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Mollis, Meinung und Musik

Yuan Lin macht wieder ein schlechtes Geschäft. Der größte Supermarkt der Andenstadt Mérida muss bereits den dritten Tag in Folge seine Türen geschlossen lassen. Er liegt an der Hauptverkehrsstraße Avenida Las Américas, nahe der Kreuzung, von der aus die große Brücke hinüber zum Stadtzentrum führt. In derselben Straße wie Yuan Lin befinden sich auf einer Anhöhe die geistes-, rechts- und wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten der Universität der Anden ULA, einer der großen staatlichen Universitäten Venezuelas.
Autos fahren dort heute nicht. Stattdessen stürmt in gewisser Regelmäßigkeit ein Pulk Studierender den Berg hinunter, auf die Kreuzung zu. Viele zeigen offen ihr Gesicht, einige verdecken es mit ihrem T-Shirt. Manche rufen: „Wer sind wir? Studierende! Was wollen wir? Freiheit!“
Barrikaden werden angezündet, brennende Reifen rollen den Berg hinunter. Ein Regen aus Steinen, Flaschen und Molotowcocktails prasselt auf die in klarer Unterzahl an der Kreuzung postierten PolizistInnen nieder. Diese antworten mit Tränengas und Gummigeschossen. Manche werfen auch mit Steinen zurück. Anstalten, jemanden verhaften zu wollen, machen sie hingegen nicht. Die zahlreichen Schaulustigen, die sich an der Kreuzung versammelt haben, jubeln jedes Mal, wenn den Studierenden ein Treffer gelingt. Kurze Zeit später flüchten die Studierenden in Tränengaswolken gehüllt den Berg hinauf, um nach einer Ruhepause erneut hinunterzustürmen. Ein wenig erinnert das Spektakel an einen Sportevent, bei dem die Studierenden das Heimspiel austragen.
Der Event hat nicht nur in Mérida Tradition. Waren es früher vor allem linksgerichtete Studierende, die gegen konservative Regierungen und die Repression der Polizei protestierten, wehren sich die Studierenden heute gegen die von Staatspräsident Hugo Chávez und dessen AnhängerInnen geplante Verfassungsreform. Über diese wird am 2. Dezember dieses Jahres per Referendum abgestimmt. Die Reform würde Venezuela de jure als „sozialistischen Staat“ festschreiben und enthält sowohl Artikel zur Stärkung des Präsidenten als auch der partizipativen Demokratie. Die Studierenden lehnen vor allem die vorgesehene Aufhebung der Wiederwahlbeschränkung des Präsidenten ab. Zudem sehen sie die Autonomie der Universitäten in Gefahr, die es etwa der Polizei verbietet, das Universitätsgelände zu betreten.
Während sich oppositionelle Studierende und Polizei auf der anderen Seite der Brücke bekämpfen, haben sich Dutzende chavistas auf dem zentralen Platz der Stadt, der Plaza Bolívar, versammelt. Die Stimmung ist ausgelassen. Ab und zu werden Feuerwerkskörper gezündet. Aus stattlichen Boxen dröhnt der chavistische Wahlkampfhit Ahora Sí (Jetzt ja) in Endlosschleife. Das Lied klingt wie eine sozialistische Version von Matador, dem Klassiker der argentinischen Band Fabulosos Cadillacs. Wer die Plaza im Auto passiert hat keine Wahl. Quer über die Straße hängende rote Fahnen verzögern die Weiterfahrt und sämtliche Heckscheiben werden unter lautem Jubelgeschrei mit einem großen „Sí“ verschönert. Nicht wenige AutofahrerInnen zeigen sich genervt.
An der Universität geht derweil der studentische Alltag im Großen und Ganzen weiter. Das Universitätsgelände wirkt wie eine große Parkanlage. Die Wege sind von blühenden Bäumen gesäumt, Vögel zwitschern und mehrere Gärtner kümmern sich um das Grün. Nur die vielen Plakate, die zum Widerstand gegen die Verfassungsreform aufrufen, erinnern daran, dass nicht allzu weit entfernt der Ablehnung der Reform mit Steinen Nachdruck verliehen wird. Im Café sitzen Studierende, die Fruchtshakes und Kaffee trinken, an der universitätseigenen Plaza Bolívar werden Mobiltelefone vermietet.
