Kuba | Nummer 246 - Dezember 1994

Regenerative Energien im Aufwind

Unterstützung durch den Verein KarEn

Das Jahr 1989 markierte in Kuba den Beginn eines tiefen Einschnittes in den Energiesektor. Im Tausch gegen Zucker erhielt Kuba damals noch 13´ 3 Millionen Tonnen Erdöl aus der UdSSR. Genug, um mit dem Reexport überschüssiger Mengen gar Devisen zu verdienen. Inzwischen geht ein Großteil der Importausgaben für den Minimalbedarf von 6 Millionen Tonnen Erdöl drauf. Stromsperren, Transporteinschränkungen und ein drastischer Produktionsrückgang infolge Treibstoffmangels sind das Resultat. Das im Mai 1993 verabschiedete „Programm zur Entwicklung der nationalen Energiequellen“ soll nun die Energiekrise lindern. Regenerative Energiequellen stehen dabei im Mittelpunkt. Unterstützt wird Kuba bei diesem aus der Not gebotenen Programm von dem „Verein zur Förderung alternativer Energien in der Karibik -(KarEn)“, der im Mai1992 von Vertreterlnnen verschiedenster (entwicklungs-) politischer Gruppen aus Gesamtberlin gegründet wurde. Der Autor dieses Beitrags ist Vorstandsmitglied von KarEn.

Markus Rostan

Die wirtschaftlichen Probleme Kubas sind mehr als nur eine Folge der Ölknappheit. Zum simplen Fehlen von Erd61 kommt noch der eklatante Mangel an Ersatzteilen für die Kraftwerke, Omnibusse und landwirtschaftlichen Maschinen, die über-wiegend aus den ehemaligen COMECON- Staaten stammen. Nach den Erfahrungen, die ich während eines halbjährigen Aufenthalts von September ’93 bis April ’94 in Kuba machen konnte, gewinnt dieser Mangel immer größere Bedeutung, da sich die Versorgung mit Erdöl, wenn auch auf niedrigem Niveau, einigermaßen stabilisiert hat. in Richtung Stabilisierung zielt auch das kürzlich abgeschlossene Jointventure-Abkommen mit Mexiko über den Raffineriebetrieb in Cienfuegos. Die mit einer täglichen Verarbeitungskapazität von 65.000 Barre1 größte kubanische Raffinerie soll zukünftig mexikanisches Erdöl sowohl für den Inlands- als auch für den Exportrnarkt verarbeiten. 200 Millionen Dollar sollen zu diesem Zwecke als Anfangsinvestition getätigt werden.
Krisenmanagement mittels Energieprogramm Die Maßnahmen des kubanischen Staates zur Verbesserung der Situation reichen von der massenweisen Einfuhr von Fahrrädern bis zur Wiederbenutzung von Ochsengespannen in der Landwirtschaft. Die zentrale Rolle spielt jedoch das „Programm zur Entwicklung der nationalen Energiequellen“. Im Juni war das Programm Diskussionsgegenstand in der Nationalversammlung des Poder Popular. Alle Institutionen und die Bevölkerung wurden daraufhin aufgerufen, an der Verwirklichung mitzuarbeiten. Ziel des Programms ist es, in einer ersten Etappe den Beitrag der nationalen Energiequellen auf ein Äquivalent von 3 bis 4 Millionen TonnenErdö1 zu steigern, um im weiteren Verlauf diesen Anteil zu verdoppeln und somit Ca. ein dem Ölimport von 1992 entsprechendes Energiepotential zu erreichen. Gleichzeitig soll eine rationellere Energieverwendung vorangebracht werden.
Zucker, Sonne und Erdöl
Neben dem einheimischen Erdöl stehen Zucker und andere regenerative Ener­giequellen im Mittelpunkt des Vorhabens. Innerhalb der Zuckerindustrie soll durch Strom-und Prozeßwärmeerzeugung mittels dem Verbrennen von Preßrückständen des Zuckerrohrs, der Bagasse, ein Anteil von 45 Prozent bei der heimischen Energieerzeugung zum Ende der ersten Etappe erreicht werden. An zweiter Stelle steht der Ausbau der heimischen Erdölförderung. Die Erschließung neuer Erdöl-vorkommen mit Hilfe ausländischer Unternehmen und Technologie soll eine Bedarfsdeckung von 40 Prozent gewährleisten. Last but not least sollen regenerative Energiequellen wie Wasserkraft, Solarenergie, Windenergie, Biogas etc, gefördert werden und die restlichen 15 Prozent des Energiesolls abdecken. Zusammen kämen die regenerativen Energiequellen nach Abschluß der ersten Etappe somit auf einen Anteil von 60 Prozent an der inländischen Energieerzeugung.‘
Das Programm konnte relativ schnell aus-gearbeitet werden, da in Kuba bereits seit 1983 systematischen der Erforschung und Anwendung der regenerativen Energie- quellen gearbeitet wird. in diese Zeit fällt
z. B. die Gründung des „Solarforschungszentrums“ in Santiago de Cuba („Centro de Investigación de la Energía Solar“ -CIES) oder die Gründung der „Nationalen Energiekommission“ („Comisión Nacional de Energía“ -CNE). Dieser Kommission oblag die Ermittlung der verschiedenen Energiepotentiale und das Er-arbeiten von Verbreitungsprogramrnen (z. B. Verbreitungsprogramm für Klein-und Kleinstwasserkraftwerke), aber auch von Energiesparprogrammen. Die Kommission wurde jedoch im Zuge einer Kabinettsreform im Sommer dieses Jahres wieder aufgelöst. Die Atomenergie und damit das auch in Kuba umstrittene Kernkraftwerk in Cienfuegos spielt im Programm keine Rolle. Allerdings gibt es auch keinen Beschluß, das zu 80 Prozent fertiggestellte Kraftwerk nicht weiter zu bauen. Sollte sich“ also ein geeigneter Investor finden, würde
aller Wahrscheinlichkeit nach zu Ende gebaut werden. Viele der NukleartechnikerInnen satteln indes aber bereits auf regenerative Energien um.
J
U
Ein entscheidendes Manko des Programms ist das Fehlen eines konkreten Zeitrahmens, in dem die Bauetappen-: abgeschlossen werden sollen. Begründet wird dies mit der mißlichen Finanzsituation, die eine Aussage über den Zeitpunkt : der notwendigen Investitionen nicht zu; ließe. Damit fehlt aber auch der entscheidende Druck für die Verwaltungen des betroffenen Bereiche, das Programm mit der notwendigen Konsequenz umzusetzen. Alles in allem bedeutet es dennoch einen. enormen Auftrieb für den Ausbau. der Nutzung von regenerativen Energiequellen auf Kuba.
Um Kuba bei der Lösung seiner gravierenden Energiekrise behilflich zu sein, führte KarEn in den vergangenen zwei Jahren zahlreiche Projekte durch. Die guten Rahmenbedingungen, wie die gute Unterstützung seitens der politischen Institutionen und das vorhandene Wissen über Anwendungsbereiche und -formen von alternativen Energien erleichterten die Umsetzung der Vorhaben Zu den wichtigsten gehören: die Finanzierung eines Werkstatt- und -, Laborfahrzeugs zur Installation und Wartung von Photovoltaikanlagen (PV-Anlagen) durch den „Verteilerrat Nord -Süd“ . und KarEn.
-die Elektrifizierung von „Casas del Medico de la Familia“ (Arztehäusern) in abgelegenen (Berg-)Regionen mit PV-Anlagen, in Kooperation mit „Sodi e. V.“.
„CubaSi-Dresden“ U. a. Dies im Rahmen -eines Gesamtprogramms für ca. 900 solcher „Arztehäuser“ in Kuba.
Für die Montage dieser Anlagen wird das oben . genannte Fahrzeug verwendet.

