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TRAVESTIS: EINE POLITISCHE IDENTITÄT

Wie wir uns selbst nennen: Travestis in Lateinamerika
Ich wünsche mir, dass dies dazu beiträgt, ein Gedächtnis des lateinamerikanischen Travestismo aufzubauen. Ich glaube, wir haben Geschichte zu erzählen und Geschichte zu schreiben. Und zwar eigene Erfahrungen aus der ersten Person, um sie den Diskursen entgegenzusetzen, die über uns verbreitet werden. […]

In den 90er Jahren, als wir Travestis begonnen haben, in der Öffentlichkeit laut zu werden und uns zu organisieren, haben wir entschieden, dass wir unsere kollektive Energie zuerst auf die Umdeutung des Begriffs Travesti konzentrieren mussten, der bis dahin sowohl für andere als auch für uns selbst negativ besetzt war. Er wurde und wird immer noch als Synonym für aidskrank, diebisch, skandalös, infiziert und ausge-grenzt verwendet. Wir haben uns entschieden, dem Wort Travesti neue Bedeutungen zu geben und es mit Kampf, Widerstand, Würde und Freude zu verbinden.

Uns Travestis ist es wichtig, die politischen Bedeutungen des Wortes Travesti zum Ausdruck zu bringen. Es bestimmt Subjekte – uns –, die wir in verschiedenen Momenten und Orten Gegnerinnen und Gegnern die Stirn bieten, den Fundamentalistinnen und Fundamentalisten, den Autoritären, den Ausbeuterinnen und Ausbeutern und den Verteidigerinnen und Verteidigern des Patriarchats und der Heteronormativität. […]
Wir konstruieren unsere Identität, indem wir die Bedeutung, die die dominante Kultur den Genitalien verleiht, infrage stellen. Die Gesellschaft sieht auf die Genitalien und daraus ergeben sich Erwartungen hinsichtlich der Identität, der Fähigkeiten, der sozialen Position, der Sexualität und der Moral eines jeden Menschen. Es wird davon ausgegangen, dass zu einem Körper mit einem Penis eine maskuline und zu einem Körper mit einer Vagina eine feminine Subjektivität gehört. Der Travestismo bricht mit dieser in westlichen Gesellschaften hegemonialen binären Logik, die diejenigen unterdrückt, die sich dagegen wehren, sich den Kategorien „Mann“ und „Frau“ unterzuordnen. […]

Travestis in Lateinamerika: Wie wir leben
Unser Travestismo ist ein Phänomen, das sich vom nordamerikanischen und europäischen Transgenderismus unterscheidet. […] Das Wort Transgenderismus ist in theoretischen Arbeiten der US-amerikanischen Wissenschaft entstanden. Im Gegensatz dazu stammt der Begriff Travesti in Lateinamerika zunächst aus der Medizin und wurde sich von Travestis selbst angeeignet, neu ausgearbeitet und verkörpert, um sich selbst so zu benennen. Das ist der Begriff, in dem wir uns wiedererkennen und den wir uns ausgesucht haben, um uns als Rechtssubjekte zu konstruieren.

Dieser Prozess der Aneignung des Travestismo als Ort, von dem aus wir unsere Stimmen erheben und unsere Forderungen aufstellen, bestimmt einen politischen Kampf. […] Der Travestismo als verkörperte Identität überwindet die Politik der binären Körperlichkeit und der dichotomen Logik von Sexualität-Geschlecht.

Hier in Lateinamerika hat sich der Travestismo über die politische Mobilisierung und Diskussion mit anderen subalternen Subjekten einen eigenen Raum geschaffen. […] Es ist nicht möglich, Identitätskonstruktion von Lebensbedingungen in unseren Gesellschaften zu trennen. Unsere Lebensbedingungen sind gekennzeichnet durch den Ausschluss aus dem formellen Bildungssystem und Arbeitsmarkt. Innerhalb dieser Szenarien ist Prostitution die einzige Einnahmequelle, die am weitesten verbreitete Überlebensstrategie und einer der sehr wenigen Orte, in der die Travesti-Identität als Möglichkeit, in der Welt zu existieren, anerkannt wird. […]

In Lateinamerika und Argentinien wird der Travestismo oft in jungen Jahren angenommen. In einer Gesellschaft, die Travesti-Identitäten kriminalisiert, führt diese Situation häufig zum Verlust des Zuhauses, der familiären Bindungen und dem Ausschluss aus der Schule. […]

In den Lebenswegen von vielen von uns ist die Erfahrung der Entwurzelung mit der Annahme unserer Identität verbunden. […] Auch die Erfahrung des Todes und insbesondere der Verlust von Freundinnen und Bekannten ist für lateinamerikanische Travestis im Unterschied zu privilegierten Gruppen nichts Außergewöhnliches, sondern eine alltägliche Erfahrung. Die geringe Lebenserwartung begleitet die Mehrheit von uns. Es fehlen Generationen von älteren Travestis und die jüngeren kennen keine Erwachsenen, die ihnen helfen, einen Zeitpunkt kommen zu sehen, der über die unmittelbare Gegenwart hinausgeht oder eine Dimension zu erahnen, die die Individualität übersteigt. Der massive Verlust von compañeras hat Einfluss auf eine fehlende kollektive Erzählung, eine fehlende gemeinschaftliche Erinnerung, die uns ermöglichen würde, uns in der Zukunft zu projizieren.

Über Sittenverstöße, Polizeiverordnungen, Verhaltenskodexe und den öffentlichen Raum (für einige und einige wenige)
Die Kriminalisierung der Travesti-Identität findet zudem durch die Kontrolle bestimmter Bevölkerungsgruppen statt, die der Staat durch Polizeiverordnungen, Sittenverstöße, Verhaltenskodexe durchführt. Diese verfassungswidrigen Regulierungen sind dazu da, bestimmte soziale Gruppen polizeilich zu verfolgen und ihren Zugang zum öffentlichen Raum zu begrenzen: Travestis, Sexarbeiterinnen, cartoneras und cartoneros (Papiersammler*innen), piqueteras und piqueteros (Mitglieder der Arbeitslosenbewegung) und Straßenhändlerinnen und Straßenhändler.

Auf diese Weise wird unser Aufenthalt und unsere Bewegung eingeschränkt und für Travestis ist diese Begrenzung des Öffentlichen besonders schwerwiegend, da die Straße eine der wenigen Ressourcen ist, die wir als Kollektiv haben. Wir haben weder Zugang zu Bildung, zum Arbeitsmarkt, zu eigenem Wohnraum und die Straße ist daher ein sehr relevanter Raum in unserem Alltag.

Es ist nicht unser Wunsch, soziale Anerkennung zu erreichen, sondern die Hierarchien, die über die Identitäten und die Subjekte verfügen wollen, die wir uns als Schwarze, Nutten, Palästinenserinnen, Revolutionärinnen, Indigene, Dicke, Inhaftierte, Drogensüchtige, Exhibistionistinnen, Piqueteras, Villeras (Slumbewohnerinnen), Lesben, Frauen und Transen bekennen, niederzureißen. Auch wenn wir keine Möglichkeit haben, ein Kind zu gebären, haben wir trotzdem den Mut und die Wut, die notwendig sind, um eine andere Geschichte hervorzubringen.

 

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