„Die Reform? Im Prinzip enthält die Reform auch gute Sachen“, erklärt José, der an der ULA gerade sein Jurastudium abschließt. „Den informell Beschäftigten Zugang zum Sozialversicherungssystem zu gewähren zum Beispiel. Aber gerade der Artikel 230, der die unbeschränkte Wiederwahl des Präsidenten ermöglicht, das ist nicht gut in einem Präsidialsystem.“
Der Kriminologie-Student Nils ist anderer Meinung. „Was die Amtszeit des Präsidenten angeht, finde ich, er sollte so lange an der Macht bleiben, wie die Bevölkerung es will. Denn sie entscheidet hier, nicht einfach nur eine Elite“, sagt der 21-Jährige, der das chavistische Projekt gegen eine oppositionelle Mehrheit an der Uni verteidigt. „Die Studierenden sollten in die Barrios und in die Dörfer gehen, anstatt die Avenida Las Américas zu blockieren. Die Gewalt führt nur zu immer mehr Polarisierung. Was fehlt, ist eine Debatte zwischen beiden Seiten“, fügt er hinzu.
Die Jurastudentin Leonie hingegen sieht durch die Reform nicht nur für die Universitäten des Landes Nachteile: „Ich bin der Meinung, die Verfassungsreform ist vollkommen verfassungswidrig und verletzt natürliche Rechte. Außerdem wird sie die universitäre Autonomie abschaffen“. Leonardo wiederum unterstützt die Reform als überzeugter Chavist. Er habe den Text zwar nicht komplett gelesen, da er „kein Politiker“ sei, unterstütze aber den Prozess im Land und die geplanten Änderungen. „Mit der Reform wird die Stimme der Studierenden ebensoviel zählen wie die der Professoren. Das ist für mich Demokratie. Deshalb Sí, Sí, Sí zur Reform“, sagt der Sportstudent und lacht.
Später am Abend erinnern auf der Kreuzung nur noch Brandflecken und notdürftig zur Seite gekehrte Flaschen und Steine an die gewaltsamen Auseinandersetzungen vom Nachmittag. Die Polizei hat sich zurückgezogen. Die lange Wand gegenüber vom Yuan Lin, die bis dahin mit sozialistischen Parolen versehen war, wird gerade von Studierenden weiß überstrichen und anschließend mit dem Schriftzug „No a la reforma“ bepinselt.
Wenige Blocks entfernt befindet sich die Nobeldisko La Cucaracha, die von chavistas in der Regel gemieden wird. Hier sollen die Veteranen des venezolanischen Ska, Desorden Público (Öffentliche Unordnung), auftreten, die mit ihren sozialkritischen Texten eher im linken Spektrum anzusiedeln sind. Vor der Diskothek stehen zwei Damen mit blond gefärbten Haaren, die hautenge Anzüge tragen, auf denen in großen Lettern der Schriftzug einer Brauerei prangt. Das Innere erinnert an eine Mischung aus Großraumdisko und Sportbar. Auf Großbildschirmen laufen den ganzen Abend Surfvideos, von der Decke hängen Rennwagen und die weiblichen Gäste sehen aus, als würden sie an einem Schönheitswettbewerb teilnehmen anstatt ein Ska-Konzert zu besuchen. Die ohrenbetäubende Reggaeton – Musik wird vom DJ gelegentlich für kurze Werbepausen unterbrochen: „Regional – das Bier, das den Ton angibt“.
Mit den ersten Gitarrenklängen der Band gehen unzählige Fotohandys in die Luft. Nur auf den Zehenspitzen lässt sich ein Blick auf die Musiker erhaschen. Nach einigen Liedern ruft der Sänger ins Mikrofon: „Wir sind Desorden Público und wir haben gehört hier in Mérida gibt es auch jede Menge öffentliche Unordnung!“ Die Menge jubelt. Und zu dem Ska-Beat der grinsenden Band darf nun die dort versammelte Oberschicht den Sprechchor „Se va caer, se va caer, este gobierno se va caer“ anstimmen. Das bedeutet in etwa so viel wie „Wir werden diese Regierung stürzen“.
