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Null Bock auf Salsa, Fiesta und Tequila

Daniel, was bedeutet Identität für dich?
Daniel: Identität ist für mich als Psychologe ja ein Studienobjekt. Zum einen verstehe ich Identität als Zugehörigkeit zu einer Gruppe von Menschen und zum anderen als ein Selbstverständnis. Gruppenzugehörigkeit beginnt dann, wenn man Verantwortung übernimmt. Das betrifft zum einen die Gesellschaft, in der man lebt und zu der man etwas beiträgt, zum zweiten die privaten Gruppen, in denen man sich bewegt, und zum dritten einen selbst. Dieser Prozess der Identifikation ist jedoch nicht statisch, sondern ständig in Bewegung.
Aber wenn du an dich als Lateinamerikaner denkst?
Daniel: Ich denke, nationale oder kulturelle Identität ist eine Erfindung. Das Wesentliche, was man zu spüren bekommt, wenn man nach Deutschland kommt, ist, dass man anders ist. Und damit muss man dann umgehen lernen.
Carla: Sicherlich, aber ich habe dieses Gefühl nicht erst, seit ich in Deutschland bin, sondern seit ich denken kann. Ich bin die Dunkelste in meiner Familie. Später war ich anders, wegen meiner sexuellen Präferenzen. Oder weil ich arbeiten gehen wollte. In Deutschland haben sich lediglich die Eigenschaften geändert, die mich anders machen. Aber anders werde ich immer sein. Natürlich weiß ich, dass ich zu Peru gehöre. Das steht in meinem Pass, das haben wir schon in der Schule eingetrichtert bekommen, wenn wir die Nationalhymne singen mussten – und ich habe aus voller Kehle mitgesungen. Aber dann begann mich das zu stören. Jetzt stört mich alles Peruanische. Die Diktatur, die Ungerechtigkeit, der Rassismus. Heute wundern sich die Leute, wenn ich sage, dass ich aus Peru komme. Nicht, weil ich anders aussehe, sondern weil ich andere Ideen habe. Der Unterschied von Peru zu Deutschland ist, dass ich hier mit meiner Andersartigkeit akzeptiert werde.
Und du, Daniel, hast du dich in Chile auch schon anders gefühlt?
Daniel: Ja, auf politischer Ebene, aber als Gefühl war das für mich eher irrelevant. In Chile habe ich nicht zu einer diskriminierten Gruppe gehört. In Deutschland jedoch habe ich dieses Gefühl kennen gelernt. Somit habe ich hier gleichzeitig einiges über meine eigenen Landsleute erfahren, über die Grausamkeiten, denen bestimmte Gruppen dort ausgesetzt sind. Chile hat alle Kriege seiner Geschichte gewonnen und musste sich deswegen nie mit seiner Geschichte auseinander setzen. Der Fall Pinochet ist in diesem Sinne die erste Niederlage, und ich hoffe, er löst eine Diskussion über die chilenische Geschichte und Identität aus.
Jimena: Identität hat für mich vor allem mit persönlichen Interessen zu tun. Ich bin hier hergekommen, weil ich hier Philosophie studieren wollte und weil mich die deutsche Kultur interessiert hat. Das Bewusstsein, Lateinamerikanerin oder Mexikanerin zu sein, habe ich erst hier in Deutschland kennen gelernt. Die Deutschen haben an dich „als LateinamerikanerIn“ ganz bestimmte Erwartungen.
Hast du da Erfahrungen gemacht?
Jimena: Ja, du musst in einem Salsa-Wettbewerb mindestens den ersten Platz gewinnen. Aber die LateinamerikanerInnen hier tragen auch zu diesem Klischee des sinnlichen, leidenschaftlichen Lateinamerikas bei. Ich hatte aber auf Salsa und Tequila gar keine Lust. Also fing ich an Bauchtanz zu lernen. Das hat vielleicht damit zu tun, dass ich mich schon immer gegen Schematisierungen gewehrt habe. Aber hier war es ganz besonders stark, und ich habe mich ganz bewusst und individuell dagegen entschieden.
Carla: Ich habe früher nie Salsa, sondern vor allem spanischen Rock gehört, weil diese Musik mit ihren Texten auch einen Protestcharakter hat, der mir sehr wichtig ist. Salsa habe ich abgelehnt, weil sie mir sehr kommerziell vorkam und die Texte sexistisch waren. Hier hingegen wollen die Leute auf den Partys, wo ich Platten auflege, vor allem Salsa hören und irgendwann habe ich entdeckt, dass ich gar nicht so schlecht darauf tanzen kann. Mittlerweile macht es mir total Spaß. Die Texte sind mir jetzt irgendwie egal.
Aber warum dieser Wandel in der Bewertung?
Carla: Weil ich die Musik und ihren Rhythmus kennen und schätzen gelernt habe. Außerdem identifiziere ich mich mit den Leuten, die beim Salsatanzen so empfinden wie ich. Das ist ein schönes Gefühl. Das hat aber nichts damit zu tun, dass viele davon Latinos sind oder ich mich mehr als Latina fühle.
Fühlt ihr euch von diesen Klischees eingeengt?
