«

»

Artikel drucken

Rap cubano – Stiefkind der Musikindustrie

Die Schlange der Wartenden vor dem Teatro América in der Avenida de Italia im Zentrum Havannas wird länger und länger. Immer neue Gruppen von Jugendlichen mit Baseballcaps, Sneakers, Baggie-Pants oder Sportklamotten stellen sich an. Alle wollen eine Eintrittskarte für das Konzert von S.B.S., einer der angesagtesten Rap-Bands Kubas. „Und das Beste ist,“ sagt Raúl enthusiastisch: „Tickets gibt es für Pesos, nicht für US-Dollar wie so oft. Das ist unsere Chance, S.B.S. endlich mal live zu sehen.” Der junge Bauarbeiter mit der Lakerskappe harrt, wie die meisten, seit rund zwei Stunden vor dem einzigen Kassenhäuschen aus. Doch die Stimmung ist ausgelassen, die Jugendlichen scherzen, einige tänzeln mit gekonnten Schritten aus der Reihe und posen, wie sie es den Rap-Stars auf MTV abgeschaut haben. Eintrittspreise von zehn US-Dollar und mehr, wie sie bei Konzerten in den großen Diskotheken üblich sind, können sich die meisten hier nicht leisten.
Seit S.B.S. 1995 das erste offizielle Rap-Festival in Alamar gewannen, gehört Raúl zum Fanklub. Seitdem hat die Band um den blond gefärbten Abel Bosmenier erfolgreich an ihrer internationalen Karriere gebastelt. Zwei CDs sind bereits auf dem Markt. Inzwischen sind die drei „Raperos“ beim spanischen Label Vale Music unter Vertrag und haben prompt ihre erste goldene Schallplatte in Mexiko gewonnen. Dort und in Spanien kommt ihre gefällige Mischung aus Rap, House, Salsa und Soca besonders gut an.
Aber auch in ihrer Heimat Kuba haben sie treue Fans. Die müssen sich allerdings auf dem Schwarzmarkt mit Tapes oder frischgebrannten CDs ihrer Lieblinge versorgen, denn importiert werden sie nicht. Dass sich S.B.S. auf den internationalen Markt ausgerichtet haben und eher kommerziellen Rap mit flachen Texten machen, stört Raúl nicht. Er will tanzen und Spaß haben.

Einfach mal „jammen“

Doch Kubas Hip-Hop-Szene hat mehr zu bieten als die geschmeidigen Jungs von S.B.S.. Rap-Bands wie Junta Directiva, Los Reyes de la Calle oder Anónimo Consejo haben ihren eigenen Stil und kritische Texte. „Dafür sind sie im Ausland nicht so populär“, sagt Ignacio Aristegui mit einem Achselzucken. Der 32-Jährige ist selbst „Rapero“ und wohnt in Havannas Vorort Alamar, der Hochburg des kubanischen Rap. Nach einigen gescheiterten Anläufen hat er gemeinsam mit Alexis Ortídez seine eigene Formation gegründet, Cubanos en Sí. In der Rap-Community Havannas sind die beiden seit langem bekannt. Ignacio ist schon früher als Gastsänger bei Junta Directiva aufgetreten und Alexis greift zum Mikro, wann immer sich die Gelegenheit bietet. Nicht selten schmeißen die Raperos aus Alamar ihr spärliches Equipment zusammen, um zu jammen: Auf eine Instrumentalnummer vom Band improvisieren sie, spielen mit Worten und Reimen. Doch auch die Instrumentalstücke sind nicht einfach zu kriegen und kosten zwischen zehn und zwanzig US-Dollar. Zu viel für den als Sicherheitsbeamten arbeitenden Ignacio, der gerade mal zehn US-Dollar im Monat verdient.
Von Mischern, Turntables und Samplern können die meisten „Raperos“ ohnehin nur träumen. Mittlerweile ist das eine oder andere zwar auch auf der Insel zu haben, aber ausschließlich zu überhöhten Dollarpreisen. Trotzdem träumen Cubanos en Sí von der eigenen CD. Möglich machen soll es Juan de Marcos González, ein zu Weltruhm gelangter Bandleader der Afro Cuban All Stars. Gonzáles wohnt in Alamar, wenn er nicht gerade auf Tour ist. Außerdem ist er mit Michael Jesús Risco, dem dritten Bandmitglied von Cubanos en Sí, verwandt. Das scheint zu helfen: Die drei konnten Gonzáles, der ein kleines Studio in seiner Wohnung aufgebaut hat, als Produzenten gewinnen und obendrein dessen Bruder Reinaldo Risco als Manager verpflichten. Mit dieser geballten Kompetenz im Rücken wird es schon klappen, hoffen die drei Raperos. „Wir wollen etwas Neues versuchen und die traditionellen kubanischen Musikstile mit dem Rap fusionieren“, sagt Alexis, der gemeinsam mit Ignacio das Gros der bisher zwanzig Stücke geschrieben hat. Damit begibt sich die Gruppe auf die Spuren der Band Orishas, die mit ihrer CD „A lo Cubano“ international für die gelungene Verschmelzung von Son und Rap steht. Gleiches haben Cubanos en Sí auch mit anderen Stilen, wie der Guaracha, dem Mambo oder dem Danzón vor.