Am nächsten Morgen bleibt es auf der Kreuzung friedlich – samstags scheinen auch hier die Studierenden ihr Wochenende genießen zu wollen. Stattdessen beansprucht ein hupender Autokorso die Straßen für sich. Rote Fahnen, Chávez-Poster und das obligatorische „Sí“ prägen das Bild. Die meisten Wagen sind überfüllt und selbst im Kofferraum sitzen gut gelaunte chavistas. Doch in einen älteren Jeep kann man noch zusteigen. Vorne sitzen Carlos und Miguel, beide um die fünfzig Jahre alt und in revolutionäres Rot gekleidet. Im Radio wird live vom parallel zum Iberoamerikanischen Gipfel stattfindenden „Gipfel der Völker“ in Santiago de Chile berichtet. Erst spricht der nicaraguanische Präsident Daniel Ortega. Dann schließlich, Carlos und Miguel jubeln, ist Comandante Chávez an der Reihe. Er lässt die Menge ein „Viva“ auf Salvador Allende rufen, den sozialistischen Präsidenten Chiles, der 1973 beim Putsch von General Pinochet ums Leben kam.
Von den beiden Autoinsassen erfährt man nur wenig über ihre Motivation, die Verfassungsreform zu unterstützen. „Venezuela ist ein reiches Land, mit all dem Öl. Doch gleichzeitig gibt es so viele Arme hier. Das kann doch nicht sein“, erklärt Carlos. Er entpuppt sich als Mitarbeiter im Justizministerium, während Miguel stolz verkündet, er sei Musiker und arbeite zudem an der Universität.
Langsam nur bewegt sich der Autokonvoi über die Straßen vorwärts. Von draußen schallt laute Musik durch die weit geöffneten Fenster, immer wieder werden alte compañer@s in den anderen Wagen gegrüßt. Im Radio erzählt Chávez, die Opposition in Bolivien bezeichne Staatspräsident Evo Morales als „kleineren“ und ihn selbst als „größeren Affen“. „Was wird dann wohl Fidel sein?“, fragt er in Anspielung auf den kubanischen Staatschef und hat auch gleich die Antwort parat: „Der Oberaffe“. Carlos und Miguel brüllen vor Lachen.
Aus der chavistischen Blechlawine ist mittlerweile ein beachtlicher Stau erwachsen. Leute steigen aus ihren Wagen und tanzen Salsa auf der Straße. Andere versorgen sich am Straßenrand mit Bier oder Rum. „Unsere Revolution ist friedlich“, sagt Miguel, während er sich ein Bier aufmacht, „und voll von guter Laune. Wir werfen keine Steine wie die Studierenden“. Scheinbar unerwartet klingelt im Radio Chávez‘ Mobiltelefon. Sein guter Freund und Genosse Fidel Castro ist am Apparat. Da der Lautsprecher des Telefons versagt, lässt Chávez Grüße an die Versammelten ausrichten.
Nach mehreren Stunden erreicht der Autokorso schließlich sein Ziel, das moderne Fußballstadion im Süden Méridas. Von einer Brücke bietet sich ein Blick auf die endlos scheinende Schlange rot geschmückter Fahrzeuge, die sich im Schritttempo dem Stadion nähert. Vor dem Eingang steht Florencio Porras, der mit einem roten Hemd bekleidete chavistische Gouverneur von Mérida, und schüttelt Hände.
Der Weg zurück ins Zentrum führt wieder über die Kreuzung. Die Mauer gegenüber von Yuan Lin scheint eine heiß begehrte Werbefläche zu sein. Mittlerweile sind die Sprüche der Opposition wieder mit großen roten „Sí“ übermalt worden. Im Supermarkt stopfen sich die Kunden die Einkaufswagen mit vorwiegend importierten Waren voll. Niemand weiß, wie oft das in den nächsten Wochen noch möglich sein wird.

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