-ein halbjähriger Arbeits-und Weiterbildungsaufenthalt eines kubanischen Ingenieurs beim Elektrotechnikerkollektiv „Wusetronik“ in Berlin.
-die Einschätzung des kubanischen Windpotentials. Ein Projekt, das‘ vom „Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Raumordnung (MUNR) in Brandenburg finanziert wird. Es beinhaltete zudem die Fortbildung von zwei kubanischen Ingenieurlnnen in Windmessung und an den Windmeßgeräten.
-die Vernetzung von drei bestehenden Kleinwasserkraftwerken und ihr Anschluß an das nationale Energienetz in Kooperation mit „InterRed“ aus Frankfurt/M.
-die Planung eines Wind-Diesel-Hybrid- Systems für Netzparalellbetrieb in einer Fischereikooperative. Dieses Projekt soll die KubanerInnen in die Lage versetzen, selbst solche Systeme aufzubauen. Hierfür ist KarEN noch auf der Suche nach Finanzmitteln.

Bei diesen Projekten arbeitet(e) KarEn mit Forschungseinrichtungen wie dem CIES und mit kirchlichen Organisationen zusammen. in letzter Zeit vertiefen wir die Zusammenarbeit mit neu gegründeten Nichtregierungsorganisationen in Kuba, die sich mit der Verbreitung von alternativen Energien und mit Umweltschutz beschäftigen (z. B. CUBASOLAR und ProNATURALEZA). Dabei stehen bei der gesamten Arbeit von KarEn folgende Ziele im Vordergrund: –die Unterstützung von fortschrittlichen Menschen in Kuba, die sich für die Verbreitung und verstärkte Anwendung von regenerativen Energien einsetzen, und die sich natürlich auch in Kuba gegen gewachsene Strukturen und Vorurteile behaupten müssen.
-die Lösung lokaler Energieprobleme und damit Initiierung einer Dezentralisierung der Energieproduktion in Kuba. Somit wird eine stärkere Einbindung der Bevölkerung erreicht.
-der Transfer von Technologie und Know-How.
-die Unterstützung konkreter Projekte durch Geld und fachliche Begleitung und Beratung, die wir von Dritten (Firmen, WissenschaftlerInnen etc.) erhalten können
-die Forderung direkter technisch-wissenschaftlicher Kontakte, zB. zwischen Forschungseinrichtungen, die Ermöglichung von Praktika oder Forschungsarbeiten hier und in Kuba. Durch solche Kontakte wer-den neue Ansätze und Lösungsmöglichkeiten vermittelt und ausgetauscht.

Zukünftig sollen zusätzlich ‚Projekte durchgeführt werden, die einen „innerkaribischen“ Austausch fördern.
Bei der Arbeit hat KarEn mit zwei grundlegenden Problemen zu kämpfen. Erstens werden die anstehenden Arbeiten von den
-noch immer zu wenigen aktiven -Mit-gliedern von KarEn ehrenamtlich bewältigt. Zweitens sind viele staatliche und europäische Fördertöpfe für Entwicklungspmjekte wegen der Blockadehaltung der Bundesregierung und der EU nicht anzapfbar, so daß andere Finanzierungsmöglichkeiten gesucht werden müssen. Dies fordert oft viel. Überzeugungsarbeit, was eine zusätzliche Arbeitsbelastung mit sich bringt.
Somit kann die Arbeit von KarEn vor allem durch eine (aktive) Mitgliedschaft unterstützt werden, aber auch Spenden (auf die unten genannten Konten) sind herzlich willkommen Wer noch mehr über uns er-fahren will, kann uns gerne (an die unten genannte Adresse) schreiben

Ähnliche Themen