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Tourismus-Apartheid

Blaue Uniformen prägen nicht nur das Straßenbild in Kubas Hauptstadt. Auch an den Stränden zeigt die Polizei Präsenz. Mit dreirädrigen Strandhoppern patroulliert die Ordnungsmacht an den Playas del Este, den Hausstränden Havannas, genauso wie in Varadero oder Holguín. Doch es sind nicht nur die Patrouillen und die dauernden Ausweiskontrollen, die vielen Kubanern aufstoßen. Nereo Navarette Colón, der in der Nähe Holguíns, im Nickelabbaugebiet Moa, aufwuchs, und hin und wieder seine Familie in der Region besucht, regt sich auch über die Sperrung von Strandabschnitten für Kubaner auf. „Es sind die besten Stellen, die für die Touristen besetzt werden und wir Kubaner können sehen wo wir bleiben“, ereifert er sich. Nereo fühlt sich diskriminiert und die spitze kubanische Zunge hat dafür natürlich längst einen Begriff erfunden: die Tourismus-Apartheid. Von Jahr zu Jahr sind es mehr Touristen, die nach Kuba reisen. 1999 waren es knapp 1,65 Millionen. Dieses Jahr soll die 2-Millionen-Hürde übersprungen werden. Mit niemand geringerem als Javier Sotomayor, dem in Kuba äußerst beliebten und wegen Dopings gesperrten Weltrekordler im Hochsprung, wirbt die Regierung für ihre Tourismusoffensive. Plakate, auf denen Sotomayor die auf 2 Millionen Besuchern liegende Hochsprunglatte locker überquert, hängen nicht nur in Reisebüros.

Sprung über zwei Millionen

Doch die zwei Millionen Marke ist nur ein Etappenziel. Zielperspektive für das Jahr 2010 sind nicht weniger als 12 Millionen Touristen im Jahr, erklärte Vizetourismusminister Eduardo Rodríguez de la Vega auf der internationalen Tourismusmesse im Mai in Havanna. Dann würde alljährlich pro EinwohnerIn ein(e) TouristIn nach Kuba reisen. Ob seine Landsleute ebenso begeistert sind von dieser Perspektive wie der Herr Minister, der mit Einnahmen zwischen 12-15 Milliarden US-Dollar rechnet, darf bezweifelt werden.
Ohnehin sind die Auswirkungen des Tourismusbooms in Kuba alles andere als positiv. Den Bruttoeinnahmen von rund zwei Milliarden US-Dollar (Nettoeinnahmen: circa 800 Millionen US-Dollar), die der Tourismus im letzten Jahr erwirtschaftete, stehen vielfältige negative Auswirkungen gegenüber. Die zunehmende Prostitution und erste Anzeichen für den organisierten Frauenhandel haben die Regierung im September 1998 aufschrecken lassen. Bei einer Razzia hoben die Beamten einen Frauenhändlerring aus. Sechs Kubaner wurden festgenommen, die junge Frauen im Osten der Insel angeheuert und zur Prostitution nach Havanna gebracht hatten. Umgehend wurden die Angeklagten dem Richter vorgeführt, der noch im gleichen Monat den Rädelsführer Tedy González, zu einer Haftstrafe von 25 Jahren verurteilte. Seine Spießgesellen kamen mit Freiheitsstrafen zwischen fünf und zehn Jahren vergleichsweise glimpflich davon.
Organisationsgrad und Professionalität der Zuhälter überraschten nicht nur die Beamten, sondern auch große Teile der Bevölkerung, denn die organisierte Prostitution galt seit der Revolution von 1959 als ausgemerzt. In den Regierungsstellen schrillten die Alarmglocken. Der Chef der kommunistischen Partei Havannas Esteban Lazo, mahnte auf einer Fachtagung Mitte Oktober 1998, die Prostitution könne sich zu einer Lawine auswachsen, die die kubanische Revolution unter sich begräbt, wenn nicht rechtzeitig interveniert werde. „Wir wissen, dass 60 Prozent der Prostituierten einen oder mehrere Zuhälter haben, und wenn wir nicht energisch gegen alle, die die Prostitution fördern, Taxifahrer wie Zimmervermieter, vorgehen, werden wir das Phänomen nicht beseitigen“.

