen durften. Erst 1988, als sich die Demokratisierung abzeichnete, wurden die Rückkehrverbote aufgehoben.
Das Exil hat auch in der Literatur Spuren hinterlassen. Erinnert sei stellvertretend für viele an einen 1986 erschienenen Roman, der heute zu Unrecht fast vergessen ist: Die Große Stadt des in die DDR geflohenen Omar Saavedra Santis. Die Chronik der „Großen Stadt“ Santiago de Chile während der Ära Allende endet damit, dass der Protagonist Federico „an irgendeinem Ort auf der anderen Seite des Ozeans sein Gedächtnis unter unmessbarem Schmerz strapaziert“, um nichts zu vergessen, was sich in jenen drei Jahren zugetragen hat.
Hier scheint eine Grundhaltung des Exilschriftstellers formuliert zu sein: Der Ort, an den es einen verschlagen hat, ist nur „irgendein“ Ort und beliebig austauschbar, und der Blick richtet sich rückwärts, räumlich wie zeitlich. Aber wann und wie ändert sich diese Haltung, wenn irgendwann klar wird, dass das Exil andauert?
Es mag Zufall sein, dass in den letzten Monaten drei chilenische Bücher erschienen sind, die sich mit dieser Frage beschäftigen. Jorge Edwards‘ Faustino wurde schon 1987 geschrieben, hat aber erst jetzt den Weg in einen deutschen Verlag gefunden. Es spielt 1986 im exilchilenischen Milieu Berlins. Faustino Piedrabuena hat die graue Mangelwirtschaft im Ostteil der Stadt genauso satt wie die Linientreue seiner Genossen. Um so bereitwilliger lässt er sich durch die Annehmlichkeiten des Westens verführen und folgt einer halbseidenen Person namens Apolinario Canales in die Gourmetabteilung eines Warenhauses und ins Edelbordell. Faustino bekommt jeden Wunsch erfüllt, auch den für einen Exilierten vielleicht sehnlichsten, nach Chile zu reisen.
Edwards schildert in einer Mischung aus Traumreise und Thriller, wie sie mit einem Helikopter in einem abgelegenen Krankenhaus landen, sich nach Santiago vorarbeiten – und wie Faustino sogar seine Tochter wiedersehen darf. Der Preis: In einem mephistophelischen Pakt verlangt Apolinario-Teufel von Klein-Faust nicht etwa die Seele, sondern die Vergangenheit. Was er dafür bekommt, ist – neben der VIP-Behandlung – eine ganz besondere politische Aufgabe: Er soll sich als ein für alle annehmbarer Pinochet-Nachfolger in Chile positionieren und das Land aus der Diktatur führen.
Das klingt alles etwas angestrengt und wird verständlicher, wenn man sich Jorge Edwards‘ Biographie anschaut. Seit 1978 lebte der Schriftsteller-Diplomat wieder in Chile, und er wollte damals tatsächlich mit Pinochet über einen Ausweg aus der Diktatur verhandeln. 1986/87 hingegen, als Stipendiat in Berlin, hat er sich mit dem Fauststoff befasst und an der Realität der geteilten Stadt mit ihrer großen chilenischen Exilgemeinde nicht vorbeischauen können. Heute mag man Edwards dennoch nicht mehr durch die schwer überschaubaren Handlungsstränge und Deutungsebenen folgen: Die Exegese, die zu Zeiten von Pinochet noch hätte interessant sein können, ist heute schlicht unerheblich.
Auch Carla Guelfenbeins Roman Die Frau unseres Lebens, bei Erscheinen 2005 in Chile ein Bestseller, nimmt es mit dem Exil im Sommer 1986 auf. An der Universität von Essex bahnt sich eine Dreiecksbeziehung zwischen dem englischen Politikstudenten Theo und den Exilchilenen Clara und Antonio an. Wohl teilen die drei dasselbe politische Interesse am Widerstand gegen Pinochet – Antonio und Clara aus leidvoller Erfahrung, Theo eher aus journalistischen Gründen -, das Interesse an der schönen Tänzerin Clara teilen die beiden Männer aber mit mindestens ebenso großer Vehemenz. Antonio, dessen Bruder als studentischer Oppositionsführer in Chile ermordet wird, besorgt sich einen falschen Pass und will sich dem chilenischen Widerstand anschließen. Soll Theo den Freund an diesem riskanten Vorhaben hindern, um ihn zu retten? Darf er in Antonios Schicksal so entscheidend eingreifen oder nicht? Und was heißt das für die Liebe zu Clara?
