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„Tango ist wie Heavy Metal“

Wenn man dich zum ersten Mal auf der Bühne sieht und singen hört, ist die Verwunderung zunächst groß. Wie erklärst du dir diese Reaktion des Publikums?

Das hängt vor allem mit einer verlorenen Art zu singen zusammen, mit einer „tímbrica perdida“. Es ist eine Stimme, die an die frühe Zeit des Tangos erinnert, an die 20er und 30er Jahre, die in meinem Fall sehr eng mit der argentinischen Folklore verbunden ist. Ich glaube, dass die Verwunderung des Publikums aber auch an meinem Aussehen liegt, denn ich sehe eher wie ein Rockmusiker aus, und dieser Kontrast überrascht dann sehr. Außerdem hole ich längst vergessene Lieder ans Tageslicht, so dass man den Leuten Zeit geben muss, sich wieder an sie zu gewöhnen. Es kommt noch hinzu, dass ich beim Singen extrem konzentriert bin, ich gerate in eine Art Trance, weil ich mich den Liedern absolut verpflichtet fühle.

Du sprichst davon, eine „tímbrica perdida“ zu bewahren. Was genau bedeutet das?

Es bedeutet, die argentinische Folklore mit der Musik aus der Stadt zu vereinen. Das Kreolische mit dem Urbanen. Die Musik der Stadt und die Musik vom Lande, vereint in einer einzigen Stimme. Das hängt damit zusammen, dass ich in einem kleinen Dorf aufgewachsen bin, wo die Leute immer schon Folklore gehört haben. Ich bin also eine Mischung aus einem Folklore- und einem Tangosänger. Auf dieser Vielfalt beruht der Klang meiner Stimme.

Warum ist es dir so wichtig, gerade die frühen Tangosänger und ihre alten Lieder vor dem Vergessen zu retten?

Weil ich glaube, dass diese Sänger ihrem Gesang sehr verpflichtet waren. Sie hatten einen großen Respekt vor der Melodie eines Tangos. Sie sangen, ohne auf die leichte Verführung des Publikums zu setzen, sondern waren vielmehr ganz auf ihren Gesang konzentriert. Das beeindruckt mich sehr an den frühen Sängern. Es waren sehr starke Persönlichkeiten, die sich nur auf ihre Kunst konzentrierten, ohne Posen oder andere fremde Elemente. Das ist es, was mich interessiert: ein Künstler, der nur auf seine Kunst fixiert ist. Und wenn ich ein Lied auswähle, dann ist mir wichtig, dass es seine Gattung auch überschreitet, dass es mehr als ein Tango ist. Danach wähle ich meine Lieder aus.

Würdest du diese Suche nach ganz bestimmten Liedern als die Bewahrung eines musikalischen Erbes bezeichnen?

Genau das ist es. Der Tango ist zeitlos. Er ist eine musikalische Gattung, die schon so lange überdauert hat und immer da sein wird. Der Tango hat es nicht nötig, „in“ zu sein. In Argentinien wurde er sehr lange von den Massenmedien ignoriert, aber er ist den Menschen immer durch einen Sänger oder durch ein Orchester präsent gewesen. Ich habe mich gefragt, was es eigentlich ist, welches Geheimnis den Tango umgibt, dass ich im Jahr 2005 Lieder aus den 30er Jahren singe, die sich wiederum anhören, als wären sie erst gestern geschrieben worden. Es ist diese Aktualität und Gültigkeit, die mich immer wieder überrascht. Bei meinen Konzerten berührt es mich sehr, vom Geist der über 60 Jahre alten Liedern umgeben zu sein und gleichzeitig zu wissen, dass ich mich im Zeitalter des Internets und des Computers befinde.

Warum lässt du dich nicht von einem Bandoneón begleiten?

Mein Repertoire hängt auch mit den Liedern zusammen, die ich als kleiner Junge gehört habe. Ich bin in Maipú, einer kleinen Stadt in der Provinz Buenos Aires aufgewachsen, und dort habe ich immer Folklore gehört und deshalb auch Gitarre gespielt. Gerade der Gitarre fühle ich mich sehr verbunden. Das Bandoneón habe ich niemals gebraucht, um meine Musik auszudrücken. Aber es gibt auch ein Stück von mir, wo ein Bandoneón dabei ist und es wird vielleicht noch weitere geben. Doch es ist sicherlich kein grundlegendes oder gar unersetzliches Instrument für die Begleitung meines Gesangs.

Für viele Menschen in Deutschland bedeutet Tango Traurigkeit, Verzweiflung oder der Verlust eines geliebten Menschen. Bist du mit diesem Stereotyp einverstanden?

Nein. Der Tango ist von seinem Wesen her eine sehr offene Gattung. Es gibt Tangos, die vom Leben erzählen. Manche preisen die Freundschaft. Sie reden also nicht nur von Traurigkeit und von Verlust. Ich glaube sogar, dass der Tango mit Freundschaft gleichzusetzen ist, weil er Kameradschaftlichkeit und Nähe bedeutet. Er bietet uns die Möglichkeit, sich unseren Großeltern anzunähern, ihnen zuzuhören und von ihnen zu lernen. Das alles ist Tango für mich. Er bedeutet auch Leidenschaft und Gefühl. Und Tango hat eine eigene Identität, mit einer eigenen Poesie und einer sehr ausdrucksstarken Musik.

Du hast auch mit dem Bajofondo Tango Club zusammengearbeitet, einem argentinisch-uruguayischen Projekt, das elektronische Musik mit Tango verbindet und momentan weltweit für Aufsehen sorgt. Was hast du von dieser Idee der Zusammenarbeit ursprünglich gehalten?

Ehrlich gesagt hatte ich Angst. Für mich war es etwas völlig Neues, einen Tango über eine vom Computer geschaffene musikalische Basis zu singen. Als Gustavo Santaolalla, einer der Köpfe des Projekts, mich einlud um bei ihnen mitzuarbeiten, habe ich es erst für einen Witz gehalten. Ich konnte mir wirklich nicht vorstellen, in welcher Form ich an dieser Aufnahme teilhaben würde. Aber das Ergebnis dieser Kooperation war eine Überraschung. Wir haben mit großer künstlerischer Freiheit zusammengearbeitet und uns gegenseitig sehr respektiert. Deswegen glaube ich, dass es diesen Versuch wert war. Es ist nicht mein eigentlicher Ansatz, den ich zukünftig weiter verfolgen werde, aber es war sehr interessant. Letzten Endes habe ich es sehr genossen.

Von dir stammt das Zitat „Tango ist wie Heavy Metal.“ Was soll das heißen?

Tango ist ungeschminkt, stark und leidenschaftlich. Ich verbinde mit Heavy Metal den kräftigen und genauen Schlag auf die Trommel. Genau so ist der Tango. Er ist wie ein gut getrunkener Wein oder wie die kräftige Umarmung zwischen Freunden. Oder wie der Kuss auf die Stirn deines Vaters oder deiner Mutter. Das ist der Tango. Er ist Leidenschaft und Blut.

Die CD mit dem Titel „Cristóbal Repetto” erscheint im Januar 2006 bei Universal.

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