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Radio als Therapie

Samstag mittags im Hof von La Borda: Tische, Stühle und eine Tafel werden aufgestellt, Mikrofone, CD-Player und Kassettenrecorder in ein Mischpult gestöpselt. Nach und nach trudeln die RadiomoderatorInnen ein und schreiben ihre Vorschläge für die aktuelle Sendung auf die Tafel. Alle sind PatientInnen oder ehemalige PatientInnen der größten psychiatrischen Klinik in Buenos Aires. Um 14 Uhr geht Radio La Colifata auf der Frequenz 100,1 MHZ FM für fast fünf Stunden live on air.
Meist schiebt Alfredo Olivera, der Gründer des Radios, die Regler am Mischpult. „Hallo und Guten Tag. Ihr hört LT 22 Radio La Colifata direkt aus dem Hospital La Borda.“ PatientInnen und BesucherInnen applaudieren. Der erste, der zum Mikrofon greift, ist Horacio Surur, alias „Der Krieger des Lichts“. Zur Musik von Jimi Hendrix stellt er sich einen nächtlichen Spaziergang durch die argentinische Hauptstadt vor. Mit tiefer, kratziger Stimme erläutert er die Parallelen zwischen den Lebensbedingungen der SklavInnen, die den ersten Blues spielten, und der Armut, die er beim Durchqueren der Stadt vorfindet.
Die Geschichte von La Colifata beginnt im August 1991. Als Psychologiestudent kam Olivera nach La Borda, wo sich rund 1.200 Menschen in stationärer psychiatrischer Behandlung befinden. Von Anfang an bewegten ihn die Gespräche mit den PatientInnen. Ihn faszinierte die Poesie in ihrer Sprache, ihre klare Sicht und die Tiefe der Gefühle in ihren Worten. Zugleich war er bestürzt über die Einsamkeit der Männer und Frauen. Manche lebten schon zehn, zwanzig Jahre in La Borda. Viele waren verarmt, außerhalb der Klinik hatten sie keine sozialen Kontakte mehr.

Rückeroberung der Außenwelt

Eines Tages lud ihn der Moderator eines Lokalradios ein, um von seinen Erfahrungen mit den PsychiatriepatientInnen zu erzählen. Doch Olivera wollte die muchachos, wie er die PatientInnen nennt, lieber selbst sprechen lassen und befragte diese vor dem Mikrofon. Mit den Antworten auf Band ging er dann zum Radio. Während der Sendung klingelte das Studiotelefon ununterbrochen. „Damit war der Kommunikationskreis geboren,“ meint die Psychologin Laura Gobet, die auch bei La Colifata arbeitet. „Patienten diskutieren vor dem Mikrofon und erzählen von ihren Gefühlen. Die Aufnahme verlässt das Hospital, wird von einem Radio übertragen und erreicht ein Publikum. Die Anrufe der Zuhörer werden ebenfalls mitgeschnitten und kehren dann ins Hospital zurück. So beginnen die Patienten, sich ihren Platz in der Außenwelt zurückzuerobern.“
Plötzlich war da ein Radio ohne Sender und Antenne und die Idee einer Therapie mit Hilfe von Medienarbeit. Zur wichtigsten Säule wurde genau dieser Dialog zwischen PatientInnen und einem Radiopublikum. Olivera schnitt aus den Livesendungen dreiminütige „Mikroprogramme Colifatos“ zusammen. Weitere lokale Stationen in Buenos Aires übertrugen diese Beiträge.
Ein Jahr später schenkte ein freies Radio den colifatos eine minimale technische Ausrüstung, ein Zuhörer stiftete die Antenne. Mit einer Leistung von 300 Watt waren die RadiomacherInnen von nun an im Hospital und im Umkreis von drei Kilometern zu hören. Jorge Osvaldo Garcés, der Philosoph der Gruppe, schlug vor, sich „LT 22 Radio La Colifata“ zu nennen. Colifato ist im lunfardo, dem Slang der BewohnerInnen von Buenos Aires, eine liebevolle Bezeichnung für „Verrückte“. Seitdem sind die colifatos über ihren eigenen Sender zu empfangen.
Für Olivera unterscheidet sich La Colifata in zwei Aspekten entscheidend von anderen Radios: Zum einen bestehe die therapeutische Funktion darin, dass die PatientInnen ihre Individualität wieder erlangen. Zum anderen arbeite der Sender als soziales Projekt gegen das Stigma der Verrücktheit.
„Es gibt in der Gesellschaft die Vorstellung, dass ,Verrückte‘ seltsame Wesen sind, unkalkulierbar, gewalttätig, unproduktiv, fremd. Es ist sehr schwierig, dass Ihnen jemand zuhört. Sie werden ausgeschlossen,“ meint der Psychologe. Das Radio dagegen schließe ein. „Wenn man beginnt zu sprechen oder zuzuhören, bezieht man sich und andere ein. Deshalb ist unser Motto: Mauern überwinden!“
Das Konzept ist aufgegangen: Häufig kommen Interessierte, weil sie die ModeratorInnen kennen lernen wollen, und manchmal werden alte, längst verloren geglaubte Freundschaften oder familiäre Bindungen wiederbelebt.