Noch nicht als Musikstil anerkannt

Doch anders als bei den Orishas soll der Beatteppich nicht vom Band beziehungsweise aus dem Sampler kommen, sondern zumindest teilweise live gespielt werden. Auf ihrem Demotape kann man die Konturen ihres ehrgeizigen Projekts schon gut erkennen. Satte Funk-Einflüsse lassen zudem aufhorchen. Funk steht bei den Raperos hoch im Kurs. Bereits bei Primera Base, die 1996 als erste kubanische Hip-Hop-Band Aufnahmen in einem Plattenstudio machen konnten, sorgten fette Funkbeats und gelungene Saxofon-Soli für Abwechslung. Ihr Album „Igual que tú“, das sie für das panamesische Label Caribe Production einspielten, wurde 1997 auf der nationalen kubanischen Musikmesse ausgezeichnet.
Weder ihnen noch dem Rap cubano hat die kurzfristige Aufmerksamkeit zum Durchbruch verholfen. Die kubanischen Labels, allen voran die staatliche Egrem, tun sich schwer mit dem neuen Musikstil. Rap wird, wenn überhaupt, als Jugendkultur wahrgenommen, nicht aber als ernst zu nehmender Musikstil. So stehen Primera Base wie nahezu alle anderen Hip-Hop-Bands ohne Plattenfirma da. Zudem thematisieren viele der Rap-Gruppen Alltagsprobleme, über die sonst nur mit vorgehaltener Hand geredet wird.
„Letra picante“ nennen die Raperos ihre Texte, die brisante Themen wie das leidige Transportproblem, die Prostitution oder die schlechte wirtschaftliche Lage anprangern. „Aber das sind genau die Dinge, die unseren Alltag prägen und die hier interessieren“, sagt DJ Ariel, der seit Jahren in der einzigen Rap-Disco Havannas, der „Pampa“, Platten auflegt. Mittlerweile hat er sich darauf verlegt, Rap-Partys am Wochenende zu organisieren. Zwangsläufig, denn die „Pampa“, die einen Steinwurf von Havannas Uferpromenade, dem Malecón, entfernt liegt, ist wegen Renovierung geschlossen. Wann sie wieder aufmacht und ob das Publikum dann noch mit Pesos cubanos bezahlen darf, weiß auch Ariel nicht. Damit hat Havannas Rap-Community einen weiteren Treffpunkt verloren, denn auch in der Casa de la Cultura in der Altstadt Havannas können sich die kubanischen Raperos nicht mehr zum Proben treffen. Sie wurden Opfer einer Programmänderung, heißt es lapidar. Mit Unterstützung von offizieller Seite können die Raperos nicht rechnen. Das einzige Highlight ist das alljährlich im Juni stattfindende Rap-Festival in Alamar. „Den Rest des Jahres passiert hier so gut wie nichts,“ murrt Alexis. Ob sich mit dem internationalen Erfolg der Orishas oder S.B.S. daran etwas ändern wird, bleibt abzuwarten. Immerhin erhielten Rap-Gruppen wie Los Reyes de la Calle, Anónimo Consejo oder Obsesión erstmals offizielle Einladungen zu den zahlreichen staatlich organisierten Neujahrsfestivals, die landesweit am 1. Januar veranstaltet werden.
Hier konnten sie vor großem Publikum zeigen, was sie drauf haben. Mit dabei waren auch die in Paris lebenden Orishas, die den Jahreswechsel auf der Insel verbrachten und gleich mehrere Konzerte in Havanna gaben. Nur vom Plattenteller, aber nicht minder mitreißend, heizen die innovativen musikalischen Arrangements der Orishas dem ohnehin aufgedrehten Publikum auch beim S.B.S.-Konzert im Teatro América ein. Und als Abel, Rigoberto und Alejandro, die durchgestylten Jungs von S.B.S., endlich auf die Bühne kommen, hält die Jugendlichen nichts mehr auf ihren Sitzen. Raúl groovt mit der Menge zu der mit Timba-Elementen reichlich gewürzten glatten Tanzmusik der kubanischen Boy-Group.

Anspieltipps:Primera Base, Igual que tú, Caribe Productions, Vertrieb: No Problem Records 1997. Hora de abrir los ojos – Rap Cubano, Anicel Records 1998.
S.B.S., Sigue al líder, Vale Music 1999.
Orishas, A lo cubano, EMI 1999

Permanentlink zu diesem Beitrag: https://lateinamerika-nachrichten.de/artikel/rap-cubano-stiefkind-der-musikindustrie/