“¿Puros, ron o una chica mulata?“

Seitdem wurden Strafgesetze gegen Zuhälterei und Kuppelei empfindlich verschärft, mehrere Tausend Polizisten neu eingestellt und nicht nur leichtbekleidete Frauen müssen mit der Überprüfung durch die Beamten rechnen. Kuba, so die Leitlinie, soll nicht wie der Nachbar Dominikanische Republik oder Thailand ein Eldorado für Sextouristen werden. Das rigide Vorgehen der Ordnungsmacht gegen Prostituierte, denen Resozialisierungseinrichtungen drohen, gegen Zuhälter, die mit bis zu 25 Jahren Haft rechnen müssen und gegen Kuppler hat erste Früchte getragen. Während die Touristen früher beim Verlassen des Hotels gleich von Jugendlichen mit der obligatorischen Frage „¿Puros, ron o una chica mulata?“ konfrontiert wurden, findet dies heute nur noch im Verborgenen statt. Davon abzuleiten, dass mit der Verdrängungsstrategie die Prostitution unter Kontrolle sei, ist allerdings vermessen, denn an den Ursachen der Prostitution hat sich nichts geändert.
Das weiß auch Rosa Miriam Elizarde, eine kubanische Journalistin, die sich seit Jahren mit der zunehmenden Prostitution in Kuba beschäftigt. Nach einer Umfrage, die sie für die Wochenzeitung Juventud Rebelde unter 33 Prostituierten durchführte, kam sie zu dem Schluss, dass die meisten Frauen sich prostituieren, um einen überdurchschnittlichen Konsum aufrechtzuerhalten. Es gehe ihnen nicht um die Befriedigung von Grundbedürfnissen, sondern darum, ohne viele Anstrengungen das zu bekommen, was ihren Vorstellungen von Glück entspräche: Dollar in der Tasche, Elektrogeräte, modische Kleidung, Ausflüge, Hotelaufenthalte und in einem nicht zu unterschätzenden Maße die Möglichkeit, einen Ausländer zu heiraten und auf der Suche nach einem „Paradies“ außer Landes zu gehen. Ohnehin sei diese Tätigkeit, so Elizarde, bei den meisten Frauen mit denen sie gesprochen habe unbeständig.
Ob professionell, beständig oder unbeständig. Die Untersuchung der Journalistin zeigt, dass sich die kubanische Jugend nicht mit den beschränkten Angeboten der Regierung arrangieren will. Das Konsumbedürfnis ist nicht zuletzt über den Kontakt mit den TouristInnen, die sich in den Augen der Kubaner alles leisten können, geweckt. Und in den Dollarläden der Regierung stapeln sich all die Produkte, die sich viele Kubaner wünschen, aber nicht bezahlen können. Mit dem kubanischen Durchschnittslohn von derzeit rund 220 Peso bleiben Markenturnschuhe von adidas, Nike oder Puma, die fünfzig Dollar und mehr kosten, unerschwinglich.
So drücken sich Jugendliche vor dem Reebok-Shop in der Nähe der Plaza Central die Nasen an der Scheibe platt, um zumindest einen Blick auf die begehrten Produkte zu erhaschen. Eltern können ihren Kindern kaum mehr etwas bieten, denn das karge Peso-Gehalt reicht gerade für das Nötigste und oftmals nicht mal dafür. „Eine vierköpfige Familie benötigt rund 1000 Peso im Monat, um über die Runden zu kommen“, erklärt Ricardo, ein arbeitsloser Elektriker und Vater zweier Kinder. Mit den Pesos aus der staatlichen Lohntüte kommt in Kuba kaum jemand aus. „Fast alle Kubaner verdienen sich mit kleinen Geschäften in der Grauzone zwischen Legalität und Illegalität etwas dazu“, erklärt der 27-jährige.
Die Jagd nach dem Dollar prägt den Alltag vieler Familien in Havanna, denn allein die Währung des Klassenfeindes öffnet die Türen in das kubanische Dollarparadies. Große Einkaufszentren sind in den letzten Jahren nicht nur in Havanna ebtstanden. Dort kann man nicht nur all das kaufen, was die Touristen in Kuba zur Schau stellen, sondern auch die Produkte, die es auf Pesobasis schon lange nicht mehr gibt: Kühlschränke, Farbfernseher, moderne Einbauküchen oder eine gute Flasche Wein, Baguette und Käse für einen französischen Abend. Und die Produkte werden abgesetzt. Leisten können sie sich nicht nur Kubaner mit Verwandten im Ausland, die ihnen regelmäßig Dollars schicken, sondern auch Künstler mit Auslandsengagements, Eigentümer von kleinen Restaurants, den Paladares, oder Pensionen und diejenigen, die auf dem Schwarzmarkt ihr Geld verdienen. Zugang zum Dollar, der halboffiziellen Leitwährung, haben mittlerweile viele Kubaner. Bauern, die ihre Produkte auf den Bauernmärkten für gutes Geld verkaufen und in den Wechselstuben zum Kurs von 20:1 in den Greenback tauschen, gehören genauso dazu, wie die Angestellten im Tourismussektor oder Arbeiter in besonders wichtigen Industriezweigen, wie dem Erdölsektor, der Stromversorgung oder dem Tabaksektor. Um die 60 Prozent der Kubaner, so geht es aus offiziellen Quellen hervor, haben mittlerweile auf dem einen oder anderen Wege Zugang zum Dollar. Sei es über Prämien, Lohnzuschläge oder über die remesas, die Geldüberweisungen aus dem Ausland.

