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Medellín – 30 Jahre danach

1968 war ein Jahr des Aufbruchs. Nicht nur die protestierenden StudentInnen in Mexiko-Stadt, Paris oder West-Berlin spürten den Wind der Veränderung auf ihrer Seite. Auch in der katholischen Kirche gerieten jene Kräfte zumindest vorübergehend in die Defensive, die sich einer weltabgewandten Theologie verschrieben hatten, jeglichen Neuerungen ablehnend gegenüber standen und sich – ob beabsichtigt oder unbeabsichtigt – immer wieder zu Komplizen der bestehenden Strukturen von Ungerechtigkeit und Ausbeutung machten.
Grossen Einfluß bekam die „Option für die Armen“ in Lateinamerika. Die Bischofskonferenz von Medellín im Jahre 1968 wurde zum Synonym für diesen Aufbruch. Die dort formulierten Texte hatten weitreichende Folgen: Indem die versammelten Bischöfe von der gesellschaftlichen Realität ausgingen, sich auf die Seite der Armen stellten und aus deren Perspektive die soziale Ungerechtigkeit und die „institutionalisierte Gewalt“ als Sünde anklagten, wurde erstmals das offiziell und lehramtlich legitimiert, was später als lateinamerikanische Befreiungstheologie weltweit bekannt geworden ist.
Mit einer bis dahin unbekannten Radikalität forderte ein lateinamerikanischer Kirchenvertreter 1968 Veränderungen innerhalb der Gesellschaft ein: „Angesichts der ‘Tyrannenmacht’ wirtschaftlicher und politischer Ausbeutungssysteme, die nun während Jahrhunderten herrschen, tritt eine nicht geringe Zahl aufgeschlossener Laien und Priester ganz offen für die gegenteilige Meinung ein und plädieren für eine gewaltsame Revolution. Sie fragen sich ehrlich: ‘Handelt es sich wirklich nur um eine Versuchung, solches gegen menschliche Würde verstoßendes Unrecht mit Gewalt zu beseitigen (wie der Papst schreibt), oder handelt es sich nicht vielmehr und an erster Stelle um eine aus der offenbaren Not der Stunde geborene schwere Gewissensverpflichtung, um der Gerechtigkeit und der Liebe nach besten Kräften und mit allen Mitteln, auch mit denen der Gewalt, zum Siege zu verhelfen?“
Diese Sprache, vor allen Dingen die „Entscheidungssituation“ für oder gegen eine gewaltsame Revolution ist uns heute, nur 30 Jahre später, fremd geworden – obwohl sich die soziale Situation nicht entspannt hat, sondern statt dessen die Schere zwischen arm und reich durch die Hegemonie des Neoliberalismus noch weiter auseinandergegangen ist.
Auch in der Kirche – nicht nur Lateinamerikas – sind Stimmen des Aufbruchs fast gänzlich verstummt bzw. zum Verstummen gebracht worden. 30 Jahre nach Medellín werden uns „revolutionäre Ideen“ meist nur mehr von der Werbebranche nahegebracht, jedes noch so überflüssige Produkt will verkauft sein. Befreiungstheologie und Basisgemeinden scheinen höchstens noch etwas für das Ideologiemuseum zu sein. In den Regalen der theologischen Abteilungen, in denen noch vor 15 Jahren befreiungstheologische Werke standen, finden sich heute Eheratgeber, Handbücher für Sakramentenvorbereitung und Esoterik-Literatur.
Unser Blick auf 30 Jahre Medellín ist jedoch keineswegs ein nostalgisches Schwelgen in der „guten alten Zeit“, eine Verklärung der damaligen Situation liegt uns fern. Es geht uns um Geschichtsbewußtsein, vor allem aber auch darum, die Verbindungslinien zwischen dem Aufbruch von Medellín und den Kämpfen fortschrittlicher Kirchenleute und Mitgliedern von Basisgemeinden heute aufzuzeigen.
Denn auch wenn von Theologie der Befreiung kaum noch gesprochen wird und Themen an Bedeutung gewonnen haben, die vor 30 Jahren nur von geringem Interesse waren, eine befreiende Theologie ist auch heute noch viel lebendiger als sich das Papst Johannes Paul II, Kardinal Ratzinger und andere wünschen. Auch davon vermittelt dieser Schwerpunkt einen Eindruck.
PS: Diese Ausgabe ist eine Gemeinschaftsproduktion des Instituts für Theologie und Politik in Münster und der Lateinamerika Nachrichten in Berlin.

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