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Schönheit von Innen

In einer Kleinstadt im dünn besiedelten brasilianischen Bundesstaat Matto Grosso geboren, zog die 14-jährige Vanessa da Mata nach eigenen Angaben aus, um Medizin zu studieren. Das klingt, als erzähle sie noch heute die Version, mit der sie ihr Vorhaben damals vor ihren Eltern rechtfertigen musste, denn schon wenig später trat sie in Bars von São Paulo als Sängerin auf. Über akademische Aktivitäten ist in ihrer Kurzbiografie nichts weiter zu lesen. Dass der Plan Sängerin zu werden keine Teenager-Flause war, sondern vielmehr ihrer Berufung entsprach, davon zeugt ihr mittlerweile drittes Album SIM, zu deutsch „Ja”, auch wenn dies der erste, zwangsläufig optische, Eindruck des Albums nicht vermuten lässt.
Das Cover zeigt die Sängerin, die Augen leidenschaftlich geschlossen, den Kopf nach hinten geworfen, mit wehenden Kleidern und Haaren. Das weckt Erwartungen, die so glücklicherweise nicht erfüllt werden. Umso größer ist die Überraschung über ein derart hervorragend komponiertes und arrangiertes musikalisches Werk. SIM ist ein wahrer Schmelztiegel verschiedenster musikalischer Elemente. Über die verschiedensten afro-brasilianischen Rhythmen legen sich Reggae- und Rockgitarren sowie funkige und elektronische Orgelklänge. Daraus wird jedoch kein Ethno-Mosaik, sondern ein Stil aus einem Guss, der eigenständig und geschmeidig, und dazu offenbar auch noch massenkompatibel ist. Bereits ihr Vorgänger-Album, das in Deutschland noch immer nur als Import zu haben ist, brachte es in Brasilien und Portugal zu Platin.
Bestes Beispiel für diese Kombination aus Eigenwilligkeit und Eingängigkeit ist ihr Duett mit Ben Harper. Die butterweiche Slide-Gitarre des Nordamerikaners und seine ebenso soulige Stimme vereinen sich mit dem eher sanften Organ der Südamerikanerin, Bossa Nova- Schlagzeug, Hammond-Orgel und funkiger Staccato-Gitarre zu einem unglaublich runden Klang. Fast im Kontrast dazu singen die beiden von der Trennung zweier Menschen, die sich „Boa Sorte“ (Viel Glück) wünschen. Dass dieser außergewöhnliche Song auch außerhalb Brasiliens, in Portugal und der Schweiz, bereits ein Hit war, verwundert daher weniger, als dass er hierzulande bislang nur selten gespielt wird.
Einen ganz anderen Stempel als Ben Harper hinterlässt das jamaikanische Bass und Rhythmus-Duo Sly & Robbie, das Vanessa da Mata bei vier der zwölf Songs auf SIM begleitet. Neben dem Reggae-Offbeat, den die „Riddim Twins” einbringen, bleiben die brasilianischen Wurzeln so deutlich hörbar wie in jedem anderen Song. In „Pirraça“ beispielsweise verbinden sich karibische Klänge mit dem brasilianischen Tanzrhythmus Baião. Und wie in den meisten anderen Songs vermitteln die Harmonien eine eigenartige Mischung aus Optimismus und Schwermut.
Dass Vanessa da Mata auch sehr gut ohne ihre Gaststars kann, stellt sie gleich zu Beginn des Albums mit der „Funksamba” Baú unter Beweis, die von einer verzerrten Orgel begleitet wird. Am Ende wird es dann immer jazziger und auch in diesem Genre scheint sie sich wohl zu fühlen. Mit „Meu Deus“, zu deutsch „Mein Gott“, wird es dann leider etwas frömmelnd und kitschig. Wer das mag, hört wenig später sogar noch eine Oboe und ein Englischhorn einsetzen. Wer hingegen vorzeitig ausschaltet verpasst auch bei der letzten Nummer, einem Solo mit Gitarre, nicht mehr viel. Bis dahin hat man jedoch schon zehn großartige Songs genießen können.
Was für ein Glück also, dass Vanessa da Mata als Teenager so vernünftig war nicht Ärztin sondern Musikerin zu werden. Für ein hoffentlich folgendes Album wäre sie allerdings gut beraten ihre offenkundige Schönheit etwas dezenter und weniger pathetisch zu inszenieren. Vor allem um keine falsche Erwartungen zu schüren, denn oberflächliche und seichte Wohlfühlmusik hat sie offenbar nicht im Repertoire.
// Jannes Bojert

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