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Tragbare Bildwelten

Mitten in der Nacht bricht das Wanderkino auf, um den einzigen Bus zu erreichen, der an diesem Tag von der Stadt San Cristóbal aus in die Selva Lacandona, den mexikanischen Regenwald, oder ins Hochland von Chiapas fährt. Dort liegen die meisten der sich im Widerstand befindenden autonomen Gemeinden. Auf einer staubigen, holprigen Straße schlängelt sich der Bus die kurvigen Hänge entlang, morgendlicher Nebel zieht sich wie ein Vorhang vor die weitläufigen Hügelketten. Da viele der Dörfer, die das Wanderkino besucht, nicht über Straßen erreichbar sind, schließt sich an die Busfahrt ein ausgedehnter Fußmarsch an.
In Gummistiefeln und mit Taschenlampe führt der Weg über die stockfinsteren, vom Regen aufgeweichten Pfade der chiapanekischen Berge bis in eine kleine Wellblechhütte, in der Kinoki von einer Maya-Tzeltal- oder Tzotzil-Familie empfangen wird. Die Bewohner der Dörfer, die das Wanderkino einladen, bieten den MitarbeiterInnen Unterkunft und Essen, in seltenen Fällen legen sie auch für die Fahrtkosten zusammen.

Freiluftkino im Regenwald

Am Nachmittag nach der Ankunft beginnen die Vorbereitungen für den Kinoabend: Ein weißes Laken wird aufgespannt und dient als Leinwand, Sitzbänke werden durch auf Steine gelegte Bretter improvisiert. Die Kinovorführung kann im Gemeindehaus des Dorfes, der Schule oder selbst in der Kirche stattfinden. In den meisten Fällen finden die Vorstellungen unter freiem Himmel statt. Das Wanderkino kann sich glücklich schätzen, wenn der besuchte Ort an das Elektrizitätsnetz angeschlossen ist. In den wenigsten Dörfern des südmexikanischen Urwaldes gibt es Strom. So muss Kinoki außer Leinwand, Projektor und Videorecorder auch noch einen gewaltigen Generator durch die Berge schleppen.
Nach Einbruch der Dunkelheit beginnen die Filme. Ob Dokumentarfilme, Spielfilme oder Kinderfilme gezeigt werden, der Andrang ist groß. Selbst aus anderen Dörfern und abgelegenen Gehöften zieht das Kino Menschen an, die oftmals stundenlange Wanderungen zum Ort der Filmvorführung zurücklegen. Bis spät in die Nacht sitzen Männer, Frauen und Kinder dann gebannt vor der flimmernden Leinwand.

Kino ist nicht nur Unterhaltung

Seit vier Jahren betreibt der 1992 in Wien gegründete „Verein für audiovisuelle Selbstbestimmung“ Kinoki ein Video-Wanderkino in Mexiko, das regelmäßig marginalisierte Regionen im Bundesstaat Chiapas besucht. Über das Medium Video trägt Kinoki aktuelle Informationen sozialer, kultureller und politischer Inhalte in die Dörfer. Meistens sind diese Vorführungen der erste Kontakt der Gemeinden mit dem Kino.
Die Wirkung auf das soziale Leben des Dorfes ist enorm. Vor der Kinoleinwand versammeln sich alle Einwohner, ungeachtet politischer, ideologischer oder religiöser Zwiespältigkeiten. Dank dessen ist jede Kinovorstellung eine Unterstützung des Wiederaufbaus der sozialen Gewebe und der Versöhnung der oft in sich gespaltenen Gemeinden. Die Leute begrüßen das Kino als Informationsmedium und gleichzeitig als intelligente Form der Unterhaltung. Am gefragtesten sind Dokumentarfilme über die Realität in Chiapas und über das dörfliche Leben der indígenas in anderen Bundesstaaten. Der zweite Schwerpunkt der Arbeit Kinokis, neben den Filmvorführungen in den Gemeinden, besteht in der eigenständigen Videoproduktion. Einführende Kurse und Workshops über Kino, Filmgeschichte und Kameragebrauch für die DorfbewohnerInnen machen das Medium Film begreif- und benutzbar.

