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Opfer seiner Armut

Gefangen in Dantes Inferno fühlte sich Helmut Schrader als er Mitte September auf dem Dach seines Büros in Gonaïves saß. „Es war die Höll“, berichtet der 55 Jahre alte Mitarbeiter der Diakonie Katastrophenhilfe. Er sollte ursprünglich den Menschen in der Umgebung der knapp 220.000 EinwohnerInnen zählenden haitianischen Hafenstadt helfen, der „permanenten menschlichen Katastrophe“ von Hunger und Elend zu entkommen und plötzlich musste er selbst gegen die Naturgewalten ums Überleben kämpfen.
Das einstöckige Büro der Diakonie Katastrophenhilfe füllte sich blitzschnell mit fauligen Brackwasser. Nur mit Mühe konnte sich Schrader und ein Angestellter auf das Dach retten. Das Haus bebte, schwankte und das Wasser schwappte immer höher. Zum Schluss musste der Betriebswirt sogar noch auf den Wassertank des Hauses klettern, um nicht von den Wellen des auf mehr als drei Metern angeschwollenen Hochwassers weggespült zu werden. „Um uns herum hörten wir die Menschen in ihrem Todeskampf schreien.“
Hochwasser kennt Schrader noch aus Tschechien, wo er als Entwicklungsexperte zeitweise arbeitete. Aber nicht als solche furiose Gewalt, dass sich die Fluten durch die Stadt Richtung Meer wälzen. Vor ein paar Wochen war er in das Tal des Artibonite-Flusses gekommen, um dort zusammen mit Bauern und der Unterstützung einer haitianischen Hilfsorganisation die Ernährungssituation der Landbevölkerung zu verbessern. Das Büro war gerade eingerichtet und die ersten praktischen Ansätze gefunden, damit die armen Bauern und Bäuerinnen durch eine systematische und sparsame Bewässerung der Region ihre Eigenversorgung verbessern können. Und dann kam die Flut in Folge des Karibiksturms „Jeanne“, der die monatelange Arbeit der Diakonie Katastrophen-hilfe zerstörte.

Katastrophale Versorgungslage

Andere Bewohner von Gonaïves oder weiteren Ortschaften im Norden Haitis, das sich mit der Dominikanischen Republik die zweitgrößte Antilleninsel Hispaniola teilt, haben nicht so viel Glück wie Schrader gehabt. Etwa 3.000 Menschen sind nach Angaben der Vereinten Nationen in der Region den sintflutartigen Regenfällen zum Opfer gefallen. Vermutlich wird es jedoch niemals eine zuverlässige und korrekte Aufstellung der Flutopfer geben. Jetzt geht es erst einmal darum, die Überlebenden und die rund 200.000 Obdachlosen mit dem Nötigsten zu versorgen. Die Versorgungslage ist katastrophal. Die Brunnen sind zerstört oder durch die im Wasser tagelang treibenden Leichen oder Viehkadaver verseucht. Die wenigen Lebensmittelvorräte, über die die Menschen verfügen konnten, sind ein Raub des Wassers geworden. Schlammmassen machten die Lagerbestände von Hilfsorganisationen ungenießbar.
Das öffentliche und politische Leben der viertgrößten Stadt Haitis ist gelähmt. Die Anführer der Rebellion gegen den Ex-Staatspräsidenten Jean-Bertrand Aristide halten sich im Hintergrund. Einen effektiven Katastrophenschutz gibt es nicht im „Land der Berge“, wie es die Ureinwohner einst nannten. Die seit Juni stationierten Soldaten der UN-Blauhelmtruppe MINUSTRAH organisieren die Versorgung der hungernden Bevölkerung, die in den letzten Tagen immer wieder verzweifelt versucht hat, die wenigen noch existierenden Vorratshäuser zu plündern. Ohne die geländefähigen Truppentransporter wären in den ersten Tagen nach der Flutwelle überhaupt keine Lebensmittel und vor allem kein Trinkwasser nach Gonaïves gelangt. Die unter dem Kommando Brasiliens stehenden Blauhelm-Soldaten sind damit beschäftigt, Plünderungen zu verhindern und die wenigen Lebensmitteltransporte zwischen Port-au-Prince und der Unglücksregion zu schützen, die bisher über eine zum Teil schwer überflutete und weggeschwemmte Straße zu ihrem Ziel gelangen mussten.
An den Verteilungsstellen spielen sich Dramen ab. Die Stärkeren vertreiben die Schwachen, um schneller an die Lebensmittelpakete zu kommen. Brot und Reis werden verteilt, hunderttausende, aus der Dominikanischen Republik eingeflogene und mit Trinkwasser gefüllte Plastikbeutel sollen die Hygiene verbessern. Aber was sollen die Menschen mit Reis, wenn sie aus Ermangelung von trockenen Stellen nicht kochen können? „Ohne die Blauhelme“, sagt ein Vertreter einer internationalen Hilfsorganisation, „gäbe es keine Verteilung, bei der wir auch sicherstellen könnten, dass die wirklich Bedürftigsten auch etwas bekommen. Es ist ein Hauen und Stechen um das Futter“.