Dollars gegen den Staatsbankrott

Dass die Einführung des Dollar die Gesellschaft in einen Teil mit Dollarzugang und einen ohne gespalten hat, gibt auch Vizefinanzminister Rubén Toledo Díaz zu. Für den Minister war die Legalisierung des US-Dollar im Juli 1993 die einzige Möglichkeit, um den Bankrott, den Zusammenbruch des Landes zu vermeiden. „Damit waren große Risiken verbunden, so zum Beispiel die Auswirkungen auf die Arbeitsmoral, die privatwirtschaftlichen Aktivitäten, aber es war eine Notmaßnahme, die nichts zu tun hat mit den Programmen zur gesellschaftlichen Entwicklung des Landes, nichts zu tun hat mit dem Ziel, die sozialistische Gesellschaft in Kuba zu verbessern“, betont der 49-jährige im Interview. Ohne die Abschöpfung der Dollars, die damals in Kuba zirkulierten, wäre Kuba bankrott gewesen, hätte die Regierung 1993 nicht die zum Überleben nötigen Lebensmittel importieren können. „Diese Maßnahme“ gibt der Minister unumwunden zu, „hat nichts mit Sozialismus zu tun, es war uns auch damals klar, dass wir damit die Bevölkerung in einen Teil mit und einen ohne Dollar teilen würden und dass sie der Arbeitsmoral nicht gut tun würde – es war nichts weiter als eine konkrete Maßnahme, um zu überleben“.
Mit weitreichenden Folgen, denn die Gesellschaftspyramide ist seitdem auf den Kopf gestellt. Das Beispiel des hoch qualifizierten Mediziners, der sich als Kofferträger im Touristenhotel verdingt, da er über Dollartrinkgelder mehr verdient als im OP, ist hinlänglich bekannt. Gleiches gilt für Funktionäre, die mit dem staatseigenen Lada nach Dienstschluss Touristen zur Sightseeing-Tour bitten und Jugendliche, die Schule oder Uni schwänzen, um den Touristen geklaute oder gefälschte Zigarren zu verkaufen und gleich noch eine chica linda anbieten.
Die Anzeichen für Korruption im Establishment sind kaum zu übersehen. Handgeld für die Vermittlung von lukrativen Jobs nicht nur im Tourismussektor wird verlangt und auch bezahlt. Diebstahl hat Konjunktur – nicht nur in den staatlichen Fabriken, auch auf der Straße. Die mittlerweile obligatorischen Gitter an den Fenstern und Türen der Privatwohnungen sprechen Bände. Vor den neuen Phänomenen kann und will die PCC, die kommunistische Partei Kubas, nicht mehr die Augen verschließen. Mehrere Studien zur gesellschaftlichen Entwicklung auf der Insel wurden in Auftrag gegeben. Für Ernesto González, Funktionär des kommunistischen Jugendverbandes UJC, ist es Zeit, gegenzusteuern, Fehler, die in den letzten Jahren gemacht wurden, zu korrigieren und neue Perspektiven für die Jugend zu schaffen. „Ein Grundproblem liegt in unserem Ausbildungssystem. Wir haben es der Bevölkerung ermöglicht zu studieren, die wissenschaftliche Ausbildung und anschließend eine entsprechende Karriere einzuschlagen, dabei jedoch vergessen, dass wir auch Tischler, Maurer oder Bauern brauchen. Denn Kuba ist nun einmal kein Industrieland, sondern ein Land, das in erster Linie von seinem Rohstoffexporten, wie dem Zucker, dem Tabak oder dem Nickel abhängt“, schildert er. „Mit der Garantie auf einen Arbeitsplatz ist es nicht getan, denn man muss auch die Interessen und Vorlieben eines Arbeit Suchenden berücksichtigen. Es fehlt in Kuba nicht an Arbeit, Arbeit gibt es im Überfluss – in der Landwirtschaft, auf dem Bau oder, eines der weniger populären Beispiele, bei der Polizei. Aber kaum jemand will dort arbeiten, da die Perspektiven fehlen“, bestätigt der 32-jährige Wissenschaftler am Institut für Gentechnik und Biotechnologie (CIGB) ein zentrales Dilemma.