Der Korrespondent aus dem Himmel

Auch an diesem Samstag Nachmittag kommen Bekannte und Familienangehörige, Neugierige und JournalistInnen in den Hof von La Borda. Etwa 50 Männer und Frauen sind direkt an der Sendung beteiligt und kümmern sich um das Programm. Die einen reden über persönliche Geschichten, den Alltag in der Psychiatrie, den Entlassungsschein. Andere sprechen die politische und soziale Situation in Argentinien an. Wieder andere haben feste Rubriken.
Zum Beispiel Daniel López mit seiner „Sportwelt“ oder Juliana mit ihrer Astrologiesendung. Und Maria liest ein Gedicht über die Behandlung mit einem Psychopharmaka vor. Zwei colifatos haben sonntags Zugang zur Pressetribüne im Stadion des traditionsreichen Fußballsklubs Boca Juniors. Nach dem Spiel interviewen sie Spieler und Publikum. Ever Isaac ist Korrespondent im Himmel. Er berichtet einem La Colifata-Moderator von seinem Einsatzgebiet. (siehe Kasten)

Internationale Anerkennung

Zur Radiocrew gehören vier PsychologInnen, zwei JournalistInnen, ein Musiktherapeut sowie ein Sozialarbeiter. Alle arbeiten unentgeltlich. Die Klinkleitung überlässt den RadiomacherInnen samstags den Hof, ansonsten gibt es von dort keine Unterstützung. Der Sender lebt von Spenden, Solidaritätsveranstaltungen und dem Verkauf der CDs mit den Mikroprogrammen. Manu Chao und andere Mestizo-MusikerInnen aus Barcelona unterstützen das Projekt mit ihrer Kompilation „La Colifata“. Stimmen und Versatzstücke aus Sendungsmitschnitten werden dort unter dem Thema „Siempre fui loco“ (Ich war immer verrückt) mit Ska, Reggae und Latino-Rhythmen gesampelt.
Seit 1991 präsentierten sich die colifatos 45 Mal in verschiedenen Städten mit einem Live-Akt im öffentlichen Raum. Meist fanden diese Veranstaltungen dort statt, wo lokale Sender die Mikroprogramme übertragen. Insgesamt werden ihre Programme wöchentlich von mehr als 30 Sendern in Argentinien und anderen lateinamerikanischen Staaten ausgestrahlt. Bis jetzt sind 36 Projekte bekannt, die das Modell in Argentinien, Uruguay, Mexiko, Chile und einigen europäischen Ländern kopiert haben. Im Lauf der Jahre wurden die colifatos mit etlichen Preisen ausgezeichnet.
Auch mit dem „Colifata Mobil“ mischen sich die RadiomacherInnen unter ihre HörerInnen. In dieser von KünstlerInnen bemalten 2-CV-Ente machen sie sich auf den Weg, um GesprächspartnerInnen zu interviewen. Die Interviews werden live per Handy von Radio Mitre, einem der größten Sender Argentiniens, ausgestrahlt. Seit 2004 sind die colifatos sogar gelegentlich im Fernsehen zu sehen. Eine Spezialsendung hatte bei ihrer Erstausstrahlung im Januar 2004 circa zwei Millionen ZuschauerInnen. Im Anschluss daran kamen 2.000 Rückmeldungen per Email. Für das Jahr 2005 wurde nun ein Abkommen über die Ausstrahlung von 30 TV-Mikroprogrammen mit dem städtischen Fernsehkanal von Buenos Aires abgeschlossen.

Kommunikation als Werkzeug

Der Erfolg macht auch nachdenklich. Nach einer Info-Tour der colifatos im Mai 2003 in Mexiko-Stadt erinnert sich der ehemalige La Borda-Patient und TV- sowie Radiomoderator Diego Piccicaco: „Der Verrückte oder Psychiatriepatient hat gelernt zu verstehen, dass das Mikrofon und die Kommunikation Werkzeuge sind, um andere zu erreichen. (…) Als wir an der Autonomen Universität von Mexiko (UNAM) waren, habe ich festgestellt, dass alle über Radio Colifata sprachen, aber die Verrücktheit mit Macht verwechselten. Dass der Verrückte das Radio als Kommunikationswerkzeug nutzt, bedeutet weder, dass er Macht hat, noch, dass er eine Ideologie schafft.“

Weitere Infos: www.lacolifata.org. Hier können die Mikroprogramme angehört und heruntergeladen werden.

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