Bodenerosion durch Abholzung

Zum zweiten Mal ist das Armenhaus Lateinamerikas Schauplatz einer Naturkatastrophe. Ende Mai hatte sich im südöstlich von Port-au-Prince gelegenen Massif de la Selle nach tagelangen Regenfällen eine Schlammflut durch die Flusstäler in die Tiefebene und das Hochtal von Mapou ergossen. 2.500 Menschen sind bei diesem Unglück ertrunken oder durch Geröllmassen erschlagen worden. Noch immer steht in einigen Teilen in der Umgebung von Mapou das Wasser haushoch. Kein Fluss führt mehr durch die einst fruchtbare Ebene, die früher die nur knapp drei Fahrtstunden entfernte Hauptstadt mit Gemüse und Feldfrüchte versorgte.
Warum Regenfälle solche Auswirkungen haben können, ist für BeobachterInnen deutlich an den Gebirgszügen rund um die einst 12.000 EinwohnerInnen zählende Ortschaft ausmachen. Die Hü-gel sind fast vollständig abgeholzt. Zurückgeblieben sind Krüppelgewächse und Sträucher, deren Wurzeln die Erdoberfläche nicht mehr halten können, wenn diese sich einmal mit Regenwasser voll gesaugt hat.
Als Christoph Kolumbus im Dezember 1492 zum ersten Mal die Karibikinsel betrat, waren die rund 27.000 Quadratkilometer des heutigen Haitis, als auch die des Nachbarlandes fast vollständig bewaldet. ExpertInnen schätzten die Waldfläche auf rund 85 Prozent der Inselfläche. Die spanischen Conquistadoren bedienten sich lustig an dem Holz, dass sie zum Schiffsbau und zur Möbelherstel-lung für die feinen Herrschaften auf dem alten Kontinent benötigten.
Die Bäume standen aber vor allem den Zuckerplantagen im Wege, die Haiti zur einstigen „Perle der Antillen“ innerhalb des französischen Kolonialreiches machten. Kahlschlag für US-amerikanische und europäische Möbelfabriken taten ein Übriges zur Reduzierung des Baumbestandes. In den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts betrug die gesamte Waldfläche nur noch 18 Prozent, heute beträgt sie je nach Ouelle zwischen fünf und einem Prozent. Die Schätzung von etwa zwei Prozent zusammenhängenden Waldes dürfte der Wirklichkeit wohl am nächsten kommen. Die 30 000 Hektar des Forêt des Pines oberhalb von Mapou, eines der letzten Forstschutzgebiete des Landes, wurde in den letzten Jahren um zwei Drittel reduziert. Die Bäume wurden zu Bauholz verarbeitet oder endeten im Feuer unter den offenen Kochstellen in den Armutsbaracken der Landbevölkerung, beziehungsweise in den Bidonvilles, den Elendsvierteln von Port-au-Prince. Während in Deutschland auf einem Quadratkilometer durchschnittlich 230 Personen leben, sind es in Haiti 287 Menschen. Der Brennstoffbedarf ist riesengroß und wird nach Schätzungen zu mehr als 70 Prozent mit Holz gedeckt.
Ein weiteres zur Verstärkung der Umweltkatastrophen, die sich in diesem Jahr häufen, ist die starke Bodenerosion. Wie der von den Taíno-UreinwohnerInnen geschaffene Name Ayiti – „Land der Berge“ – schon sagt, besteht Haiti aus einer Vielzahl von Gebirgszügen und Bergkämmen.
60 Prozent der Landfläche sind steile Hänge mit einer Neigung von mehr als 40 Prozent; Hanglagen, die prinzipiell erosionsgefährdet sind und durch den Kahlschlag den „ökologischen Todesstoß“ erhalten. Zusätzlich haben sich die Ärmsten der Armen in den durch Hochwasser gefährdeten Stellen angesiedelt, weil sie sonst über kein Land verfügen, auf dem sie ihre Häuser errichten könnten.

Politische Lage instabil

Dies ist ein Teufelskreislauf für die Menschen Haitis, der sich durch die instabile politische Situation noch zusätzlich verschärft. Die Übergangsregierung hat es bisher kaum geschafft, ihre Regierungsgewalt über die 2,5 Millionen Stadt Port-au-Prince hinaus auszuweiten. Böse Zungen reden schon seit langem von der „Republik Port-au-Prince“. Weder gibt es Katastrophenschutz noch Warnsysteme, die vor dem sich immer schneller entwickeln-den Desaster warnen würden, um von wirksamer Hilfe gar nicht erst zu sprechen.
Die bisher nur aus 3.000 Soldaten bestehende Blauhelmtruppe – die Sollstärke wird bei 6.700 Soldaten und 1.300 Polizisten liegen – ist kaum in der Lage, die Sicherheit und die Ordnung im Lande aufrechtzuerhalten. Nach wie vor stellen die Anti-Aristide-Rebellen bestehend aus Todesschwadronen, marodierenden Banden und Ex-Militärs auf der einen und die militanten Lavalas-AnhängerInnen des ehemaligen Armenpriester Jean-Bertrand Aristide auf der anderen Seite die Machtfrage.

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