Kulturelle Selbstrepräsentation durch Video

So werden TechnikerInnen ausgebildet, die einerseits die Projektionsgeräte bedienen können, um selbstständig das Wanderkino in die Dörfer zu bringen, und andererseits lernen, eigene Dokumentarfilme zu realisieren. Ihre Lebenswelt der indigenen Kultur und des dörflichen Lebens wird zum Thema dieser Produktionen. Diese Filme sind ermutigende Schritte auf dem Weg zur kulturellen Selbstbestimmung.
Indigene Selbstrepräsentation ist in der Geschichte der Medien und der anthropologischen Forschung alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Unzählige ausländische Dokumentarfilme sind über die indigene Bevölkerung des mexikanischen Bundesstaates Chiapas gemacht worden. Diese Darstellungen kommen in der Regel ganz ohne die aktive Partizipation der präsentierten Bevölkerung aus und degradieren diese Menschen so zu einflusslosen Studienobjekten. Gegen solche kulturelle Ausbeutung und politische Bevormundung gibt Kinoki den indígenas die Mittel in die Hand, durch die sie sich selbst repräsentieren können, und stärkt damit die regionale Autonomie der Bilderproduktion. Meist sind Drehbuch, Aufnahmen und Ton der Videoarbeiten von den DorfbewohnerInnen selbst gemacht. Für Schnitt und Produktion zeigt sich Kinoki verantwortlich. Im Gegensatz zu herkömmlichen Reportagen, die nur einem westlichen Fernsehpublikum zugänglich sind, werden die von Kinoki mit den Gemeinden realisierten Filme in denselben Gemeinden später auch vorgeführt. Dies fördert eine Diskussion über die Produktion, die weitere Aspekte und Erfahrungen generiert und die erzählte Geschichte erweitert. So wurde es zum Prinzip der Arbeit, die Filme in verschiedenen Phasen ihrer Entstehung dem Dorf zu zeigen, um den Inhalt zu komplementieren. Die Filme von Kinoki unterscheiden sich somit nicht nur durch eine andere Perspektive, sondern sie sind auch vielschichtig und komplex in der Bearbeitung ihrer Themen, während kommerzielle Reportagen häufig nur eine oberflächliche ästhetisierende Beobachterposition einnehmen. Durch die Einbeziehung der Gemeinden in den Entstehungsprozess des Videofilms, werden die indígena wieder zu den SchöpferInnen und ProtagonistInnen von eigenen, aus ihren Erfahrungen entstandenen Geschichten.

Kinoki tourt durch Europa

Kinokis Wanderkino ist im November dieses Jahres auf Tour in Österreich, Deutschland, der Schweiz und Spanien. Präsentiert wird das aktuelle Projekt, der Dokumentarfilm „Rilajmam – der alte Großvater“ aus Guatemala. Es ist eine Dokumentation über die spirituelle Tradition der indigenen Kulturen Mittelamerikas, die trotz der Bemühungen der spanischen Eroberer zur Christianisierung ihren eigenen Glauben bewahren konnten und ihn heute noch praktizieren. Der Film besucht die Maya Tzutuhil in Santiago am Atitlansee und erkundet mit ihnen die große Erzählung von ihrem Schutz- und Schöpfergott Rilajmam, um den sich mannigfaltige Geschichten und Mythen ranken.

Genaue Termine unter tjomki@t0.or.at

KASTEN:
„Es ist unumgänglich, den indigenen Völkern ihre eigenen Kommunikationsmedien zu geben, die eine bessere und neue Beziehung der indigenen Völker untereinander sowie zwischen ihnen und dem Rest der Gesellschaft ermöglichen. Ein neues Kommunikationsgesetz ist nötig, das es den indigenen Völkern erlaubt, ihre eigenen Kommunikationsmedien zu beziehen, zu nutzen und zu verwalten.“
(Vereinbarungen von San Andrés, Februar 1996)

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