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Pendeln zwischen den Kulturen

Absolute Stille. Wer wochentags das „Tal der Tempel“ Kinkaku-Ji aufsucht, eine waldähnliche Parkanlage 40 Kilometer südwestlich von São Paulos Stadtzentrum, merkt erst, was in der Megametropole nicht mehr zu haben ist. Über einen Teich hinweg kann man vortrefflich meditieren, den buddhistischen Goldenen Tempel im Blick, der dem Original in Kyoto nachempfunden ist. Das ökumenische Friedhofszentrum bietet ab 350 Mark einen Stellplatz für die Urne an.
Asiatisches Flair. Die Praça da Liberdade in São Paulo ist zur gleichen Zeit einer der Knotenpunkte pulsierenden urbanen Lebens. StraßenverkäuferInnen aus dem Nordosten bieten Billigsnacks oder eisgekühltes Kokoswasser an. Doch die chinesischen und japanischen Schriftzüge, auf die selbst der unvermeidliche McDonalds hier nicht verzichtet, und der Vielvölkermix unter den PassantInnen erinnern an San Franciscos Chinatown oder Soho in London. Die Straßen werden von roten Säulengängen gesäumt. In Plattenläden hören sich cool gestyle Jugendliche frisch aus Japan importierte CD-Singles an.
Der erste Haiku. Die 190.000 JapanerInnen, die zwischen 1908 und 1941 nach Brasilien kamen, arbeiteten fast ausschließlich in der Landwirtschaft – zuerst auf den Kaffeeplantagen im Hinterland von São Paulo. Es war für die Meisten eine extrem harte Zeit, wie der wohl erste in Brasilien verfasste Haiku bezeugt:
Am Spätnachmittag
Wein´ ich im Schatten des Baums
Beim Kaffeepflücken.
Autor dieser Zeilen ist der Agent der Kaiserlichen Kolonisierungsgesellschaft Shuhei Uetsuka, der von den ersten EinwanderInnen für ihre missliche Lage verantwortlich gemacht wurde – von einigen erhielt er sogar Morddrohungen.

„Geist Nippons“ verklärt

Durchhaltevermögen. Die Geisteshaltung des gambarê half über die Durststrecken in der unwirtlichen Fremde hinweg: Das demütige Akzeptieren aller Härten als Schicksal, die Ausdauer und der unbedingte Siegeswille der ImmigrantInnen werden in den Romanen über die Pionierzeit hervorgehoben und zum „Geist Nippons“ verklärt.
Schmutzige Herzen. Auf den ersten Kulturschock folgte die traumatische Erfahrung des ultranationalistischen Regimes Estado Novo (ab 1937) und des Zweiten Weltkriegs, als die nikkeis ähnlich wie Deutsche und ItalienerInnen zu internen StaatsfeindInnen deklariert wurden. Ein Teil der Kolonie war unfähig, sich die Niederlage Japans vorzustellen, und verfolgte alle Andersdenkenden bis aufs Messer. Ein dankbarer Stoff für den aktuellen Bestseller Corações Sujos „Schmutzige Herzen“ von Fernando Morais.
Lockruf der Stadt. Die EinwanderInnen der ersten Jahrzehnte mussten sich zwangsweise als KontraktarbeiterInnen in der Landwirtschaft betätigen. Dort führten sie zahlreiche Obst- und Gemüsesorten ein. 1945 zerschlug sich für viele von ihnen endgültig der Traum von der Rückkehr nach Japan. Um ihren Kindern den sozialen Aufstieg zu ermöglichen, zogen in der Folgezeit viele in die Städte.
Identitäten. Die BrasilianerInnen japanischer Herkunft – heute schätzt man sie auf anderthalb Millionen – bezeichnen sich selbst als nikkei-Kolonie. Issei ist der (oder die) japanische ImmigrantIn. Deren Kinder heißen nisei. In der dritten Generation folgen die sansei, in der vierten die yonsei. Und aus Mischheiraten gehen die não sei (portugiesisch: “weiß nicht”) hervor.
Heimliche Hauptstadt. „Liberdade ist das Herz der nikkei-Gemeinschaft“, sagt Célia Oi, die Direktorin des „Museums der japanischen Einwanderung“. Geschäftsleute japanischer, später auch chinesischer und koreanischer Herkunft hätten den Stadtteil im Zentrum São Paulos erst seit den Sechzigerjahren zu einem „orientalischen Viertel“ entwickelt – mit Geschäften, Dienstleistungsbetrieben und Lokalen aller Art. Doch wichtigste Anlaufstelle für die Neuankömmlinge aus Übersee war Liberdade spätestens seit der zweiten Einwanderungswelle, die von 1953 bis 1973 anhielt.
Brasilianisierung. Heute gibt es keine arrangierten Hochzeiten mehr. Für die allermeisten nikkei-Jugendlichen ist Japanisch eine Fremdsprache. Doch von Außenstehenden werden sie regelmäßig als „JapanerInnen“ angesprochen, was sie zu einer ständigen Auseinandersetzung mit der eigenen Identität zwingt. Da das moderne Japan in Brasilien einen sehr guten Ruf genießt, ist das weniger schmerzhaft als etwa für Migrantenkinder in Nordamerika oder Europa. Übrigens: 2000 hieß der Sieger des Internationalen Rodeoturniers von Barretos, einem Symbol der brasilianischen Binnenlandkultur, Márcio Suzuki.
Gegenbewegung. „Eine Zukunft in Japan“ – in Liberdade werben solche Schilder unübersehbar für die Auswanderung in das Industrieland auf der gegenüberliegenden Seite des Erdballs. Seit 1985 fließt der MigrantInnenstrom von Brasilien nach Japan. Rund 250.000 dekasseguis („GastarbeiterInnen“) leben bereits dort. Für einen festen Job verschulden sich die jungen Ausreisewilligen bei ArbeitsvermittlerInnen mit über 6.000 bis 9.000 Mark – und arbeiten dann monatelang nur, um aus den roten Zahlen zu kommen. 12-Stunden-Tage in der Industrie sind keine Seltenheit. Nach sieben Jahren Schufterei in Japan hat sich Ilísia Teruko Kavagouth eine Drei-Zimmer-Wohnung in São Paulo gekauft. Die 49-Jährige plant noch einen mehrjährigen Arbeitseinsatz in Tokyo, denn: „Zum Leben ist Brasilien gut, aber Geld verdient man besser in Japan.“

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