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Lokaler Wandel mit globaler Wirkung

Wer Interesse am gegenwärtigen Venezuela hat, kommt an rudimentären Geschichtskenntnissen kaum vorbei. Bezüge zu historischen Persönlichkeiten und Ereignissen sind allgegenwärtig im Diskurs von Präsident Hugo Chávez. Allem voran steht der Kult um den Befreier Simon Bolívar, der seit Mitte des 19. Jahrhunderts praktisch von jeder politischen Strömung im Land vereinnahmt wurde. Mit seinem neuen Buch „Von Bolívar zu Chávez. Die Geschichte Venezuelas“ legt der Kölner Geschichtsprofessor Michael Zeuske einen perspektivenreichen Überblick über Geschichte und Gegenwart sowie die Gegenwart der Geschichte Venezuelas vor. Dabei spannt er den Bogen zunächst von der Jahrtausende alten indigenen Besiedelung über die Kolonialzeit bis zu den Unabhängigkeitskriegen. Es wird deutlich, dass viele der Probleme, mit denen Venezuela noch heute konfrontiert ist, bereits bei der Staatsgründung 1830 bestanden und sich seitdem noch verschärft haben. Die Eliten trieb seit jeher die latente Angst vor der bedrohlichen Mehrheit der dunkleren Unterschichten um, deren Kultur vor 1999 bestenfalls als Folklore akzeptiert wurde.
Der Autor führt die LeserInnen durch das kriegerische 19. Jahrhundert, durch Elitenkonflikte, die Zeit regionaler Caudillos und Bauernaufstände bis ins 20. Jahrhundert hinein, in dem das Erdöl zum wichtigsten Exportprodukt avancierte. Von der Etablierung einer unproduktiven Rentenmentalität und der Zerstörung der kleinbäuerlichen Landwirtschaft hat sich Venezuela bis heute nicht erholt. Nach 1958 erschufen die Eliten unter Ausschluss radikaler linker Kräfte eine paktierte Demokratie, die dem Land bis in die 1980er Jahre hinein klientelistisch abgesicherte Stabilität bescherte, die allerdings unter massiver Repression etabliert wurde. Während sich die Eliten dank hoher Erdölpreise in den 1970er Jahren bereits in der „Ersten Welt“ angekommen sahen, führte die wirtschaftliche und soziale Krise der 1980er und 1990er Jahre zu einer rapiden Delegitimierung des Systems. 1989 tötete das Militär tausende Menschen nach antineoliberalen Plünderungen. Drei Jahre später scheiterte der Putsch eines gewissen Comandante Chávez, der 1998 schließlich legal durch Wahlen an die Macht kam. Er band die zuvor marginalisierten Bevölkerungsgruppen in einen von Sozialprogrammen flankierten, partizipatorischen Prozess ein, der trotz gewaltsamer Gegenwehr der alten Eliten bisher nicht gestoppt werden konnte. Aufgrund der Geschichte räumt Zeuske Chávez‘ Diskurs gegen die Oligarchen, „einige Berechtigung“ ein, während das schnell aufgeklebte Populismus-Etikett letztlich mehr verdecke als enthülle.
Der Autor zeigt viele Erfolge des chavismo auf, weist aber auch auf zahlreiche Unzulänglichkeiten hin, ohne jedoch tiefer ins Detail zu gehen. Die Stärke des Buches liegt in der geschichtlichen Einordnung der Ära Chávez, die dem Autor mit dem gekonnt-weitläufigen Blick eines Historikers glänzend gelingt. Er sieht im bolivarianischen Prozess eine „Reformrevolution, die im Kern integrativ und partizipativ ist“ und deren Zukunft zwischen autokratischer und demokratischer Weiterentwicklung noch offen sei.
Zudem vermutet Zeuske eine globale Wirkung des bolivarianischen Venezuelas, da sich dort gezeigt habe, „dass linke und soziale Themen mehrheitsfähig sind“. Auch in diesem Sinne verspricht das Buch also Erkenntnisgewinne und anregende Lektüre. Nicht nur, um die historischen Bezugspunkte im heutigen Venezuela besser deuten zu können.
// Tobias Lambert

Michael Zeuske // Von Bolívar zu Chávez. Die Geschichte Venezuelas // Rotpunktverlag // Zürich // 2008 // 620 Seiten // 34 Euro

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