Guelfenbein versucht sich am großen Thema des Verhältnisses von Politischem und Privatem, das sie gegeneinander abwägen will – und scheitert deutlich. Nicht etwa, weil sie das Politische denunziert, was durchaus im Zeitgeist läge, im chilenischen insbesondere. Gerade hier gelingen ihr interessante Passagen, etwa wenn Theo an einer Kundgebung teilnimmt und sich nicht recht zugehörig fühlt. Nein, Guelfenbein denunziert das Private, indem sie es banalisiert. Im Stile einer schlechten Ratgeberzeitschrift wird hier über Gefühle schwadroniert, von Geheimnissen gemurmelt und das Wesen der Dinge erschaut. Höhepunkt des Kitsches: Antonio, der dann wirklich an der Einreise nach Chile gehindert wurde, verliert Jahre später sein Leben doch noch, er wird von einem Motorboot überfahren, als er ein kleines Mädchen retten will. Und Theo gibt seinen Job als Kriegsreporter auf, um sich mehr um seine Tochter zu kümmern. Letzter Satz des Romans: „Die ziellosen Zeiten waren zu Ende.“ Richtig, Frau Guelfenbein, künftig steuern wir an Ihren Büchern zielgerichtet vorbei.
Auf keinen Fall übersehen sollte man hingegen Roberto Bolaños Exil im Niemandsland, das im Untertitel nicht ganz zutreffend „Fragmente einer Autobiographie“ heißt – „Aufsätze und Reden“ nennt man so ein Buch üblicherweise. Auch fehlen außer den Entstehungsjahren alle Quellenangaben zu diesen Gelegenheitstexten. Ansonsten ist das Buch aber von einer ansteckenden geistigen Frische, die wieder einmal deutlich macht, wie schmerzlich der Verlust des 2003 mit nur fünfzig Jahren gestorbenen Bolaño ist.
Die ersten Sätze des Eingangstextes „Exile“ stehen da wie in Stein gemeißelt: „Ins Exil zu gehen bedeutet nicht, dass man verschwindet, man macht sich klein, reduziert sich, langsam oder in rasender Geschwindigkeit, bis die wahre Größe erreicht ist, die wahre Seinsgröße.“ Und: „Alle Literatur trägt das Exil in sich, egal, ob sich der Schriftsteller mit zwanzig Jahren aus dem Staub machen musste oder nie sein Haus verlassen hat.“
Bolaños Exil in der Literatur bedeutet Befreiung, nicht Gefängnis, und er hält mit seinen Freiheitshelden nicht hinterm Berg. Genauso pointiert wie über Lichtenberg, Swift, Borges und Arlt äußert sich Bolaño aber auch über Chile („Manchmal habe ich das unselige Gefühl, dass der 11. September [1973, Anm. d. Red.] uns unwiderruflich dressiert hat“) oder über seine Wahlheimat Blanes an der katalanischen Costa Brava, die zivilisierte Stadt der Emigranten und Touristen. Fragmente allesamt, die nicht ohne Rest aufgehen – wie das Exil, wie das Leben. Dieser literarische Exilort Blanes ist nicht, wie bei Saavedra Santis, „irgendein“ Ort, und Bolaños Blick ist nicht rückwärtsgerichtet, sondern schließt die Vergangenheit mit ein und schweift durch die Gegenwart.

Omar Saavedra Santis: Die Große Stadt. Aus dem Spanischen von Leni López. Mit einem Nachwort des Autors von 2001 // Edition Schwarzdruck // Berlin 2002 // 358 Seiten // 20 Euro.
Jorge Edwards: Faustino. Aus dem Spanischen von Sabine Giersberg // Verlag Klaus Wagenbach // Berlin 2008 // 188 Seiten // 18,90 Euro.
Carla Guelfenbein: Die Frau unseres Lebens. Aus dem Spanischen von Thomas Brovot // Insel Verlag // Frankfurt am Main 2008 // 300 Seiten // 19,90 Euro.
Roberto Bolaño: Exil im Niemandsland. Fragmente einer Autobiographie. Aus dem Spanischen von Kirsten Brandt und Heinrich v. Berenberg // Berenberg Verlag // Berlin 2008 // 153 Seiten // 19 Euro.

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