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„Nicaragua ist kein armes Land – wir sind ein verarmtes Land”

„Bildung für alle”, das war einer der Kernpunkte der sandinistischen Revolution. Wie war der Kreuzzug gegen den Analphabetismus organisiert?

Bildung war und ist im Sandinismus ein politisches Projekt, das in der Guerilla geboren wurde. Ein Satz von Carlos Fonseca wurde während des Kreuzzugs gegen den Analphabetismus oft zitiert: „Man muss auch das Lesen lehren!“. Die erste Aufgabe der Revolution war genau dies. Nach dem Sieg war klar, dass man diese erfüllen musste, indem man das Alphabetisierungsprogramm umsetzte. Ich denke, dass wir uns daran beteiligt haben, liegt vor allem daran, dass es in diesem Augenblick eine Leidenschaft gab, dieses Projekt anzugehen.

Wie ist die Situation heute – 25 Jahre nach dem Sturz der Diktatur und 14 Jahre nach der Wahlniederlage der SandinistInnen?

Nachdem 1990 die FSLN die Wahl in Nicaragua verloren hatte, gab es im Bereich der Bildung, wie auch in allen anderen politischen Bereichen, unverzüglich große Veränderungen. Die Politik der Regierung von Violeta Chamorro hat sich vor allem nach den Interessen der internationalen Organisationen wie dem IWF und der Weltbank gerichtet. Viele Sektoren wurden privatisiert und bis heute verfolgt die nicaraguanische Regierung eine durch und durch neoliberale Politik.
Man kann die Bildungssysteme Nicaraguas in drei Zeitabschnitte einteilen: vor der Revolution, während der FSLN-Regierung und nach dem Sieg der Liberalen. Vor der Revolution gab es ein elitäres Bildungssystem, das sich nur auf einen kleinen Teil der Gesellschaft beschränkte. Es war ein ausschließendes Bildungssystem und Bildung war dahingehend ausgerichtet, die Diktatur am Leben zu erhalten und das Konzept der Diktatur zu unterstützen. Das Bildungssystem nach 1980 hatte zum Ziel, alle in das Bildungssystem zu integrieren und die Entwicklung des Landes sicherzustellen. Es gab ein ideologisierendes Bildungskonzept; die Rolle des Sandinismus in der Gesellschaft sollte gestärkt werden. 1990 setzte die dritte Etappe ein, die wieder zurückkehrte zu einem elitären, ausschließenden System.

Seit den 90er Jahren wird von Seiten der Regierung das Konzept der „autonomía escolar“ („Schulische Autonomie“) vorangetrieben. Was genau muss man darunter verstehen?

Ursprünglich stammt der Ausdruck „autonomía escolar“ von uns, den Gewerkschaften. Zu Beginn der 90er Jahre begannen wir zu fordern, den LehrerInnen mehr pädagogische Unabhängigkeit zu geben und alle Beteiligten – sowohl die LehrerInnen als auch Eltern und SchülerInnen – stärker einzubeziehen.
Als die PolitikerInnen 1993 ihrerseits von „schulischer Autonomie“ sprachen, wussten sie, dass wir auf dem eben beschriebenen Hintergrund nichts dagegen sagen konnten. Sie nutzten die gleiche Terminologie, jedoch mit einem nahezu gegensätzlichen Inhalt. Für mich ist „Schulische Autonomie“ heute gleichzusetzen mit „Privatisierung von Schule“. Privatisierung bedeutet hier, dass man das Recht auf Bildung an wirtschaftliche Bedingungen knüpft.
Der Begriff der Privatisierung muss hier weiter gefasst werden, als es manchmal der Fall ist. Es reicht nicht, dass der Staat Gebäude und Schulen besitzt. Privatisierung ist für uns die Tatsache, dass Mädchen und Jungen, um die Ausbildung fortsetzen zu können, dafür bezahlen müssen. Bildung unterliegt hier klar wirtschaftlichen Interessen.
Die Regierung begann 1993 von den Eltern der SchülerInnen Schulgebühren einzufordern, mit der Begründung, dass man mit dem eingenommenen Geld das Gehalt der LehrerInnen aufbessern wolle. Bereits 1994 jedoch wurde öffentlich verkündet, man benötige die Hilfe der Eltern, um das Schulwesen finanzieren zu können. Ziel war es von Beginn an, einen Großteil der Finanzierung der Schulen innerhalb von fünf Jahren schrittweise auf die Eltern der SchülerInnen abzuwälzen. Mit dieser schrittweisen Erhöhung der Schulgebühren, wollte der Staat seine Kosten senken.
Dank der gewerkschaftlichen Anstrengungen der letzten Jahre ist dieses Ziel jedoch nicht erreicht worden – im Gegenteil: 2002 wurde das „Gesetz der schulischen Partizipation“ verabschiedet. Dieses Gesetz war ursprünglich entworfen worden, um eine rechtliche Grundlage für die Schulgebühren der Eltern zu schaffen. Wir konnten aber durchsetzen, dass das Gesetz in seiner jetzigen Form die Erhebung von Schulgebühren untersagt und die Regierung verpflichtet, für jede einzelne Schule Nicaraguas ein genaues Budget vorzugeben. Weiterhin gibt es Eltern, SchülerInnen und LehrerInnen mehr Verantwortung.
Leider hat sich trotz dieses Erfolges an der Situation im Land nicht wirklich etwas verändert. Noch immer bezahlen fast alle Eltern Schulgebühren. Deshalb hat ANDEN eine Aufklärungskampagne gestartet, um LehrerInnen, Eltern und SchülerInnen über den Inhalt des Gesetzes aufzuklären und ihnen ihre Rechte aufzuzeigen.