Daniel: Als ich hier herkam, habe ich dem Klischee zu hundert Prozent entsprochen, und das habe ich eine Zeit lang ausgenützt. Ich war politisch aktiv und habe außerdem in einer Band Musik gemacht. Wir hießen „Amerikanische Befreiung“. Das war genau das, was wir repräsentieren wollten, und insofern gab es auch keinen Widerspruch mit dem Klischee der Deutschen. Und was die privaten Beziehungen angeht, haben für mich Klischees nie eine Rolle gespielt. Schließlich sind Klischees Hilfsmittel, um dem Unbekannten einen Namen zu geben. Wenn man dann intensiver in Beziehungen tritt, stellt man fest, dass Klischees nichts mehr nützen …
… also sind Klischees quasi unvermeidbar …
Daniel: … unvermeidbar, und dazu werden sie noch überbewertet. Denn Klischees können jederzeit über Bord geworfen werden.
Jimena: Aber Klischees tragen doch auch häufig dazu bei, dass man sich keine Mühe macht, den anderen als Anderen zu verstehen. Klischees haben ja gerade den Sinn, dass man sich über das Andere keine mühsamen Gedanken machen muss. Aber Klischees sind auch bei LateinamerikanerInnen wirksam. Als ich einer Bekannten aus Chile erzählt habe, dass ich meine Magisterarbeit über Schopenhauer schreibe, meinte sie, so ein Thema sei nichts für uns, weil es nicht Teil unserer Kultur ist.
Ist da nicht etwas dran?
Jimena: Ich hatte an der Uni am Anfang große Probleme mit der wissenschaftlichen Methodologie und der Strenge des systematischen Denkens. Das musste ich erst lernen. Man könnte vielleicht sagen, wir lernen, anders zu denken. Das Problem ist aber, dass dieses Andersdenken mit Werturteilen verbunden wird. Wenn ich Hegel anders verstehe als ein Deutscher, dann bedeutet das, dass ich ihn „schlechter“ verstehe. Man bekommt im akademischen Bereich ständig das Gefühl vermittelt, nicht dazu gehören zu können, nicht mitreden zu können, nicht auf der gleichen Stufe zu stehen. Als ob der Anspruch, hier etwas zu produzieren, für einen Menschen aus der „Dritten Welt“ zu hoch gegriffen sei.
Carla: Mir geht es ähnlich. Ich versuche, sämtliche Vorträge an der Universität so gut wie möglich zu machen, mit vielen Materialien etcetera. Wenn ich dann fertig bin, habe ich aber das Gefühl, dass der Applaus zwar gut, aber nicht ernst gemeint ist. Das geht nicht nur mir so, sondern vielen Ausländern. Kürzlich hat mich ein Professor mitten im Vortrag freundlich unterbrochen, weil irgendjemandes Geburtstag zu feiern war, und ich bin sicher, bei einem Deutschen hätte er das nicht gemacht.
Daniel: Es wird einem immer wieder zu verstehen gegeben, dass die Menschen aus der „Dritten Welt“ nicht denken können. Damit wird ihnen eine menschliche Grundfähigkeit aberkannt. Ich glaube jedoch, dass die Reflexivität bei uns insgesamt nicht so hoch bewertet wird wie bei den Deutschen. Bei uns hat sich ein eher zielgerichtetes Denken entwickelt. Das kann mit der Geschichte zusammenhängen, mit der Tatsache der Kolonisation oder mit den Herausforderungen der Natur. All diese Bedingungen beeinflussen die Formen des Denkens.
Carla: Meinst du wirklich, wir denken weniger?
Daniel: Nein, aber bestimmte, zum Beispiel philosophische Probleme stellen sich in unserer Kultur einfach nicht so. Wir haben zum Beispiel „Der Geist als Widersacher der Seele“ von Ludwig Klages in einem Seminar diskutiert, und die dort geäußerten Gedanken waren mir von meiner ganzen Sozialisation her einfach fremd. Außerdem denke ich, dass der Industrialisierungsgrad einer Gesellschaft sich umgekehrt verhält zur Denkfähigkeit der Menschen. Die Industrialisierung gibt die Wege vor, innerhalb derer gedacht wird, und steckt dem Denken dadurch immer engere Grenzen.
Gibt es denn nun eine spezifische Identität von LateinamerikanerInnen in Deutschland?
Jimena: Für mich existiert auf einer ganz gefühlsmäßigen Ebene eine Identität als Ausländerin, nicht so sehr als Mexikanerin oder Lateinamerikanerin. Ich denke, die Erfahrung der alltäglichen Diskriminierung ist es, was alle Ausländer verbindet, da gibt es ein starkes Solidaritätsgefühl.
Daniel: Das sehe ich genauso. Ich habe vor allem gelernt, dass es viel sinnvoller ist und man viel mehr lernt, wenn man internationale Beziehungen knüpft, als mit einer Bevölkerung in Kontakt treten zu wollen, die nicht kommunizieren will. Dadurch, dass die Deutschen auf geradezu krankhafte Art und Weise permanent von den Ausländern reden, schaffen sie dadurch eine Gruppe, die eigentlich nicht im Geringsten homogen ist.
Die Deutschen sind insgesamt ein geschlossenes System und wollen es, abgesehen von wenigen Gegenkräften, auch bleiben. Wenn man Kontakt hat zu Deutschen, dann zu den Waisen der deutschen Gesellschaft. Die Leute mit den, wie man so schön sagt, soliden Lebensläufen kriegt man ja kaum zu sehen. Mit den anderen Ausländern hingegen habe ich sofort etwas gemein und kann mit ihnen in Kontakt treten.
Interview: Ann-Catherine Geuder /
Markus Müller

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