Mulata linda im Hochglanzprospekt

Dass es zwischen Perspektivlosigkeit und Prostitution Zusammenhänge gibt, wird in Kuba nicht mehr kategorisch bestritten, und auch die Zeiten der hilflosen zynischen Bemerkungen à la Fidel Castro ist vorbei. Der hatte einmal schulterzuckend gesagt, dass die kubanischen Huren, die bestausgebildetsten der Welt seien. Dass neue Konzepte für die Lokomotive der kubanischen Wirtschaft her müssen, ist Konsens in der kommunistischen Partei des Landes. Werbung, die die leichtbekleidete kubanische Schöne in den Vordergrund stellt und damit indirekt dem Sextourismus Vorschub leistet, wird mittlerweile kritisch beurteilt. Kubanische Veranstalter, die sich allzu gern der mulata linda, der schönen Mulattin auf der Titelseite bedienten, sollten gemaßregelt werden, fordert Ernesto González, und mit den internationalen Veranstaltern müsse man sich an einen Tisch setzen.
Eine Forderung, die Havannas KP-Sekretär Esteban Lazo ebenfalls unterstützt. Doch auch die sozialen Ursachen müssen endlich tiefgehend analysiert werden, denn polizeilich lasse sich das Problem nicht lösen. Für den KP-Funktionär ist klar, dass man alternative Arbeitsplätze finden und Gesundheitskontrollen einführen, vor allem aber respektvoll mit den Prostituierten und ihren Problemen umgehen muss. Ein Ansatz, dem auch Ernesto beipflichtet: „Man muss mit einer aktiven sozialen Arbeit in den Schulen, in den Betrieben, in den Familien beginnen. Langfristig muss sich die ökonomische Lage im Land und damit auch in jeder Familie spürbar verbessern“. Kein leichtes Unterfangen, aber unabdingbare Grundlage für die Eindämmung der Prostitution, darüber ist sich der 32-jährige sicher, denn es geht um die „Rettung der Werte, die die Revolution in diesen 40 Jahren geschaffen hat“.

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