Während des Kreuzzuges gegen den Analphabetismus wurde viel freiwillige, unbezahlte Arbeit geleistet. Heute wirbt auch die Weltbank mit dem Label der „Freiwilligkeit“, zum Beispiel im Rahmen des APRENDE-Programms. Ist das überhaupt zu vergleichen? Wie sehen das die Menschen in Nicaragua?
Da gibt es Unterschiede. In den 80er Jahren war das eine politische Sache. Die Leute hatten ein Bewusstsein dafür, dass sie an etwas teilnahmen. Es ging darum, Kenntnisse und Fähigkeiten weiterzugeben, Mitmenschen zu unterstützen.

Heute ist „Freiwilligkeit“ hauptsächlich ein Mechanismus, Verantwortung für die Bildung vorzutäuschen. Es geht darum, sicherzustellen, dass die Menschen eine minimale Bildung erhalten und keine bessere Bildung beanspruchen. Dies liegt im Interesse der neoliberalen Regierung: Ziel ist es, dass die Bevölkerung über ein niedriges Bildungsniveau verfügt, damit die Regierung ihrerseits über billige und willige Arbeitskraft verfügen kann.

Auf Grundlage der beschriebenen Situation, was sind die Hauptforderungen von ANDEN? Immerhin hängt die Lösung des Problems nicht nur vom guten Willen der Regierung ab, sondern auch von der allgemein schlechten finanziellen Situation Nicaraguas, oder?

Wir fordern von der Regierung, mehr LehrerInnen einzustellen, die Infrastruktur in den Schulen und das didaktische Material zu verbessern und 3.000 neue Schulen einzurichten.
Wir sind uns durchaus bewusst, dass diese Forderungen mit der Situation des Staatshaushalts zusammenhängt. Ich lasse die Ausrede, es sei kein Geld da, aber einfach nicht gelten. Gerade sind uns Schulden erlassen worden. Wir fordern ganz einfach, dass das hier eingesparte Geld in die Bereiche Bildung und Gesundheit investiert wird.
Nicaragua ist kein armes Land – wir sind ein verarmtes Land. Unser Präsident Enrique Bolaños ist, nach George W. Bush, der bestbezahlteste Staatschef einer Demokratie weltweit. Es kann doch nicht angehen, dass Bolaños 600 Dollar pro Tag verdient, während ein/e LehrerIn gerade mal zwei Dollar pro Tag zur Verfügung hat und ein campesino sogar nur knapp einen Dollar. Wir müssen diese Ungleichheiten innerhalb der Gesellschaft beseitigen. Man kann doch nicht ständig argumentieren, dass kein Geld da sei, solange es dieses Ungleichgewicht gibt.

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